Fischerhaus in Warnemünde : Munch fühlt sich wie neu geboren

„Es geht mir viel besser“, schrieb der Maler in diesem Haus in  Warnemünde.
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„Es geht mir viel besser“, schrieb der Maler in diesem Haus in Warnemünde.

Im alten Fischerhaus am Strom in Warnemünde ließ sich für einige Zeit der Wegbereiter des Expressionismus nieder

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30. Juni 2018, 13:49 Uhr

Das Fischerhaus Am Strom Nr. 53 in Warnemünde hat es in sich. Zum einen ist es mit seinen 300 Jahren eines der wenigen noch erhaltenen Warnemünder Fischerhäuser. Zum anderen wohnte und arbeitete in diesem Haus einer der großen europäischen Künstler – der norwegische Maler und einflussreiche Wegbereiter des Expressionismus Edvard Munch (1863-1944).

Doch wie kam dieser Mann nach Warnemünde? Im Jahr 1907 dehnte Munch, nach einer Stippvisite zwei Jahre zuvor, seinen Aufenthalt in diesem von der Fischerei geprägten Ostseebad aus. Nach seinen bewegten Aufenthalten in Berlin, Lübeck und Weimar waren die achtzehn Monate in Warnemünde eine der wichtigsten, vor allem eine der ruhigen Stationen für den von häufigen Depressionen heimgesuchten Maler. Gleichzeitig sollte es sein letzter Schaffensort im selbst gewählten Exil sein. 1907 schrieb er in einem Brief: „Frische Luft und gute finanzielle Bedingungen haben große Dinge vollbracht. Es geht mir viel besser, ich lebe seit dem Sommer von Haferschleim, Milch, Brot und Fisch... Nun bin ich wie neugeboren.“

Das Ostseedorf war für Munch auch insofern interessant, da er hier, aus Berlin kommend, gern den 1903 eröffneten Trajektverkehr zwischen Warnemünde und Gedser nutzte. Damit gab es erstmals eine direkte Zugverbindung zwischen Berlin und Kopenhagen. Wer abends um 23 Uhr in der deutschen Hauptstadt den Zug bestieg, konnte ihn am nächsten Tag um 10.20 in Kopenhagen verlassen. Mit den Hotels in Warnemünde nicht so zufrieden, nutzte Edvard Munch als Wohnstatt das Fischerhaus Am Strom 53. Hier saß er oft auf der Veranda im Korbsessel, beobachtete das Treiben am Strom und zeichnete. Mehr als 60 Bilder entstanden 1907/08 in dem erwachenden und gern besuchten Badeort.

Munch starb 1944 in der Nähe von Oslo, und sein Aufenthalt in Warnemünde geriet dann lange Zeit in Vergessenheit. Bis die letzte Besitzerin dieses Anwesens, die 1991 verstorbene Liselotte Zander berichtete, dass der norwegische Maler und Grafiker einst häufig Gast ihrer Eltern gewesen war.

Als dann das norwegische Fernsehen hier im Frühjahr 1990 Aufnahmen für einen Munch-Film drehte, war der Gedanke geboren, eine Gedenkstätte einzurichten. Man fand unter anderem Unterstützung in der Botschaft Norwegens und bei den Rostocker Denkmalpflegern mit Gerhard Lau an der Spitze.

So kam eins zum anderen. Ein Förderverein wurde 1994 gegründet und erwarb das Haus. In diesem Jahr feiert das Munch-Haus sein 20-jähriges Bestehen. Es hat sich als eine feste Größe im kulturellen Leben etabliert – mit regelmäßigen Ausstellungen, Lesungen und Begegnungen.

Insgesamt haben in den zwei Jahrzehnten etwa 80 Künstler aus Norwegen und Deutschland ihre Werke ausgestellt. Das Haus dient dem Austausch und Aufenthalt norwegischer und deutscher Studenten.

Die feierliche Eröffnung am 11. Mai 1998 erfolgte übrigens unter der Schirmherrschaft von Rita Süssmuth, Präsidentin des Deutschen Bundestages. In dem Fischerhaus war Munch auch mit Max Reinhardt zusammengetroffen, der damals am Deutschen Theater zu Berlin die Stücke von Henrik Ibsen „Hedda Gabler“ und „Gespenster“ inszenierte. Beide arbeiteten in Warnemünde zusammen an den Bühnenbildern für diese Dramen.

Edvard Munch schuf an diesem Ort eine Reihe wichtiger Arbeiten wie „Maurer und Mechaniker“, „Der Arbeiter und das Kind“ sowie das skandalumwitterte Triptychon „Die badenden Männer“ und das wunderbare Porträt von Kapitän Karl Nielsen. Das Munch-Haus am Alten Strom ist das einzige diesem Künstler gewidmete Museum außerhalb von Norwegen und es wurde vor einigen Jahren in Oslo mit dem hochgeachteten Willy-Brandt-Preis geehrt.

Auf dem Hof des Hauses befindet sich übrigens noch eine Attraktion: ein 200 Jahre alter Birnbaum. Die unter Naturschutz stehende alte Dame trägt noch immer Früchte. Edvard Munch wird vielleicht auch davon gekostet und sich danach noch viel besser gefühlt haben.

Das Fischerhaus Am Strom Nr. 53 ist Donnerstag bis Sonntag von 12 bis 17 Uhr geöffnet. 

 

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