Sozialistischer Frühling : Neue Ära für Landwirte eingeläutet

Ein Agitationsfoto: Über die Hälfte aller Bauern nahm 1957 an der Winterschulung in der Gemeinde Zarnekow b. Dargun teil.
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Ein Agitationsfoto: Über die Hälfte aller Bauern nahm 1957 an der Winterschulung in der Gemeinde Zarnekow b. Dargun teil.

Die Bilanz des „sozialistischen Frühlings“ von 1960. In nur acht Jahren verschwanden Mecklenburgs Bauerngehöfte

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20. August 2016, 00:00 Uhr

Begonnen hatte es 1952: Auf der II. Parteikonferenz der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) wurde beschlossen, den „planmäßigen Aufbau des Sozialismus“ voranzutreiben. Die anderen Parteien und deren Mitglieder hatten dies wie alle DDR-Bürger brav und kritiklos abzunicken, ganz im Stil des stalinistischen Demokratie-Verständnisses. Vor allem für Klein- und Neubauern, die als Landarbeiter, Flüchtlinge und Vertriebene im Zuge der Bodenreform vom Herbst 1945 zu Land gekommen waren, waren die Genossen-schaften attraktiv.

So auch für die Familie von Dieter Remer aus dem Darguner Amtsdorf Upost. Der Sohn eines Kleinbauern hatte als 21-Jähriger bei der Aufteilung der 100 Hektar von „Großbauer“ Hermann Schlapmann „die Aufgabe, die Grenzpfähle zwischen den einzelnen Parzellen mit einem großen Schmiedehammer aus Kruppstahl einzuschlagen“. So notierte es der mittlerweile verstorbene Landwirt in seinen Memoiren. Sieben Jahre darauf, 1952, traten seine Eltern mit ihrer Wirtschaft in die Uposter LPG ein. Man schaffte es nicht mehr allein.

Den vielen Einzelbauern mangelte es an Vieh und Technik, vielen an fachlichem Wissen und Erfahrungen. Hinzu kamen Repressalien der Staatsmacht. Wer das Abgabesoll nicht aufbrachte, der wurde verhaftet. Auch Remer: Acht Zentner Brotgetreide fehlten dem Vater einmal. Darum wurde er „mit vielen Bauern in den Darguner Rathausturm eingesperrt“. Von nächtlichen Verhören berichtete der Mann. Er kam frei, andere Bauern wanderten in die Gefängnisse. Gerade die seit Generationen vor allem als Erbpächter ansässigen Landwirte hielten wenig von der „Kollektivierung“. Die SED-Genossen riefen zum „Klassenkampf auf dem Lande“ auf. Den „Großbauern“ wurde ein besonders hohes Abgabesoll auferlegt. Der Staat wollte deren Land und Vieh, es in genossenschaftliches Eigentum überführen. „Vergesellschaftung der Produktionsmittel“ hieß es im marxistisch-leninistischen Vokabular. Zu rigoros, zu schnell wurde diese „Sozialisierung“ vorangetrieben. Die DDR-Regierung steuerte auf ihre erste Krise vom 17. Juni 1953 zu, als es landesweit zu Unruhen kam. Gerade die alteingesessenen Bauern hegten wieder Hoffnung. Als die SED einige ihrer Maßnahmen zurücknahm, um den Unruhen zu begegnen, schien das Ende der LPGn nahe zu sein. Diese sollten aufgelöst werden, kursierte das Gerücht. Da hätten sich vor Freude „die Bauern in Brudersdorf und Stubbendorf besoffen und die Fahnen gehisst“, notierten staatliche Stellen. Doch das ganze blieb nur ein kurzes Intermezzo. Viele Bauern verließen ihre Höfe und Heimat, flüchteten in den „Westen“. So vier der acht Bauern im Darguner Amtsdorf Glasow. Die anderen vier Bauern und viele Handwerker gaben auf und gründeten 1953 eine LPG.

Ähnlich sah es in den anderen Dörfern rund um Dargun aus: Dörgelin, Brudersdorf, Groß Methling, Levin, Stubbendorf… verloren ganze Bauerndynastien. Bis 1960 – so aktuelle Untersuchungen – begingen in der DDR 200 Bauern Selbstmord, 15 500 flüchteten. Etwa 8000 Schauprozesse gegen „Kulaken“ fanden statt. Um den Mangel an Landwirtschaftstechnik zu beheben, entstanden Maschinen-Ausleih-Stationen (MAS), aus denen die Maschinen-Traktoren-Stationen (MTS) hervorgingen. Gegen Bezahlung konnten die Landwirte Arbeiten von ihnen erledigen lassen. Die „Großbauern“ konnten die Maschinen nur nutzen, wenn sie nicht von Klein- und Neubauern benötigt wurden. Und sie mussten höhere Ausleihgebühren zahlen.

Zudem gab es die Vereinigung der gegenseitigen Bauernhilfe (VdgB). Ziel der SED-nahen Organisation war es, den Aufbau einer sozialistischen Landwirtschaft zu unterstützen. Dennoch kam die Kollektivierung schwer voran. Anders als in der Industrie, welche fast komplett verstaatlicht war, wurden Ende der 1950er Jahre noch zwei Drittel der Flächen von Einzelbauern bearbeitet. Diese bauten 60 Prozent der Agrarprodukte an. Mit Beginn des Jahres 1960 wurde die Kollektivierung mit Brachialgewalt im Rahmen des „sozialistischen Frühlings“ durchgesetzt. Die Einzelbauern wurden „überzeugt“, „freiwillig“ einer LPG beizutreten. Mit Erfolg: 400 000 private Landwirte verschwanden, von wenigen Einzelfällen abgesehen. Mit dem 31. Mai 1960 galt die Kollektivierung als vollendet. Nun gab es fast 20 000 LPGn. Doch das Erwachen kam bald: 1960 und 1961 brachen die Erträge dramatisch ein. Die Versorgungslage für die Bevölkerung verschlechterte sich. Höfe verödeten, Felder lagen brach, Ernten konnten nicht eingebracht werden. In den Regalen der Läden herrschte gähnende Leere.
 

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