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Flucht, Vertreibung, Neuanfang - Ihre Geschichte : Optimismus half durch die schwere Zeit

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Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Elly Burchardt wurde als junge Frau aus Ostpreußen nach Sibirien verschleppt und baute sich nach ihrer Rückkehr in Schwerin ein neues Leben auf

svz.de von
erstellt am 04.Feb.2017 | 00:00 Uhr

„Wenn ich zurückdenke, hatte all das Schreckliche, das ich erlebt habe, irgendwie einen Sinn. Wenn es schien, dass es nicht mehr weitergeht, sagte ich mir, du hast Sibirien überstanden, so wirst du auch diese Situation meistern.“ Das hat Elly Burchardt an den Schluss ihrer Lebenserinnerungen geschrieben, die sie für ihre Nachkommen festgehalten hat.

Die heute 91-Jährige wurde in Salzbach, Kreis Rastenburg, in Ostpreußen als Elly Hähling geboren. Die Eltern bewirtschafteten ein Bauerngehöft von 20 Hektar Größe. Wenn Elly Burchardt an die Heimat ihrer Kindheit denkt, dann hat sie ein Paradies vor Augen: Der Hof lag zwischen zwei Seen – „kein Wunder daher, dass wir schwimmen fast gleichzeitig wie laufen lernten“. Natürlich war die Kindheit als älteste Tochter eines Bauern nicht nur unbeschwert: Elly musste viel auf die beiden kleineren Geschwister aufpassen und in der Wirtschaft anpacken. Wie ihr älterer Bruder Erwin ging sie gern zur Schule. „Ich war ehrgeizig und eine gute Schülerin“, erinnert sie sich. „Dafür gab es aber auch noch einen anderen Grund: In der Schule hatte ich Ruhe vor meinen Pflichten zu Hause.“

Ellys Wunsch, wie andere Mädchen die Handelsschule in Rastenburg zu besuchen, schlugen die Eltern aus. Sie schickten die Tochter stattdessen auf die Landwirtschaftsschule und ließen sie Nähen lernen. Dass nicht weit entfernt Krieg tobte, war auf dem Lande lange nicht zu merken. Auch die Versorgung mit Lebensmitteln war hier besser als in der Stadt, da die Familie nahezu Selbstversorger war. Aber bald war auch im Leben der Hählings nichts mehr so wie früher. Erwin, der große Bruder, wurde eingezogen und fiel 1944 in Russland.

Im Herbst 1944 erlebte Elly Burchardt in ihrem Heimatort die Ankunft der ersten Flüchtlinge. Am 27. Januar 1945 machte sich dann auch ihre Familie auf den Weg ins Ungewisse. Bis Mitte März zogen die junge Frau und ihre Angehörigen quer durch Ostpreußen – über das Haff nach Mariensee und von dort nach Niederklanau, um einem Kessel der Roten Armee zu entgehen.

Aber alle Mühe war vergeblich und die Gruppe beschloss, nach Hause zurückzugehen. Was dann folgte, bedeutete für Elly Burchardt und ihre gleichaltrige Freundin Tuta das Martyrium: Die jungen Frauen wurden von den Familien getrennt und mussten zu Fuß 100 Kilometer bis Graudenz marschieren, wo sie in einen Zug verladen wurden. Das Ziel: Sibirien.

Nach einer drei Wochen dauernden Fahrt im Güterwaggon erreichten die Mädchen den Ort Schadrinsk. „Das Lager bestand aus ausgeworfenen Erdhütten. Innen standen an beiden Seiten zweistöckige Pritschen. Wir mussten auf den kahlen Brettern liegen“, schreibt Elly Burchardt in ihren Erinnerungen. Auf Schadrinsk, wo sie auf einer Baustelle arbeitete, folgten weitere Lager. „Am 19. Oktober 1945, meinem Geburtstag, musste ich besonders oft und lange an Zuhause denken; wo mochten bloß meine Lieben sein?“, notiert sie an anderer Stelle. Trotz dieser Gedanken bemühte sich Elly Burchardt, nicht zu viel von einem Leben nach der Gefangenschaft zu träumen, sondern mit der „täglichen Misere und dem unerbittlichen Wetter“ zurechtzukommen. „Da wir nur abgetragene russische Soldatenhosen, Jacke und Mantel erhielten, dazu Fußlappen und Filzstiefel, die, da wir keine Galoschen bekamen, schnell nässten, wurde die Kälte fast unerträglich. Der Andrang abends in der Baracke am Ofen war groß, um die Sachen zu trocknen. Da es nur einen Lehmofen gab, der kaum Wärme verbreitete, waren die Sachen auch nicht trocken zu bekommen“, schreibt Elly Burchardt. Sie berichtet von der Solidarität untereinander und vom Optimismus, mit dem sie sich im täglichen Kampf ums Überleben immer wieder aufrichtete, vom Versuch, Körper und Kleidung sauber zu halten und der elenden Schufterei auf der Winterbaustelle.

