Fassadenbild in Schwerin und seine Geschichte : Realsozialistische Satire-Show

Das Wandbild in der Lessingstraße hatte nur wenige Jahre Bestand.
Foto:
Das Wandbild in der Lessingstraße hatte nur wenige Jahre Bestand.

Ideologische Hürden und die Tücken der Planwirtschaft machten ein Fassadenbild in der Schweriner Weststadt zum Großprojekt

svz.de von
27. August 2016, 00:00 Uhr

Es gab eine Zeit, die nannte sich Sozialismus. Die dazugehörige Kunstform hieß Sozialistischer Realismus. Allgegenwärtig hatte sie zu sein, beschloss die systemtragende Partei, die SED. Zur Umsetzung entstanden allerorten Büros für baugebundene Kunst. Hier wurden bildkünstlerische Konzepte für Neubaugebiete erarbeitet und die passenden Künstler verpflichtet. So auch für die Schweriner Weststadt.

1977 erhielt der Dresdner Maler Christoph Wetzel den Auftrag, den Giebel des Hauses Lessingstraße 19 zum Thema „Freizeit und Lebensfreude“ zu gestalten. Was nun geschah, war im wahrsten Sinne sozialistischer Realismus und könnte in einer Satire-Show nicht besser dargestellt werden.

Zunächst musste der Künstler seine Entwürfe von der Parteiebene absegnen lassen. Hierzu traf er sich mit der Genossin Kreisärztin, dem Stadtbaudirektor und weiteren Funktionären zu einer so genannten „Aussprache“. Nachdem zunächst „generelles Einverständnis“ signalisiert wurde, kam die Kritik. Die Tänzerin weint offensichtlich, wahrscheinlich hat sie ihren Auftritt verpatzt. Doch wo ist da die Lebensfreude? Man findet einen Kompromiss. Denn wenn man „genau“ hinschaut, weint sie nicht, sondern wischt sich nach getaner Arbeit nur den Schweiß vom Gesicht.

Kompromisslosigkeit herrscht hingegen bei einer Person unten links im Bild. Hier hatte Wetzel einen vereinsamten alten Mann vorgesehen, während im Hintergrund ein Fernseher in immer kleiner werdenden Kästen flimmert. Dies, so die Genossen, könnte „falsche Schlüsse bei der Rezeption aufkommen lassen“. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf, musste Wetzel nun einen „jungen Menschen darstellen, um eine falsche Nutzung der Freizeit zum Ausdruck zu bringen“.

Nach den ideologischen Hürden folgte der Kampf gegen die realsozialistische Mangelwirtschaft. Der allseits bekannte Spruch „keine Leute, keine Leute“ führte zur ersten Verzögerung. Schließlich fand man in Warin Zimmerleute. Gemäß einer „Vereinbarung über außerdienstliche Tätigkeiten“ konnte bis zum Sommer 1978 die Lattenunterkonstruktion angebracht werden.

Nach dem Personal- folgte das Materialproblem. Ursprünglich geplante Aluminiumplatten erwiesen sich als unbeschaffbar. Da Plaste und Elaste gerade als neue Superwerkstoffe galten, kamen Platten aus Glakresit zum Einsatz. Zehn Monate nach Bestellung konnten die Platten aus dem VEB Chemische Werke Cottbus abgeholt werden. Einschließlich der Alkydharzlackfarben waren nun alle Werkstoffe vorhanden. Es konnte endlich losgehen, doch oh weh: Baugerüste oder eine Hebebühne waren in der Bau-Hauptsaison Goldstaub.

Erst im August 1978 stand ein Hubgerüst zur Verfügung. Die Handwerker hatten nun natürlich keine Zeit mehr und der Künstler musste alle Platten eigenhändig anschrauben. Doch dann konnte die Kunst beginnen. Als wäre die Sache nicht schon vertrackt genug, bewarfen alkoholisierte Jugendliche das fast fertige Wandgemälde mit allerlei schädigenden Substanzen. Erst im Oktober war das Werk vollbracht.

Die Freude währte jedoch nicht lange. Bereits 1981 begann die Farbe abzuplatzen. Ursachen waren Spätfolgen der Sachbeschädigung sowie fehlende Versiegelung des Gemäldes und der Fugen. Da half auch die Eingabe eines besorgten Bürgers nichts. Erst zwei Jahre später einigten sich Verwaltungsapparat und Künstler über die Restaurierung des Gemäldes. Und, man kann es kaum glauben, wieder gelingt es nicht, ein Gerüst zu besorgen.

1985 hatten sich dann alle Platten verworfen und keine war mehr ohne Farbschäden. Eine Rekonstruktion schien den damals Verantwortlichen finanziell nicht vertretbar. Wann das Wandbild abgebaut wurde, ist nicht aktenkundig.

Schade ist auch, dass weder das Stadtarchiv noch der jetzt in Berlin lebende Künstler ein Farbfoto des Bildes besitzen. Daher der Aufruf an die Schweriner, ihre Fotoalben zu durchforsten. Vielleicht hat jemand sogar ein Stück des Gemäldes aus dem Abriss-Container geborgen.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen