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Flucht, Vertreibung, Neuanfang - Ihre Geschichte : „Niemand wollte uns glauben“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Der Rostocker Gerold Güntner aus dem ehemaligen Sudetengau gehörte zu den ersten Opfern der „wilden Vertreibungen“

von
erstellt am 01.Jul.2017 | 00:00 Uhr

Nur knapp über 200 Einwohner zählte das Örtchen Klein Bösig (heute Bezdedice), in dem Gerold Güntner im August 1935 geboren wurde. Es liegt in Nordböhmen. Ab Oktober 1938 verlief dort die Grenzlinie zwischen dem Sudetengau und der Tschechoslowakei. Sie folgte dem, was man als Sprachgrenze bezeichnet. In Klein Bösig sprachen etwa 50 Prozent der Bevölkerung deutsch und die andere Hälfte tschechisch. „Nur 20 Kilometer weiter war fast ausschließlich Tschechisch die Muttersprache, in der anderen Richtung galt das analog für Deutsch“, erinnert sich Gerold Güntner.

Vom Geschützdonner des Zweiten Weltkrieges blieb der Ort komplett verschont. „Bis zur Kapitulation wussten wir überhaupt nicht, ob aus dem Osten die Rote Armee kommt oder die Amerikaner aus Richtung Karlsbad“, berichtet der 81-Jährige. Letztlich war es die Rote Armee. Der Vater war bereits im April 1940 zur Wehrmacht eingezogen worden und sein Schicksal unbekannt. Die Familie lebte in der Lehrerwohnung der Schule. Es war unklar, ob das so bleiben könnte. Deshalb fasste die Mutter den Entschluss, vorsorglich den Ort zu verlassen.

So wurden vom Bauern ein Leiterwagen, ein Pferd und ein Kutscher geliehen. Nur die wenigen Habseligkeiten, die auf dem Wagen Platz fanden, durften dann mit nach Groß Blatzen (heute Blatce). Die Familie lebte hier bei der Tante auf deren Bauernhof. Lange verweilen konnten sie jedoch auch dort nicht. Am Abend des 24. Juni 1945 kam überraschend der Befehl des Militärkommandanten, alle Einwohner deutscher Volkszugehörigkeit hätten am nächsten Morgen um 5 Uhr ihre Wohnungen zu verlassen und sich auf dem Dorfplatz einzufinden. Für die Familie war dies ein großer Schock. Die Zeit der „wilden Vertreibungen“ begann. Ein entsprechender Beschluss durch die Alliierten für halbwegs geordnete Umsiedlungen sollte erst viel später, bei der Potsdamer Konferenz im August desselben Jahres, gefasst werden.

Für Familie Güntner kam es noch schlimmer. Mitnehmen durfte jede Person nur so viel, wie sie selbst tragen konnte. Sogar Hilfsmittel wie Kinder- oder Handwagen waren untersagt. So machte sich die Mutter noch in der Nacht daran, für die drei Kinder – Gerold, seine Schwester und den jüngeren Bruder – aus Stoffresten kleine Rucksäcke zu nähen. Dort hinein sollten Lebensmittel für sieben Tage und die allernotwendigsten Sachen. „Der für meinen fünf Jahre alten Bruder reichte gerade zur Aufnahme eines Sofakissens“, erinnert sich der Rostocker heute. Aus Angst um ihren Ehering nähte die Mutter diesen in ein Schulterpolster ein. Denn der Befehl besagte auch, dass alle Wertsachen wie Gold- und Silberwaren, Geld, Sparbücher und andere Vermögenswerte in Papierpäckchen zu verstauen waren.

Diese sollten beschriftet mit einer Inventarliste und Daten zum Eigentümer verschnürt und am Sammelpunkt abgegeben werden. „Das Schlimmste für uns war die Tatsache, dass wir nicht wussten, was mit uns geschehen würde. Kommen wir ins Gefängnis? Nach Sibirien?“

Am nächsten Morgen begann die Reise ins Ungewisse. Zunächst ging es zu Fuß etwa zehn Kilometer zur nächsten Bahnstation. „Ich erinnere mich noch, dass manche sich zugemutet haben, neben dem Rucksack noch einen Koffer zu tragen. Davon standen dann sehr viele am Wegesrand“, so Gerold Güntner. Per Zug ging es dann in die nächste größere Stadt, Böhmisch-Leipa und von dort nach einigen Tagen zur sächsischen Grenze. Dort wurden die Leute dann sprichwörtlich in den Wald gejagt. Es wurde ihnen gesagt, auf der anderen Seite sei Deutschland, wo sie ja immer hin wollten. In Sachsen gab es zu diesem frühen Zeitpunkt jedoch nichts.