Dann erkrankte Elly Burchardt an Typhus und kam ins Lazarett. „In meinen Fieberträumen sah ich meinen Vater – er kam auf mich zu, aber immer war ein Hindernis im Weg, wir kamen nicht zusammen.“ Ein polnisches Mädchen, von dem Elly nicht einmal den Namen erfuhr, pflegte sie und verhinderte, dass sie ins städtische Krankenhaus verlegt wurde, wo schon so viele gestorben waren.

Als die junge Frau später doch in ein Krankenhaus kam, hatte sie abermals Glück im Unglück. Hier gab es etwas mehr zu essen und sie begann sich zu erholen. Um die Langeweile zu bekämpfen, fing sie an, Russisch zu lernen und Handarbeiten anzufertigen. Sie strickte für die Schwiegermutter des Chefarztes, die Babuschka, zu der sie schnell Vertrauen fasste.

Einen Tag nach Ellys Geburtstag ging es zurück ins Lager – mit der Aussicht, endlich nach Hause zu dürfen. „Der Abschied von den Leuten, mit denen wir die ganze Zeit gelebt hatten, fiel uns und auch den Russen schwer. Besonders enttäuscht war die Babuschka. Sie holte alles, was sie in der Eile zusammenraffen konnte, und gab es uns mit auf die Reise.“ Doch von dem Versprechen der Heimkehr wollte im Lager niemand mehr etwas wissen. Jetzt machte sich Elly Burchardt für die anderen stark. Nicht umsonst hatte sie Russisch gelernt – sie verlangte den Kommandanten zu sprechen.

Das war ein Risiko, das sich jedoch auszahlte: Die Frauen durften die Heimfahrt antreten. Im Dezember 1947 kam Elly Burchardt wieder in Deutschland an. Der Traum, alle ihre Lieben wiederzusehen, dieser eine Gedanke, der sie während der Lagerzeit aufrecht gehalten hatte, erfüllte sich jedoch nicht. Der Vater war in Rostock gestorben, die Oma in Ostpreußen. Die Mutter mit den jüngeren Geschwistern war immer noch in Ostpreußen und dorthin wollte sich jetzt auch Elly Burchardt auf den Weg machen. Doch es kam anders. Ärzte entdeckten bei der jungen Frau einen Schatten auf der Lunge. Die erste Hälfte des Jahres 1948 verbrachte sie im Krankenhaus, später musste sie sich in Heilstätten in Friedrichsthal und Basthorst kurieren. Ein Umzug in die alte Heimat, inzwischen ein Teil Polens, kam vor diesem Hintergrund nicht infrage.

Noch in der Heilstätte absolvierte Elly einen Fernkurs in Stenographie und später im Maschineschreiben. 1956 gelang es ihr, Mutter und Bruder und ein Jahr später auch die Schwester nach Schwerin zu holen. Sie heiratete, bekam eine Tochter und später einen Enkelsohn. Das Leben war oft mühsam, die erste Wohnung ein kleines, teilmöbliertes Zimmer. Aber die Familie hielt zusammen und es ging bergauf.

Als Elly Burchardt im Alter von 84 Jahren ihre Erinnerungen aufschrieb, hat sie notiert: „Ich bin eigentlich immer noch optimistisch und erwartungsvoll, aber auf was? Ich weiß es nicht. Aber vielleicht half und hilft mir diese Einstellung, über Widrigkeiten hinwegzukommen.“  

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