Käthe Kruse : Puppenmacherin mit Geschäftssinn

Die Puppen-Macherin Käthe Kruse mit zwei von ihr gestalteten Puppen, aufgenommen im Jahr 1955. Da war Kruse bereits eine erfolgreiche Geschäftsfrau. Ihre Werkstatt im schwäbischen Donauwörth übergab sie drei Jahre später an ihre Tochter Hanne Kruse-Adler. 
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Die Puppen-Macherin Käthe Kruse mit zwei von ihr gestalteten Puppen, aufgenommen im Jahr 1955. Da war Kruse bereits eine erfolgreiche Geschäftsfrau. Ihre Werkstatt im schwäbischen Donauwörth übergab sie drei Jahre später an ihre Tochter Hanne Kruse-Adler. 

Mit Sand und einer Kartoffel zur Firma mit Millionengewinn: Vor 50 Jahren starb Käthe Kruse

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16. Juli 2018, 10:42 Uhr

Bettina Thienhaus
und Christopher Beschnitt Ihr Name weckt Erinnerungen an Kindheit, an Puppen, mit denen sich hingebungsvoll spielen und träumen ließ. Puppen mit schlicht wirkenden Kindergesichtern und weichen Stoffkörpern, erschaffen von der Puppenmacherin Käthe Kruse (1883–1968). Sie hatte ein Gespür für kindliche Bedürfnisse. „Die Puppe muss etwas zum Liebhaben sein. Das ist ihr Sinn und Zweck“, erklärte sie in ihrer Autobiografie „Das große Puppenspiel“.
Handwerkliches Geschick und künstlerisches Talent, gepaart mit Geschäftssinn, machten Käthe Kruse zu einer erfolgreichen Unternehmerin. Sie starb vor 50 Jahren, am 19. Juli 1968. Die Käthe-Kruse-Manufaktur, 1912 gegründet, besteht bis heute. Dass sie ausgerechnet mit Spielfiguren erfolgreich wurde, ist durchaus eine Ironie der Geschichte.

Denn als Kind war Kruse von Puppen alles andere als begeistert. „Für Puppen konnte Käthe keine Liebe empfinden, nicht einmal für Perdita, die sie zu ihrem 8. Geburtstag als Geschenk bekam. Sie selbst beschrieb den taillierten Lederbalg mit den schlenkrigen Beinen und dem starren Puppengesicht als ,greulich‘“, heißt es im Käthe-Kruse-Museum im schwäbischen Donauwörth. Dort sitzt auch das Unternehmen Käthe Kruse. Die Gründerin stammte ursprünglich allerdings nicht aus Bayern, sondern aus Schlesien.

Auf eigenen Füßen stehen, sich durchsetzen hat Kruse früh gelernt. Katharina „Käthe“ Johanna Gertrud Simon kommt am 17. September 1883 in Breslau zur Welt. Ihre Mutter, nicht verheiratet, schlägt sich als Näherin durch. Sie vermittelt dem Kind, dass man für sein Glück selbst zuständig ist, alles selber machen kann. Doch sie schaffte den Sprung ins Bildungsbürgertum. Mit 16 sprach sie beim Breslauer Stadttheater vor, wurde ans Berliner Lessing-Theater vermittelt und dort rasch bekannt – auch mit anderen Berühmtheiten des damaligen Kulturbetriebs. Dann verliebt sie sich in den Bildhauer Max Kruse, 30 Jahre älter und berühmt. Die beiden werden ein Paar, 1902 wird Maria geboren, das erste ihrer sieben Kinder. Heiraten hat Zeit für später, „freie Liebe“, wie es damals hieß, ist im Künstlermilieu nicht ungewöhnlich. Erst 1909 heirateten die beiden. Aber schon sieben Jahre zuvor war Kruse – damals noch Fräulein Simon – erstmals Mutter geworden. Acht Kinder brachte Kruse zwischen 1902 und 1921 zur Welt, ein Sohn starb bei der Geburt.

Es zieht sie in den Süden, sie lernt italienisch. 1905 lebt sie mit Maria und der zweiten Tochter Sofie eine Weile im Tessin, in Ascona in der dortigen Künstlerkolonie. Die Mädchen sollen Puppen bekommen, Vater Max im fernen Berlin will sie besorgen. Doch er findet das Angebotene scheußlich. Mini-Erwachsene mit kalten Porzellangesichtern seien das. Das älteste der Geschwister, Maria, war es, das Kruse dazu brachte, ihre einstige Puppen-Aversion zu überwinden.

