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Flucht, Vertreibung, Neuanfang - Ihre Geschichte : „Niemals wieder möchte ich einen Krieg erleben“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Brigitte Hempel musste während der Flucht aus Schneidemühl Bomben- und Tieffliegerangriffe ertragen / Beim Spielen mit einer Granate verlor ihr Cousin eine Hand

„Ich bin ein Mensch, der Krieg, Flucht und Bombenangriffe in der Kindheit erlebt hat“, schreibt Brigitte Hempel, Jahrgang 1933, aus Schwerin. „Diese Zeit hat mich geprägt. Ich finde einen Krieg ganz furchtbar. Niemals möchte ich so etwas noch einmal erleben.“

Sie berichtet: Als fröhliches Kind lebte ich in Schneidemühl, Pommern – dem heutigen Pila – bei meinen Großeltern. Wir wohnten in einem Betriebshaus des Elektrizitäts-Gas-Wasserwerkes am Ende der Stadt. Mein Großvater war Oberheizer des Werkes.

Als der Krieg ausbrach, erzählten die Erwachsenen viel darüber und wir Kinder beobachteten die besorgten Gesichter. Es dauerte auch nicht lange, bis viele Kampfflugzeuge über unsere Stadt flogen. Vieles veränderte sich. Viele Soldaten und Militärfahrzeuge zogen durch unsere Straße. Französische Kriegsgefangene wurden zur Arbeit auf die Rieselfelder geführt. Gustin, einer von ihnen, schenkte mir häufig Tomaten. Alles war anders – bei uns hörten oft die Arbeiter Nachrichten und Militärberichte. Wir hatten ein Radio.

Dann wurde Schneidemühl zur Festung ausgebaut. Der erste Beschuss war, als ich am Bahnhof noch eine geräucherte Gänsebrust abholen sollte. Die Menschen jagten zu den Zügen. Es war kalt – 20 Grad minus. Überall standen Militärkanonen oder es wurden Gräben gezogen. Die russische Stalinorgel hämmerte dauernd; 100 Meter entfernt waren die Einschläge.

Irgendjemand wusste die Nachricht, dass der letzte Lazarettzug vom Bahnhof abfahren sollte. Zu Fuß mit ein paar Habseligkeiten – ich trug den Schultornister mit Essbarem – versuchten wir durch die brennende Stadt den Bahnhof zu erreichen.

Im Zug waren viele Verwundete. Die Kranken stöhnten und jammerten. Ich wäre am liebsten ausgestiegen und hätte noch meine neue Angel geholt. Die Angel hatte ich von einem polnischen Kollegen meines Opas bekommen, weil ich immer für ihn Brot gekauft hatte. Es war zu dieser Zeit schon erschwert für Polen, Brot zu kaufen.

In Küstrin hielt der Zug. Die Russen waren schon mit einem Vorstoß da. Sie schossen über den Zug und kontrollierten danach alle Waggons. Aus unserem Wagen wurde ein toter Soldat herausgetragen und mit ihm der Mantel meiner Tante. Sie hatte den Frierenden vorher damit zugedeckt.

In Oranienburg bei den Verwandten kamen wir vom Regen in die Traufe. Wegen der Rüstungsherstellung war Oranienburg ein Ziel der Bombenangriffe. Wieder saßen wir im Keller. Auf dem Friedhof gegenüber lagen meterweise Tote. Unser Haus wurde verschont.

Wir rüsteten neu zur Flucht und zogen mit mehreren Pferdewagen in Richtung Wittenberge. Dieser Treck vergrößerte sich unterwegs. Viele verlassene Gehöfte gab es, hungriges und durstiges Vieh begegnete uns. An den Straßen lagen Soldatenpapiere und Teile von Uniformen. Dazu kamen die Tiefflieger. Wir versuchten uns in den Wäldern zu verstecken. Zwischen Pritzwalk und Perleberg hörten wir aus der Ferne Panzer. Jemand schrie: „Das sind die Russen! Sie werden uns überrollen!“ Schnell bogen wir in eine Seitenstraße ein und landeten in Kreuzburg, einem Dorf, in dem wir nicht freundlich empfangen wurden.

Die Pferde konnten auf die Wiese, aber wir mussten auf dem Gehöft unsere Wagen nutzen. Es war Mai, und mein kleiner Bruder, sechs Monate alt, wurde krank und starb. Es wurde uns erlaubt, ihn würdevoll zu begraben. Der Krieg war so gut wie beendet.

Mich bewegt immer noch das Erlebnis mit den deutschen Soldaten, die sich in der Scheune im Stroh versteckt hatten. Irgendwie hatten die Russen das herausbekommen und verlangten, dass meine Tanten mit der Forke stechend das Stroh durchsuchten. Es ging einigermaßen gut aus. Zu uns Kindern waren die Russen gut, sie gaben uns sogar Brot.

Wir Kinder erbeuteten alle möglichen Dinge, die noch im Gutshaus zu finden waren. Da hatten wir die Idee, ein Theaterstück damit aufzuführen. Mein sechsjähriger Cousin wollte aus Restteilen ein Radio zusammenbauen. In diesen Teilen befand sich die Zündung einer Eierhandgranate, und er verlor seine linke Hand.

Zur Schule sind wir durch die Flucht ein ganzes Jahr nicht gegangen. Wir fanden das gar nicht so schlecht. Eine Prüfung aller Schüler sollte bestätigen, ob wir die verlorene Klasse überspringen könnten. Ich konnte und bin gleich in die nächste Klasse gekommen.

In der Prignitz habe ich dann mein Leben weitergeführt und ein Zuhause gefunden. An die Stadt Schneidemühl denke ich noch öfter. Vielleicht schaffe ich es noch einmal, dort hinzukommen.
 

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