KPD : Parteisoldat auf dem Lande

Zigarrenpause: Ernst Goldenbaum (M.) auf dem Bezirksparteitag der DBD in Neubrandenburg 1972
Zigarrenpause: Ernst Goldenbaum (M.) auf dem Bezirksparteitag der DBD in Neubrandenburg 1972

Der Parchimer Ernst Goldenbaum war Chef der DDR-Bauernpartei und stand trotzdem im Visier der Staatssicherheit

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19. Juni 2018, 10:22 Uhr

Ernst Goldenbaums politisches Werden beginnt mit dem Ersten Weltkrieg. Der 1898 in Parchim geborene damalige Landarbeiter flieht vor der Einberufung Richtung Dänemark, wird aber verhaftet und eingezogen. Im November 1918 schließt er sich revoltierenden Soldaten in Schwerin an. In der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei (USPD) und später der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) findet er eine politische Heimat. Der nun als Arbeiter tätige Goldenbaum hat politisches Talent und wird nach einigen Jahren Gewerkschafts- und Parteifunktionär. 1927 übernimmt er in Rostock die Redaktion der Zeitung „Volkswacht“. Als KPD-Landtagsabgeordneter (1924-1926 und 1929-1932) befasst er sich mit Agrarfragen. Zudem gehört er der Parteibezirksleitung an. Im September 1932 muss er wegen seiner politischen Arbeit in Haft – nicht zum ersten Mal. Unter der Herrschaft der NSDAP steigert sich der Verfolgungsdruck, Goldenbaum wird mehrfach inhaftiert, zuletzt am 22. August 1944.

Gegen Kriegsende treibt ihn die SS aus dem KZ Neuengamme mit ca. 7000 weiteren Häftlingen auf Schiffe bei Lübeck. Diese greift die Royal Air Force am 3. Mai 1945 als vermeintliche Truppentransporter an. Goldenbaum kann sich jedoch von der brennenden „Cap Arcona“ schwimmend retten. Damit gehört er zu den nur rund 400 Überlebenden der Schiffsuntergänge. Er schlägt sich nach Parchim durch, wo er den Posten des Bürgermeisters übernimmt. Er wird Chef der KPD im Kreis Parchim, ab September 1945 unter anderem Geschäftsführer der Landeskommission für Bodenreform sowie Leiter der Abteilungen Bodenreform und Landwirtschaft in der Landesverwaltung Mecklenburg-Vorpommern. Damit ist er ein maßgeblicher Akteur bei der Enteignung und Neuverteilung des Bodenbesitzes. 1946 wird er als KPD-Mitglied automatisch in die neu gebildete SED übernommen.

Anfang 1948, Goldenbaum sitzt inzwischen für die Vereinigung der gegenseitigen Bauernhilfe im Landtag, wird die sowjetische Militäradministration auf ihn aufmerksam. Der SED-Vorsitzende Wilhelm Pieck überzeugt ihn, die Führung der zu bildenden Demokratischen Bauernpartei Deutschlands (DBD) zu übernehmen. Goldenbaums kommunistische Vergangenheit wird öffentlich weitgehend verschwiegen, um die Bauernpartei als SED-unabhängig darzustellen.

Schließlich übernimmt Goldenbaum den Posten als Land- und Forstwirtschaftsminister der DDR. Doch die SED-Parteispitze misstraut ihm, möglicherweise weil er vor 1945 weder in das sowjetische Exil noch in den Widerstand gegangen war. Am 15. November 1950 wird er auf Veranlassung des SED-Generalsekretärs Ulbricht und des Ministerpräsidenten Grotewohl abberufen.

Auch in der Führung der DBD entwickeln sich Auseinandersetzungen um Goldenbaum, doch die SED hält ihn im Sattel. Denn die DBD lässt unter Goldenbaum kaum Zweifel daran, dass sie die SED voll unterstützt. Trotzdem legt das „Schild und Schwert“ der SED, das MfS, 1950 eine Akte (216 Blatt) über Goldenbaum – wie auch zu vielen anderen Führungskadern der DBD – an. Die Stasi führt die Akte zwar bis 1988, aber die meisten Berichte sind aus den 1950er-Jahren. Die Staatssicherheit vermutet in ihrer Paranoia bei Ernst Goldenbaum unter anderen „sektiererische Tendenzen“ und sucht nach „Agententätigkeit“ – findet jedoch keine. Das MfS wirbt viele Geheime Informatoren (GI) bzw. später Inoffizielle Mitarbeiter (IM) an, um die DBD zu überwachen. Dazu gehört 1950 Goldenbaums Fahrer, der sich ihm jedoch offenbart, sodass er von der Überwachung durch das MfS wissen muss. Auch im Parteivorstand und damit in direkter Nähe zu Goldenbaum platziert das MfS Zuträger. Dazu gehört beispielsweise Leonhard Helmschrott (GI „Bernd“ 1950–1986) – 1948 bis 1986 Chefredakteur der DBD-Zeitung „Bauern-Echo“ und über lange Zeit ein Vertrauter Goldenbaums.

Bis 1955 sind von den neun engeren Mitgliedern des Sekretariats der Bauernpartei bis auf Paul Scholz und Ernst Goldenbaum allesamt Geheime Informatoren im Dienst des MfS. Ungeachtet innerparteilicher Querelen wird Goldenbaum über 34 Jahre zum Inbegriff der – politisch weitgehend einflusslosen – DBD. Er gilt als ehrlich, zuverlässig, fleißig, ehrgeizig und ist in der Bevölkerung beliebt, gilt jedoch auch als kritikempfindlich. Als zunehmende Alterserscheinungen seine Autorität sichtbar senken, räumt er im Mai 1982 seinen Posten für Ernst Mecklenburg und fungiert fortan als Ehrenvorsitzender der DBD. Seine Heimatstadt Parchim macht ihn zum Ehrenbürger. Bis zum 1. Dezember 1989 bleibt er Mitglied der Volkskammer. Während der Friedlichen Revolution spielt er kaum eine Rolle. Das Ende seiner Partei im Oktober 1990 erlebt er nicht mehr: Am 13. März 1990 stirbt Ernst Goldenbaum.

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