Festung Dömitz : Notizen aus dem Tollhaus

Eingang zur Festung Dömitz: Im 18. und 19. Jahrhundert wurden dort zusammen mit Sträflingen auch psychisch Kranke „weggeschlossen“.
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Eingang zur Festung Dömitz: Im 18. und 19. Jahrhundert wurden dort zusammen mit Sträflingen auch psychisch Kranke „weggeschlossen“.

Ludwig von Alvensleben verarbeitete seine Eindrücke aus der Festung Dömitz zu einer Novelle

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30. Juni 2018, 13:50 Uhr

„Der Prophet im Narrenhause zu Dömitz“ – so lautete der Titel einer Schrift, die im Mai 1831 im Verlag von Friedrich Voigt in Ilmenau erschien. Verfasser war ein gewisser Ludwig von Alvensleben. Er war der Spross einer alten Adelsfamilie und nahm bereits als 13-Jähriger an den Befreiungskriegen gegen die napoleonische Fremdherrschaft teil. Während dieser Zeit kam er auch nach Dömitz: Die kleine mecklenburgische Grenzstadt erlebte 1813 Durchzüge und Einquartierungen von mehreren tausend Soldaten, zu denen Ludwig als Kadett des hannöverschen Infanteriebataillons Verden gehörte.

Nach seinem Abschied vom Militär absolvierte von Alvensleben ein Jurastudium in Leipzig und lebte dort als freier Schriftsteller. 1830 kam er wegen der Schrift „Schatten und kein Licht“, in der er die Polizei kritisierte, kurzzeitig in Haft. 1848 nahm er aktiv an den revolutionären Aufständen teil.

Ludwig von Alvensleben war einer der vielseitigsten Autoren des 19. Jahrhunderts. Er schrieb unter eigenem Namen und Pseudonymen Erzählungen und Romane, betätigte sich als Übersetzer und Herausgeber von Zeitschriften. Zu seinen eigenen Werken gehört die erwähnte Novelle, für die er in Dömitz Inspiration fand.

Auf der dortigen Festung bestand seit 1755 ein Zucht- und Werkhaus. 1843 wurde es nach Bützow-Dreibergen verlegt. Ab 1787 werden neben den Insassen des Zuchthauses auch „Wahnsinnige“ oder „Irre“ genannt, die in ein und demselben Gebäude untergebracht waren. Erst 1801 wurde für diese Insassen das „Tollhaus“, parallel zum Zuchthaus, eingerichtet. Zwischen 1770 und 1780 wurden 25 „Wahnsinnige“ in Dömitz weggeschlossen, zwischen 1791 und 1800 waren es schon 60.

Bis dahin war es üblich, dass psychisch Kranke zusammen mit Sträflingen in einen gemeinsamen Raum gesperrt wurden. Die Beaufsichtigung geschah durch die Zuchtmeister oder auch durch Strafgefangene. Häufig wurden „Idioten“ , wie man damals sagte, angekettet und mit Folterwerkzeugen gequält, um sie so „zur Vernunft zu bringen“. Geisteskranke galten als unempfindlich gegenüber Hitze, Kälte, Hunger, Durst und Schmerzen. Man sperrte sie mitunter fast nackt weg und gab ihnen wenig Nahrung.

Ähnliche Verhältnisse fand Ludwig von Alvensleben in Dömitz vor, als er 1813 das Irrenhaus betrat. „Auf einem hellen luftigen Gange befanden sich, der Fensterreihe gegenüber, die kleinen Kämmerchen, in denen die tobenden Wahnsinnigen verwahrt wurden. Käfiche möchte ich sie nennen, denn sie glichen wahrlich mehr den Behältern wilder Thiere ... Aber freilich waren ja diese Unglücklichen auch den Thieren fast gleich zu stellen, da ein hartes Geschick sie des Unterschiedes zwischen Mensch und Thier, des Verstandes, beraubt hatte...“ Ludwig von Alvensleben berichtet von einem Mädchen, das aus Liebe zu den roten Uniformen der Hannoveraner verrückt geworden sein soll und in jedem Rotuniformierten ihren Bräutigam erblickte oder von einem früheren Landpfarrer, der sich für den Herrgott hielt.

Seine ganze Aufmerksamkeit galt aber dem „Propheten“. Wilhelm, so dessen Vorname, war der Sohn eines Geistlichen und stammte aus dem linkselbischen Preußen. 1807 kamen diese Gebiete zum neugegründeten Königreich Westfalen und Wilhelm war plötzlich Soldat in einer Rheinbundarmee Napoleons. Er desertierte, wurde aufgegriffen und sollte erschossen werden. Um dem Todesurteil zu entgehen, stellte er sich wahnsinnig und wurde in das Irrenhaus Dömitz eingewiesen, weil sich sein Regiment gerade in der Nähe aufhielt.

„Aber zu meiner höchsten Verwunderung fand ich keine Spur des Wahnsinns an ihm … Seine Kleidung war reinlich und fast sorgfältig zu nennen, obgleich sie aus den gewöhnlichen groben Stoffen bestand, welche den Irren geliefert wurden. Gleiche Ordnung und Reinlichkeit ... herrschte auch in dem kleinen Behälter, in welchem ich übrigens mehrere Gerätschaften, und namentlich auf einen kleinen Tische verschiedene mathematische Instrumente erblickte.“

Ob es sich bei dem Propheten um eine fiktive Gestalt oder um eine reale Person handelt, ist nicht mit Bestimmtheit zu sagen. Fest steht aber, dass von Alvensleben mit der Novelle ein Kapitel der Festungsgeschichte beschrieben hat, das so Eingang in die Literatur fand.
 

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