Denn Maria wünschte sich einen Spielkameraden. Kruse schickte ihrem Mann einen Kaufauftrag nach Berlin. Dieser antwortete: „Ick koof euch keene Puppen. Ick find se scheißlich. Macht euch selber welche.“ So fertigte die Mutter 1905 ihre erste Puppe. Sie nahm ein Handtuch, füllte es in der Mitte mit warmem Sand und machte an den Ecken Knoten für Arme und Beine. Für den Kopf umwickelte sie eine Kartoffel. Daraus entwickelt sie nach und nach die klassische Käthe-Kruse-Puppe. Sie produziert nach dem Grundsatz „Mechanik verträgt sich nicht mit Natürlichkeit“. Eine Käthe-Kruse-Puppe hat keine beweglichen Klimperaugen und keine Gelenke. Der Körper ist aus Stoff, weich und warm anzufassen, die Haare kämmbar. Das gilt bis heute. Dabei orientierte Kruse sich an den reformpädagogischen Ideen der Zeit, die beim Kind Neugier, Fantasie und die Lust an der Nachahmung fördern wollten. Das Kind wurde als eigenständige Persönlichkeit gesehen.

Das Berliner Warenhaus Hermann Tietz (Hertie) lädt die Puppenmacherin 1910 ein, sich an der Weihnachtsausstellung „Spielzeug aus eigener Hand“ zu beteiligen. Kruses Puppen sind ein Hingucker, viele Besucher wollen eine haben. 150 Stück umfasste der erste große Auftrag. „Die Vereinigung von Primitivität und Natürlichkeit ist das Geheimnis meiner Puppen“, erklärt sich Käthe Kruse den Erfolg. Diese erste Bestellung wurde noch in Kruses Berliner Wohnung unter chaotischen Bedingungen mit einigen Hilfskräften umgesetzt.

1912 richtet sich die Puppenmacherin in Bad Kösen im heutigen Sachsen-Anhalt eine eigene Werkstatt ein. Es entstanden neue Typen: Schaufenster- und Puppenstubenpuppen, aber auch Soldatenfiguren in grauer Uniform. In der NS-Zeit, als Spielzeug Propagandazwecken zu dienen hatte, verweigerte Käthe Kruse sich nicht: Es gab ihre schon 1928 kreierte blonde Puppe „Friedebald“ als SA-Mann und als Hitlerjungen. Gleichzeitig verhalf die Firmenchefin aber der in der NS-Diktion als „Halbjüdin“ abgestempelten Freundin ihres jüngsten Sohnes Max zu einer Stelle als Praktikantin und Sekretärin in der Manufaktur.

Kruse lässt sich, geschäftstüchtig, „Puppe I“, „Träumerchen“ oder „Schlenkerchen“ patentieren. Die Namen der Puppen spiegeln den Zeitgeschmack wider – aktuell heißen sie Mia, Sarah oder Leo. Aber ein Name taucht immer wieder auf: „Mimerle“. Es ist der Kosename von Tochter Maria.

Heute würde man sagen, Kruse gründete ein klassisches Start-up, das sich zu einer prosperierenden Firma entwickelte. Ärger blieb nicht aus, wie etwa Ideenklau durch Konkurrenten. So prozessierte die Unternehmerin 1925 mit Erfolg gegen die US-amerikanische Spielzeugfirma Bing, die Kruse-Puppen kopierte. Erstmals wurde einem Spielzeug künstlerischer Urheberschutz zugesprochen.

Doch es gab auch schwere Zeiten für die Unternehmerin. 1942 starb ihr Mann, 1950 wurde ihr Kösener Betrieb von der DDR enteignet. Nach Gründung der DDR wurde die Puppen-Manufaktur in einen VEB (Volkseigener Betrieb) umgewandelt. Käthe Kruse verlagerte die Produktion ins schwäbische Donauwörth. 1958 übergab sie, mittlerweile Anfang 70, die Firmenleitung an Tochter Hanne Kruse-Adler. Heute setzt der Holzspielzeughersteller Hape die Tradition fort. Nicht nur Hanne Kruse-Adler ließ sich von der Begeisterung ihrer Mutter anstecken, auch andere Kruse-Kinder waren im Bereich Spielzeug aktiv – etwa Sofie als Schöpferin der Knetmasse „Fimo“. Und der Kinderbuchautor Max Kruse (1921–2015) wurde mit seinem lispelnden Dino Urmel („Urmel aus dem Eis“) fast so berühmt wie Mutter Käthe.

Im Donauwörther „Käthe-Kruse-Museum“ lässt sich die Geschichte der Puppen anschaulich nachvollziehen. „Die Hand geht dem Herzen nach“, war das Credo von Käthe Kruse, „nur die Hand kann erzeugen, was durch die Hand wieder zum Herzen geht. Dafür gibt es wohl kein überzeugenderes Beispiel als die Puppe.“

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