Historischer Raub in Schwerin : Postschaffner auf Abwegen

Das alte Schweriner Postamt in der damaligen Kaiser-Wilhelm-Straße , der heutigen Mecklenburgstraße Repro: dietze
Das alte Schweriner Postamt in der damaligen Kaiser-Wilhelm-Straße , der heutigen Mecklenburgstraße Repro: dietze

Im Jahr 1880 stiehlt ein ehemaliger Mitarbeiter Geld und Wertpapiere aus dem Schweriner Postamt

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26. November 2015, 10:04 Uhr

Wer von den Älteren erinnert sich nicht an den legendären Überfall auf den Postzug der Britischen Royal Mail 1963 in England? Die Beute betrug nach heutigem Wert etwa 45 Millionen Euro. Auch Schwerin hatte seinen Postraub. Sicher war er nicht so spektakulär, aber immerhin mit einer Beute, die einer Kaufkraft von beinahe einer Million Euro entsprach. Tatort war der zwischen 1846 und 1849 entstandene Vorgängerbau des Hauptpostamtes in der Mecklenburgstraße.

Wir schreiben das Jahr 1880. In den frühen Morgenstunden des 30. Juni machen Beamte des Kaiserlichen Postamtes eine Entdeckung. In einem der Dienstzimmer ist ein Schrank aufgebrochen und ein Fach mit Geldbriefen leergeräumt worden. Sofort beginnt eine Großfahndung. Staatsanwalt und Kriminalpolizei nehmen die Ermittlungen auf. Aus Berlin wird eigens dazu Kriminalkommissar Hoest gerufen, eine Kapazität in seinem Fach.

Schnell wird allen klar, der Täter muss sich ausgekannt haben. Bald schon fällt der Verdacht auf den früheren Mitarbeiter Schuldt. Derselbe ist 35 Jahre alt, hat sich während seiner Dienstzeit im Dragonerregiment 18 in Parchim musterhaft geführt, in den Feldzügen gegen Österreich und Frankreich gefochten und das Eiserne Kreuz erworben. Nach beendeter Dienstzeit wird Schuldt Postschaffner in Rostock und 1879 an das Schweriner Postamt versetzt. Hier wird er wegen Unterschlagung entlassen und zu einer achtmonatigen Gefängnisstrafe verurteilt. Diese Strafe sollte Schuldt am Tag nach dem Postraub antreten. Seit seiner Entlassung arbeitet er auf der Baustelle des Museumsneubaus. Schon am Nachmittag des 29. Juni soll er sich jedoch vor dem Postgebäude herumgetrieben haben. Am nächsten Morgen wird Schuldt von der Arbeit weg verhaftet, leugnet aber hartnäckig die Tat.

Kommissar Hoest lässt die Frau des Verdächtigen observieren. Am 10. Juli gesteht diese nach zweistündiger Vernehmung, am 30. Juni morgens 100 000 Mark in eine Schürze gewickelt im Schlossgarten vergraben zu haben. Bei einer sofort eingeleiteten Suche wird das Geld gefunden. Nur einige hundert Mark fehlen.

Aus Rücksicht auf die Kinder bleibt die Geständige vorerst auf freiem Fuß. Wenige Tage später gesteht auch Schuldt den Diebstahl. Am 7. August 1880 kommt es in Schwerin zur Verhandlung. Schuldt schildert ausführlich den Tathergang: Von seiner Arbeitsstelle am Museum begibt er sich gegen 10 Uhr abends zum Kreuzgang am Dom. Hier das Postgebäude überblickend wartet er den Abgang der Gadebuscher Post ab, schleicht sich in die Passagierstube und lässt sich einschließen. Nachdem in der Nacht gegen 1.30 Uhr die letzten Beamten das Gebäude verlassen haben, gelangt Schuldt durch ein aufgehebeltes Fenster in den Korridor. Mit den Örtlichkeiten vertraut, findet er mühelos den Raum, in dem Geld und Wertgegenstände aufbewahrt werden. Der Büroschlüssel hängt neben der Tür. Die hölzernen Schränke sind kein Hindernis. Mit dem Messer erbricht er den ihm vielversprechend erscheinenden, entnimmt Geld und Wertbriefe und flieht durch ein Fenster.

Im Schlossgarten sichtet Schuldt seine Beute. Das Geld steckt er unter seine Mütze, mit den Wertpapieren läuft er zum Ostorfer See, zerreißt sie und wirft sie ins Schilf. Danach macht er sich auf den Heimweg. Zu Hause in der Waisenstraße 7 angekommen, nimmt er aus dem Geldbündel 120 Mark zur Bestreitung der Miete während seiner anzutretenden Haft und wirft diese seiner Frau auf das Bett mit den Worten, jetzt habe er seine Rache gehabt. Bald darauf begibt er sich wieder an seine Arbeit am Museum, wo er morgens gegen 9 Uhr verhaftet wird. Frau Schuldt bringt ihrem Mann noch den Morgenkaffee zur Baustelle, um anschließend, wie erwähnt, den größten Teil des Geldes im Schlossgarten zu vergraben.

Die anschließenden Zeugenaussagen bestätigen die Geständnisse. Bekannt wird außerdem, dass Schuldt die Tat schon im Frühjahr während seiner Untersuchungshaft wegen Unterschlagung von Postsendungen plante. Von den geraubten 95 000 Mark fehlten am Ende 1300 Mark, von den Wertpapieren im Wert von ca. 50 000 Mark, die zerrissen im Ostorfer See gelandet waren, ließen sich solche im Wert von 850 Mark nicht wieder auffinden.

Schuldt war ein armer Kerl. Als Soldat hatte er sich 15 Jahre lang musterhaft geführt. Der Dienst bei der Post war eine Lebenschance, die er sich durch Veruntreuung zerstörte. Seine Rache für die darauf erfolgte Verurteilung sollte ihn in den Abgrund stürzen. Er wurde zu acht Jahren Gefängnis und Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte auf zehn Jahre verurteilt, seine Frau wanderte für ein Jahr hinter Schloss und Riegel.

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