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Gedenkstätte im Belower Wald : Narben an den Bäumen

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Geschichten aus dem Museum: Gedenkstätte im Belower Wald erinnert an Leid auf dem Todesmarsch

„Wasser haben sie uns nicht gegeben“, sagt Heinz Hesdörffer im Gespräch. In seinen Aufzeichnungen, die er ab Herbst 1945 niederschrieb, hat er von seiner Leidenszeit im Belower Wald berichtet: „Ich krabbelte auf allen vieren im Wald herum, um unter dem welken Laub Bucheckern vom vergangenen Jahr zu suchen.“ Sein Leidensgefährte Jacov Tzur schrieb: „Die Häftlinge errichten Laubhütten, schöpfen Wasser aus dem nahen Bach, sie zünden ohne Erlaubnis Feuer an ... Die fast verhungerten Häftlinge, die seit 4 Tagen ohne Essenszuteilung sind, kochen Gras, Brennessel und andere Delikatessen.“

Hesdörffer und Tzur, 1923 und 1925 geboren, gehörten zu jenen Inhaftierten, die im April 1945 in einem Wald bei Wittstock mehrere Tage im Freien kampieren mussten – ohne Witterungsschutz und Versorgung. 30 000 Menschen waren aus dem KZ Sachsenhausen auf den sogenannten Todesmarsch getrieben worden. Etwa 16 000 bis 19 000 von ihnen verbrachten die Zeit zwischen dem 23. und 29. April voller Ungewissheit und Hunger in dem von der SS bewachten Waldstück. Die Bewacher wohnten im Hirtenhaus gegenüber, der Führungsstab im nahen Dorf Below.

Die Marschkolonne des Tschechen Jacov Tzur war am 23. April in das Waldgebiet gelangt. Am Abend des 26. April kam Heinz Hesdörffer an. Das Internationale Rote Kreuz erreichte einige Häftlingskolonnen während des Marsches und entdeckte nach mehreren Tagen auch das Häftlingslager im Wald von Below. Die Helfer verteilten Lebensmittelpakete und setzten die Einrichtung eines Nothospitals in Scheunen der Umgebung durch. Am 29. April wurden deutsche Häftlinge entlassen und Kranke aufgerufen, sich zu melden. „Man beabsichtige, alle Kranken im nahen Dorf Grabow unterzubringen, wo das Rote Kreuz sich ihrer annehmen würde, während alle, die noch auf den Beinen stehen konnten, in Richtung Schwerin laufend evakuiert werden sollten“, notierte Hesdörffer später. Er entschied sich schweren Herzens und „aufs Schlimmste gefasst“ mit den anderen Kranken nach Grabow zu gehen. Hier wurde er zusammen mit den Häftlingen des Nothospitals am 2. Mai von der Roten Armee befreit. Die Bewacher hatten sich vorher abgesetzt.

Den überwiegenden Teil der Häftlinge, unter ihnen Jacov Tzur, trieb man vom Lager im Belower Wald weiter nach Nordosten – durch einen schmalen Korridor, der zwischen den Fronten der Westalliierten und der Roten Armee geblieben war.

Jacov Tzur hatte eigentlich seiner Mutter nach Palästina folgen wollen. Doch der Kriegsbeginn 1939 machte seine Pläne zunichte. Der junge Tscheche wurde nach Theresienstadt und dann nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Ab Juli 1944 leistete er Zwangsarbeit, kam dann in das KZ Sachsenhausen und wurde im April auf den Todesmarsch gezwungen. Am 29. April marschierte er vom Belower Wald weiter über „Freyenstein, Meyenburg nach Parchim bis am 2. Mai in der Früh auf der Straße Ludwigslust-Parchim uns die Posten verließen“. Die Befreiung durch amerikanische Soldaten erlebte er in Sülte. 1946 wanderte Tzur nach Palästina aus. Er starb im März 2014 im Alter von 88 Jahren.

Heinz Hesdörffer, Sohn jüdischer Eltern aus dem rheinland-pfälzischen Bad Kreuznach, reiste 1939 mit seinem jüngeren Bruder nach Holland aus. Der Bruder kam zunächst in eine Pflegefamilie und wurde später in Auschwitz ermordet. Auch Heinz Hesdörffer durchlitt Theresienstadt und Auschwitz, bevor er Zwangsarbeit im Sachsenhausen-Außenlager Schwarzheide leisten musste. Im April 1945 wurde er ins KZ Sachsenhausen gebracht und ging im April auf den Todesmarsch. Nach der Befreiung schloss er sich einer Gruppe kanadischer Kriegsgefangener an und fuhr mit ihnen nach Lüneburg in die britische Zone. Nach Aufenthalten in einem Krankenhaus in Belgien und einem Erholungsheim in Holland wanderte er 1947 nach Südafrika aus. Seit 2009 lebt er in Frankfurt/Main.

Im Wald von Below erinnert heute eine Gedenkstätte an das Leid, das Häftlinge wie Jacov Tzur und Heinz Hesdörffer hier erleiden mussten. Auf den ersten Blick wirkt der Wald idyllisch. Doch Carmen Lange, Leiterin der Gedenkstätte, zeigt auf die Narben an zahlreichen Bäumen. Sie erzählen vom Hunger. Erzählen von Menschen, die hier etwas Essbares suchten, Rinde von Kiefern schabten, zerkleinerten und mit Wasser aus Pfützen Brei formten. Viele starben. Schätzungen sprechen von 700 bis 800 Toten.

1975 entstand im Belower Wald eine Gedenkstätte. Nach einem Brandanschlag 2002 begann die Planung für eine Umgestaltung. Im April 2010 wurde die Open-Air-Ausstellung „Der Todesmarsch der Häftlinge des KZ Sachsenhausen im April 1945“ eingeweiht. Transparente Stelen schimmern bläulich in der Sonne. Sie geben den Blick von der Wiese in den nahen Wald frei. Auf ihnen werden Geschichten von Leid, Angst aber auch der Hoffnung der Häftlinge während ihres Marsches ins Ungewisse anschaulich in Texten, Zeichnungen und Fotos erzählt. Gleichsam symbolisch führt ein Steg nicht nur von der Ausstellung in den Wald, sondern über Grenzen. Die Gedenkstätte liegt im Land Brandenburg, die Außenausstellung in Mecklenburg-Vorpommern. Die Außenfläche ist frei zugänglich. Im Museumsgebäude werden pädagogische Projekte angeboten.

Elvira Grossert

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