Keine Unterkünfte, kein Essen für die Vertriebenen. „Wir haben am Lichtenhainer Wasserfall auf dem Waldboden geschlafen“, erinnert sich der Rostocker. „Wir hatten ja kein Geld und kaum etwas außer den Kleidern, die wir trugen.“ Es hieß also, jeden Tag in den umliegenden Ortschaften um Essen zu betteln. Vor einem Haus hatte jemand ein Schild aufgestellt, auf dem stand: „Gebt ihnen nichts zu fressen. Die sind selber schuld.“ Betont werden muss aber, dass dies ein Einzelfall war.

Das große Ziel war ein Ort in Thüringen. Aus dem stammte ein Zöllner, den die Tante in Blatzen beherbergt hatte und dessen Adresse sie besaß. „Unsere ganze Hoffnung lag darin, dorthin zu kommen.“ So ging es mit einem der sporadisch fahrenden Züge bis nach Dresden. „Den Anblick der zerstörten Stadt werde ich nie vergessen“, raunt Güntner. Auch dort war an eine Unterkunft nicht zu denken. Nach Nächten auf der Pferderennbahn oder auf den kalten Fliesen eines Bahnhofes gelangte die Familie endlich nach Grochwitz bei Schleiz.

„Wir Kinder hatten damals nicht den geringsten Zweifel, dass uns dort geholfen werden würde“, sagt der 81-Jährige. Im Ort fragten sie einen Bauern nach Otto Ludwig, zu dem die Adresse gehörte. Der Bauer jedoch entgegnete ihnen, den gäbe es nicht mehr. Von den Russen sei er geholt worden. „Da brach für mich eine Welt zusammen.“ Als die Güntners dem Bauern erzählten, wo sie alle herkamen und was mit ihnen passiert sei, glaubte er es nicht. Für ihn war das unvorstellbar. Die Familie fragte sich, wer jetzt noch helfen könnte. Letztlich ist sie bei einem Bauern freundlich aufgenommen worden. Noch heute pflegt Gerold Güntner Kontakte nach Grochwitz.

Vom Vater indes fehlte lange jede Spur. „Da wir die Heimat verlassen hatten, war es für ihn auch schwer, uns eine Nachricht zukommen zu lassen“, sagt er. Der Vater war in sowjetische Gefangenschaft geraten, in einem Lager hinter dem Ural. Dank einer großen Portion Glück schaffte er es, die Familie zu benachrichtigen.

Im Sommer 1948 wurde er aus der Gefangenschaft entlassen und kam nach Grochwitz. An den Moment des Wiedersehens erinnert sich Gerold Güntner noch heute ganz genau. Er war gerade auf dem Weg zum Einkaufen, als er ihm entgegenkam. „Mir war klar, das muss Vati sein“, erinnert er sich. Er war völlig abgemagert und in zerlumpter Kleidung. Als sein Sohn ihm um den Hals fiel, fragte er nur: „Du bist Gerold?“ Immerhin hatte er seine Kinder jahrelang nicht gesehen. Nach seiner Rückkehr bewarb der Vater sich umgehend um eine Stelle als Lehrer in Mecklenburg, denn das Gros der restlichen Verwandtschaft hatte es dorthin verschlagen.

Heute lebt Güntner in Rostock. Zu seiner alten Heimat pflegt er eine enge Beziehung. Mit seiner Frau und den gemeinsamen zwei Kindern ging es viele Male nach Klein Bösig. Auch zu den neuen Bewohnern des Hauses der Großeltern besteht noch enger Kontakt. So hat Gerold Güntner die Verbindung zu seiner früheren Heimat nie wirklich verloren.

 

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