Johanniter : Ordensritter in Mecklenburg

Bei einer Veranstaltung zur Geschichte der Johanniter im Sommer war der Madonnenaltar noch zu bewundern - zurzeit ist die Kirche leergeräumt, weil die dringend notwendige Dachsanierung begonnen hat.
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Bei einer Veranstaltung zur Geschichte der Johanniter im Sommer war der Madonnenaltar noch zu bewundern - zurzeit ist die Kirche leergeräumt, weil die dringend notwendige Dachsanierung begonnen hat.

Vor 700 Jahren entstand in Kraak eine Komturei der Johanniter

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26. November 2015, 09:36 Uhr

Geistliche Ritterorden – wer denkt bei diesen Wörtern nicht an Schwerter und lange Mäntel, Mythen, Verschwörungstheorien und das Heilige Land? Das klingt alles nach „sehr weit weg“. Fakt ist jedoch, dass in der Geschichte der noblen Herren auch Mecklenburg ein Schauplatz war. Davon zeugen Kirchen wie die in Kraak, wohin die Johanniter 1315 – vor 700 Jahren – ihre 1217 in Sülstorf gegründete Komturei verlegten.

Der „Orden vom Spital des Heiligen Johannes zu Jerusalem“ entstand 1099, zuerst als Laienbruderschaft für die Armen- und Krankenpflege. 1113 erfolgte die Anerkennung als kirchlicher Orden, wie sie auch die Tempelritter und der Deutsche Ritterorden besaßen. Neben den karitativen Aufgaben waren die Johanniter wie alle anderen Ritterorden zunehmend militärisch gefragt – bei der Verteidigung der in Kreuzzügen eroberten Gebiete. Dies bezog sich längst nicht nur aufs Heilige Land, sondern beispielsweise auch auf Gebiete, die nach den Wendenkreuzzügen von deutschen Siedlern in Besitz genommen wurden. So übertrugen die Grafen von Schwerin das Dorf Sülstorf dem Johanniterorden – mit Vorteilen auf beiden Seiten: Ordensbrüder vor Ort lebten von den geleisteten Abgaben und leiteten überschüssige „Erlöse“ weiter, im Gegenzug lasen sie die heilige Messe und halfen bei der Christianisierung der einstmals slawischen Gebiete. Ob nun ein Laienbruder oder ein Ritterbruder der Kraaker Komturei vorstand und ob auch hier Kranke gepflegt wurden, ist schwer zu sagen. „Es gibt nur wenige Schriftzeugnisse“, erklärt der Historiker Dr. René Wiese. Hoffnung auf neue Erkenntnisse setzt er in alte Wandmalereien, die 2013 unter dem Putz der Kraaker Kirche entdeckt wurden. „Stichproben haben ergeben, dass die Kirche komplett ausgemalt ist. Auch gotische Buchstaben wurden gefunden“, sagt Wiese, der jetzt wie viele Forschende die Restaurierung des Schatzes herbeisehnt, der sich als offenes Buch erweisen könnte. Und nicht nur Forschende hoffen: Frieda Langner, deren Familie seit 1823 in Kraak ansässig ist, ist genauso gespannt: „Das Wissen über Malereien im Kircheninneren ist in meiner Familie über Generationen weitergegeben worden“, sagt die Rentnerin, die alle Veröffentlichungen zu den Johannitern in Kraak und zur Ausstattung der Kirche sammelt. Ihr Wissen gibt sie gern bei Führungen durch das Gotteshaus weiter.

Und zu erfahren gibt es viel: Die heutige Backsteinkirche entstand erst nach Einrichtung der Komturei. „Sicher wird es eine Kirche gegeben haben oder zumindest einen Chor, was ja das Entscheidende gewesen ist, um die Messe lesen zu können“, sagt Wiese. Die Anfänge des Gebäudes datieren auf das 14. bzw. den Anfang des 15. Jahrhunderts. Reparaturen im 19. Jahrhundert veränderten die Struktur noch einmal. Ihrer Johannitervergangenheit verdankt die Kirche eine eindrucksvolle Ausstattung, zu der ein um 1500 aufgestellter geschnitzter Madonnenaltar gehört. Maria auf der Mondsichel im Mittelteil des Altars wird von Johannes dem Täufer und Johannes dem Evangelisten flankiert.

Dass es zumindest einige schriftliche Quellen über die in Kraak ansässigen Johanniter gibt, ist Streitigkeiten zu verdanken. „Wenn Streit entsteht, entstehen auch Akten“, sagt René Wiese und berichtet von einer Auseinandersetzung mit den Uelitzer Zisterziensern, die den Bach für eine Mühle stauten. So kam in Kraak bei den Johannitern zu wenig Wasser an, was diese sich natürlich nicht gefallen lassen wollten – schließlich formte der die Besitzungen umfließende Mühlenbach eine natürliche Festung, die per Zugbrücke gesichert war. Der Streit endete gütlich. Haariger wurde es da schon im 16. Jahrhundert, als im Zuge der Reformation die Mecklenburger Herzöge ihre Finger nach dem Kraaker Besitz ausstreckten. Es ging so weit, dass sich der Komtur in der Kirche verschanzte, wo er von den Herzoglichen mit Waffengewalt gefangen genommen wurde. Der Säkularisierung konnten die Johanniter in Kraak nicht entgehen – die Zeit des Ordens hier endete 1552.

Auch eine interessante Ähnlichkeit von Namen erwähnt Dr. René Wiese – die zwischen Kraak und der Johanniterburg Krak des Chevaliers im heutigen Syrien, ein Weltkulturerbe, das während des syrischen Bürgerkrieges bereits schwer beschädigt wurde. Bei dieser Ähnlichkeit spielt allerdings der Zufall eine Rolle – einen Zusammenhang können Historiker nicht bestätigen, so Wiese. Das mecklenburgische „Kraak des Chevaliers“, wie er es mit einem Augenzwinkern nennt, war in der großen Geschichte des Ordens eben doch nur eine Randnotiz.

Aber immerhin eine, die auch den bekannten Archäologen, Historiker und Archivar Friedrich Lisch faszinierte: Band 1 der seit 1836 erscheinenden Mecklenburgischen Jahrbücher beginnt mit einem Aufsatz Lischs über die Komturei Kraak. Spuren der Johanniter in Mecklenburg finden sich neben Kraak, Sülstorf und Groß Eichsen auch im einstigen Herzogtum Mecklenburg-Strelitz, und zwar in Mirow, Gardow und Klein Nemerow. In der Johanniterkirche von Mirow befindet sich heute ein kleines Museum zur Geschichte des Ordens.

Und wie ging es nun in der großen Geschichte mit den Johannitern weiter? Zu Beginn des 14. Jahrhunderts siedelten die Ordensritter nach Rhodos über, wo heute eindrucksvolle Bauten wie der Großmeisterpalast von ihrer Präsenz zeugen. Nach der Eroberung von Rhodos durch Süleyman den Prächtigen 1522 zogen die Ritter nach Malta, wo sie sich fortan Malteser nannten. 1798 mussten sie nach einem Angriff Napoleons kapitulieren, womit die militärische Geschichte des Ordens endet. Geblieben sind die karitativen Aufgaben, die heute der katholische Malteser Hilfsdienst und die evangelische Johanniter-Unfall-Hilfe wahrnehmen.

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