Bräuche aus Mecklenburg : Pfingstochse und Hirtenkönig

„Der Umzug des Pfingstochsen in Mecklenburg“ lautet der Titel dieses Holzstichs, der nach einer Zeichnung von Franz Müller-Münster entstand.
„Der Umzug des Pfingstochsen in Mecklenburg“ lautet der Titel dieses Holzstichs, der nach einer Zeichnung von Franz Müller-Münster entstand.

Viele alte mecklenburgische Bräuche gingen auf heidnische Wurzeln zurück

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02. Juni 2017, 11:27 Uhr

„De Oss kümmt, de Oss!“ Laute Kinderstimmen schallen durch die enge Straße der mecklenburgischen Kleinstadt, auf der der Pfingstochse vom Stadthirten, der heute zum „Hirtenkönig“ ernannt worden ist, geführt wird. Schon biegt die Prozession um die Ecke. Der mit Kränzen und Maigrün geschmückte Ochse zögert für einen Moment. Doch der Hirtenkönig führt ihn souverän, sein „Hofstaat“, aus Hirten- und Handwerkerjungen gebildet, braucht das stattliche Tier nicht von hinten anzutreiben. Von Straße zu Straße wird der Zug länger, bis er sein Ziel vor der Stadt erreicht hat. Hier wird heute die sogenannte „Häg’brak“ gefeiert.

Was ist heute von diesem Brauch geblieben, der noch bis in die 30-er Jahre des vergangenen Jahrhunderts in vielen Orten Mecklenburgs begangen wurde? Lediglich der im Volksmund für einen aufgetakelten Zeitgenossen gebräuchliche Vergleich, dass er „geschmückt wie ein Pfingstochse“ durch die Gegend läuft. Pfingsten ist heute für viele lediglich ein verlängertes Wochenende. Der Anlass dieses christlichen Festes, das Brauchtum dieser Tage, sind meist vergessen.

Dabei war Pfingsten, besonders für die mecklenburgische Dorfbevölkerung, das ausgelassenste Fest des Jahres. Die Pfingstfeiern enthielten die meisten Elemente des heidnischen Brauchtums. Mai und Juni, das sind die beiden Monate, in denen der Frühling seine Hochzeit hat, die Saat aufgeht, die nächste Generation von Haustieren geboren wird. Monate, die unter dem Zeichen der Fruchtbarkeit stehen und auch dem Fest seine Freude gaben.

Die Pfingstspiele unterschieden sich in den Landesteilen. Im Westteil des Schweriner Landesteiles und im Fürstentum Ratzeburg gab es das Ringreiten, das Katerschlagen oder das Bräutigamgreifen. Das Tonnenschlagen hat sich bis heute auf einigen Heimatfesten erhalten. Im Osten und in Mecklenburg-Strelitz hatte der „Knarrboom“, ein um einen starken Mittelpfahl gebautes Lattengerüst, das als Karussell benutzt wurde, seinen Platz.

Auch der alte Orakelglaube fand bis Anfang des 20. Jahrhunderts seinen Platz im pfingstlichen Brauchtum. In der Feldberger Gegend pflückten die Mädchen am Vorabend des Pfingstfestes sieben Kräuter, aus denen sie einen Kranz flochten, der in der Nacht unter das Kopfkissen gelegt wurde, um von dem künftigen Bräutigam zu träumen. Auch die Kampfspiele und Umzüge der Hütejungen gehörten zum Pfingstfest. Am selben Abend wurde durch einen Wettlauf entschieden, welcher Hütejunge am nächsten Tag beim Umzug der „König“ sein würde. Wer am Pfingstmorgen als letzter seine Herde austrieb, wurde zum „Pfingstkalw“ oder „Pingtskarr“ gekürt und das ganze Jahr verspottet. Der Junge musste dann am nächsten Tag beim Umzug durch das Dorf den Bettelspruch der Hütejungen beim Einsammeln der Gaben aufsagen. Dieser Umzug glich einer Karnevalsveranstaltung. Vorneweg der „Daustriker“, dahinter der „König“ unter einem Baldachin, mit mehreren Phantasieorden, dahinter der „Adjudant“, der Mückenstöwer, der die Mücken zu vertreiben hatte. Froschfänger, Bierpröwer und andere „Gewerke“ folgten. Dass dies unter viel Heiterkeit der Akteure und Zuschauer zelebriert wurde, kann man sich denken.

Und während die Jugend diesen Schabernack trieb, waren die älteren Bewohner schon mit Pferd und Wagen unterwegs, um sich mit den Nachbarn zu treffen.

Neben der Ausgelassenheit der Bräuche wurde aber auch der christliche Sinn des Pfingstfestes gepflegt. Der morgendliche Pfingstgottesdienst am Sonntag zählte zu den Höhepunkten im Kirchenjahr. Das Kircheninnere war mit Maigrün und Kränzen geschmückt worden; die Kirche bis auf den letzten Platz gefüllt. Richard Wossidlo berichtet in seinen Aufzeichnungen, dass für viele der alten Leute das Pfingstfest das schönste Fest des Jahres gewesen ist.

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