Apotheker in MV : Pillen in Blattgold gewickelt

Die Hirsch-Apotheke Am Markt 29 in Wismar
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Die Hirsch-Apotheke Am Markt 29 in Wismar

Das Mecklenburger Apothekerleben im 19. Jahrhundert war kein Zuckerschlecken

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26. Mai 2017, 13:10 Uhr

Apotheken im Umbruch: Versandapotheken und deren Auswirkungen sind aktuell ein wichtiges Thema – keine leichte Zeit für die weißen Kittelträger.

Carl Friedrich Framm wüsste vielleicht, was zu tun ist. Der Mann hat sich schon vor 160 Jahren gegen die Konkurrenz behauptet. In Wismar stampfte er zu jener Zeit eine neue Apotheke aus dem Boden. Obwohl es zwei weitere alteingesessene Apo-theken gab, gelang es ihm durch kreative Geschäftsideen und einfühlsame Beratung, einen starken Kundenstamm aufzubauen.

Wie man im 19. Jahrhundert überhaupt Apotheker wurde und wie man damals zu einer eigenen Apotheke kam, berichtet Edith Framm in ihrem Buch „Ein Mecklenburger Apothekerleben im 19. Jahrhundert“. Edith Framm war bis 2002 selbst Ärztin und ist mit dem Ururenkel des Carl Friedrich Framm verheiratet. Anhand eines Tagebuchs und weiterer Quellen gelang es ihr, das Leben jenes Mannes zu erzählen, der am 1. Januar 1845 die „Neue Apotheke“ am Wismarer Markt eröffnete, die später den Namen Hirsch-Apotheke erhielt. Heute kann sich die Hansestadt rühmen, eine der ältesten Apotheken in Deutschland zu haben, die durchgängig im Besitz einer Familie ist, in 6. Generation! Doch zurück zu Carl Friedrich Framm. Der 1807 geborene Sohn eines Apothekers wuchs in Doberan auf. Früh schaut er seinem Vater über die Schulter. Seine Nase ist stets gefüllt mit spannenden Düften. Damals war in den Apotheken noch der Handel mit Gewürzen, Seifen, Kaffee, Zucker, Tabak, Likören und Wein üblich. Weil die älteren Brüder in die Fußstapfen des Vaters treten, schnallt der junge Carl eines Tages seinen Rucksack und heuert in Apotheken in Hamburg und Gotha an. In letzterer lernt er, die für die herzogliche Familie verordneten Pillen in Blattgold zu wickeln.

Um seinen Wissensdurst zu stillen, trägt er sich an der Universität Jena für das Fach Pharmazie ein. Später studiert er noch in Rostock. Anschließend verschlägt es ihn mit seiner Frau Therese nach Grevesmühlen. Acht Jahre betreibt Carl Friedrich Framm hier eine Apotheke, die er von seinem Vorgänger übernommen hat. Doch der kluge Mann fühlt sich nicht ausgelastet. Und so greift er die Chance beim Schopfe, in Wismar eine neue Apotheke aufzubauen. Bevor das Ehepaar mit den Kindern umziehen kann, muss ein Haus gefunden werden. Viel Geld nehmen sie in die Hand, um schließlich das Haus am Markt 29, ein altes Gebäude aus dem 16. Jahrhundert, nach ihren Vorstellungen umzubauen. Es muss Platz bieten zum Leben, aber auch ausreichend Raum für die Apotheke und ein Laboratorium. Außerdem brauchen sie einen Kräuterboden. Hier sind jene Pflanzen gut aufgehoben, die sie später in Teemischungen, Salben und Tinkturen verarbeiten. Im Laboratorium brodelt und zischt es, wenn Carl Friedrich Framm und seine Gehilfen Seifen kochen oder aus der Salbe des getrockneten und geriebenen Spanischen Käfers jene Cantharidenpflaster anrühren, die gegen Rheuma helfen sollen. Autorin Edith Framm berichtet in ihrem Buch, dass es zu jener Zeit um 1845 in Wismar 13 Ärzte und 5 Chirurgen gab. „Sie verordneten ihre Arzneimittel auf einem schmalen Blatt Papier, dem Rezept, dass die Patienten oder ihre Angehörigen in der Apotheke vorzulegen hatten. Die Arzneien wurden in der Apotheke hergestellt, sie mussten nach den von der Obrigkeit festgelegten Preisen, der Arzneitaxe, berechnet werden und waren bei Abholung zu bezahlen.“

Insgesamt mussten Carl Friedrich Framm und die anderen Apotheker 230 Arzneistoffe vorrätig halten. Streng waren auch die Kontrollen bei den Apothekenvisitationen. Hierbei kamen in Chemie ausgebildete Herren vorbei, um sich stichprobenartig Arzneistoffe herauszupicken und sie auf Reinheit und Qualität zu untersuchen. Aufwändig ist es für Apotheker Framm, Morphiumlösungen und arsenhaltige Pillen herzustellen, einfach dagegen sind Brausepulver und Rosenwasser. Gefragt ist auch sein selbst angerührtes Mineralwasser. „Framm“, heißt es im Buch, „ging sogar so-weit, im Schützenhaus vor dem Schweriner Tor einen Ausschank einzurichten, damit die Bürger der Stadt bei ihren Spaziergängen heilkräftige Wässer trinken konnten.“ Bange wird dem Apotheker, als 1850 die Cholera in Wismar ausbricht. „Über der Stadt lag eine gedrückte Stimmung. Wie lange würde es dauern? Wen würde es treffen? In der Apotheke wurden jetzt Kamille, Flieder, Krauseminze und Pfefferminze gekauft, das sollte zur Vorbeugung sein. Wurden Opium- und Choleratropfen auf den Rezepten verordnet, dann war bereits jemand erkrankt.

Kaum ist die Seuche vorbei, macht sich nächster Ärger breit. In der Wismarschen Zeitung bewirbt jemand in einer Anzeige ein Wundermittel, das gegen allerlei Krankheiten helfen soll. Auch damals versuchte man, mit den Wehwehchen der Leute Geld zu machen. Apotheker Framm besorgt sich das Zeug für einen horrenden Preis und nimmt es in seinem Labor unter die Lupe. Hat er es doch gewusst! Es handelt sich um gewöhnliches Bittersalz, mit etwas Rhabarberpulver gemischt. Kurzerhand schaltet er eine eigene Annonce, in der er den Lesern die Augen öffnet.

Mittlerweile genießt seine Hirsch-Apotheke in Wismar einen guten Ruf. Ein Patent des mecklenburgischen Großherzogs bringt Framm 1859 in die erfreuliche Lage, sich Hoflieferant nennen zu dürfen. Noch im selben Jahr wendet er sich der Homöopathie zu, die zu jener Zeit recht gefragt ist in der Stadt. Framm hofft, dass durch diesen Schritt in Zukunft vielleicht sogar zwei Familien von den Erträgen der Apotheke leben können. Die Rechnung geht auf. Zwei seiner Söhne treten in seine Fußstapfen. Carl Friedrich Framm kann sich zurücklehnen. Er stirbt 1875 mit 68 Jahren nach einem schaffensreichen Leben.

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