Schweriner Historie : Pleiten, Pech und Pannen

Georg Adolph Demmler passierte ein Missgeschick auf der Baustelle des Schauspielhauses.
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Georg Adolph Demmler passierte ein Missgeschick auf der Baustelle des Schauspielhauses.

Dem Jahr 1875 sahen einige Schweriner mit Schrecken entgegen – und manchmal bestätigten sich schlechte Vorahnungen.

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05. Januar 2018, 00:00 Uhr

Ob 1875 ein Jahr wie jedes andere wird oder auch nicht, wer weiß das schon, in jener Silvesternacht am 31. Dezember 1874. Wie jedes Jahr versammeln sich zahlreiche Schweriner um Mitternacht auf dem Marktplatz, um sich ein gesundes und glückliches neues Jahr zu wünschen. Plötzlich verstummt die Menge. Ein Leichenwagen biegt auf den Platz ein, überquert ihn und fährt weiter in Richtung Neuer Friedhof. Ein böses Omen für das neue Jahr? Zu allem Überfluss beginnt wenige Minuten später auch noch das Rathaus zu brennen. Zum Glück hat nur der Schornstein gebrannt, aber für einen großen Teil der Bevölkerung steht fest, die Stadt wird 1875 von einem großen Brand oder einer verheerenden Seuche heimgesucht werden.

Von epidemischen Krankheiten bleibt die Stadt verschont. Einzig die Diphtherie grassiert und forderte manches Opfer. Aber die Gefahren lauern überall. Immer wieder kommt es zu Haus- und Wohnungsbränden. Offenes Feuer ist die übliche Licht- und Energiequelle. Petroleumlampen beginnen sich gerade erst durchzusetzen. Wie wenig verbreitet das Wissen um brennbare Flüssigkeiten ist, zeigt ein Vorfall in der Wittenburger Straße. Ein dort dienendes Mädchen meint dem Feuer im Küchenherd etwas nachhelfen zu müssen, indem es Petroleum in die offene Flamme gießt. Augenblicklich steht alles in hellen Flammen. Der Hausherr ist sofort zur Stelle und kann löschen. Das Mädchen trägt erhebliche Brandwunden davon.

Eine Gefahr birgt auch der unsachgemäße Umgang mit den Zimmeröfen. Noch heute gibt es in Deutschland jährlich über 200 Menschen, die einer Kohlenmonoxidvergiftung zum Opfer fallen. Das zu frühe Schließen der Ofenklappen fordert im November in der Waisenstraße beinahe vier Opfer. Nur den besonderen Anstrengungen des Arztes gelingt es, Kinder und Eltern zu retten. Ähnlich ergeht es einer Familie in der Neustadt. Der Aufschrei eines Kindes weckt die Mutter. Das Zimmer ist bereits voller Rauch und erstickender Gase, und nur mit Mühe gelingt es der benommenen Frau, sich zur Tür zu schleppen und Hilfe zu holen.

Mensch und Tier leben noch eng beieinander in jener Zeit. Am 30. Januar wird eine Kuh zum Schlachter geführt. Auf dem Ziegenmarkt reißt sie sich los, stößt einen Mann und eine Frau um, und rennt den Weg zurück, den sie gekommen war. In der Nähe der Jägerkaserne gerät ihr ein Jugendlicher vor die Hörner, sie schleudert ihn beiseite, wenig später ereilt einen zweiten dasselbe Schicksal. Endlich gelingt es einem Jäger, dem wilden Treiben ein Ende zu setzen. Solche Zwischenfälle sind keine Seltenheit. Das auf den umliegenden Dörfern gekaufte Schlachtvieh kommt gestresst in Schwerin an. Schon ein kläffender Straßenköter reicht, um die Kühe Amok laufen zu lassen.

Dass Menschen sich nicht mögen, kommt in den besten Kreisen vor. Ein Fall von Selbstjustiz der brutalsten Art ereignet sich am 14. Januar in der Knaudtstraße. Arbeitsmann Wilhelm Untzelmann und Maurergeselle Heinrich Schultz wohnen im selben Haus und geraten immer wieder aneinander. Untzelmann gelangt schließlich zu der Überzeugung, dass es das Beste wäre, sich den Nachbarn vom Hals zu schaffen. Zu diesem Zweck fertigt er sich eine Keule an, indem er einen dicken Knüppel am Kopfende aushöhlt, mit Blei füllt und mit Nägeln spickt. Sein Opfer überrascht er beim Holzhacken. Schultz kann den Angriff parieren, Untzelmann kommt seine Keule abhanden. Er gelangt aber an Schultzens Beil und schlägt ihm damit über den Schädel. Man glaubt den Schwerverletzten auf den Tod verwundet. Nach einigen Wochen erholt er sich wieder, ihm bleibt ein entstelltes Gesicht. Untzelmann rühmt sich öffentlich seiner Tat, wird verhaftet und wegen schwerer Körperverletzung zu 16 Monaten Gefängnis verurteilt.

Auch prominente Bürger der Stadt bleiben von Missgeschicken nicht verschont. Hofbaumeister Demmler ist mit dem Umbau des Schauspielhauses betraut. Am 4. September begibt er sich auf die Baustelle, bricht beim Passieren eines mit Brettern überlegten Grabens ein und verschwindet in der Tiefe. Die nächsten Wochen muss er den Bau vom Krankenbett aus leiten.

Bleibt noch eine Posse zu erwähnen, die die Beamten- und Dienerschaft des großherzoglichen Hauses in Aufregung versetzt. Ein adliger Rittergutsbesitzer eines nahen Gutes begibt sich Anfang Dezember in das Staatsministerium, lässt sich beim Staatsminister Graf Henning Friedrich Carl von Bassewitz melden, um den Grafen für abgesetzt zu erklären. Er erklärt der verdutzten Exzellenz, er sei jetzt Großherzog und habe einen anderen Herrn zum Minister ernannt. Daraufhin begibt er sich in das Großherzogliche Schloss und führt sich hier in ganz ähnlicher Weise auf. Als man seiner habhaft wird, übergibt man ihn der Irrenheilanstalt auf dem Sachsenberg.

So geht auch 1875 als Jahr mit Höhen und Tiefen, mit Glück für die einen und Unglück für die anderen in die Stadtgeschichte ein.


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