Kapitalverbrechen in Mirow : Mord aus Rachsucht

Eine Ansichtskarte des Glambecker Sees: Hier endete das Leben des Mörders.
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Eine Ansichtskarte des Glambecker Sees: Hier endete das Leben des Mörders.

Vor 125 Jahren tötete ein Schustergeselle seinen Meister, dessen Frau und drei der Kinder

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21. Oktober 2017, 00:00 Uhr

Bis zum 4. August 1892 herrscht in dem malerisch am Wasser gelegenen Ort Mirow (Meckl./Strelitz) eine idyllische Ruhe. Das ändert sich an diesem Tag. Fünf Menschen fallen einem ruchlosen Mörder zum Opfer.

Späteren Ermittlungen zufolge hatte sich der Schuhmachermeister Träger, der mit seiner Familie in Mirow ein Haus in der Schlossstraße bewohnt, am Morgen des 5. August zu einer Schlüsselübergabe mit dem Fuhrmann H. verabredet. Da der Familienvater Träger zum vereinbarten Termin nicht da ist, erscheint der Fuhrmann morgens um 7 Uhr vor dessen verschlossener Wohnung. Doch niemand antwortet auf sein Klopfen und Rufen. Als H. auf dem oberen Flur verdächtige Blutspuren wahrnimmt, ruft er die Polizei, welche die Türen öffnen lässt. In dem Haus liegen die Mitglieder der Familie Träger in ihrem Blut, die Leichen sind entsetzlich zugerichtet. Die sechsjährige Tochter Elsa, durch klaffende Schnittwunden sowie Hieb- und Stichwunden bis zur Unkenntlichkeit entstellt, wird in der Kammer neben der Schlafstube gefunden. In der angrenzenden Werkstube liegt zwischen Arbeitsschemel und Leistenschrank mit eingeschlagenem Schädel, zertrümmertem Nasenbein und zersplittertem Arm der 39-jährige Schuhmachermeister. Unter dem Schemel wird die erschlagene vierjährige Tochter Anna und neben dem Ausgang zur Küche die getötete siebenjährige Tochter Elise gefunden. In der Küche endete das Leben der 32-jährigen Ehefrau Trägers. Zum Schluss findet man in der Schlafstube den dreijährigen, schwer verletzten Sohn Karl, der sofort in ein Krankenhaus eingeliefert wird. Die anderen beiden Kinder sind, von der Oma kommend, vom Mörder in Empfang genommen worden. Die Tat hatte sich abends zwischen 16 Uhr und 20.30 Uhr zugetragen, denn die Betten waren unberührt.

Ein so schweres Verbrechen hatte es in ganz Mecklenburg bis dahin nicht gegeben. Alle Einwohner waren in größter Aufregung. Auf den Straßen und Plätzen sah man die Bewohner des Ortes in Gruppen zusammenstehen, mit der idyllischen Ruhe war es vorbei.

Doch wer war der Mörder? Diese Frage blieb nicht lange unbeantwortet, denn der Täter hatte mehrere Zettel in der Wohnung hinterlassen und sich darauf der Bluttat bezichtigt. Es war der am 21. Februar 1864 in Remplin bei Malchin geborene Schustergeselle Ludwig Draube, der bei Träger seit einem Jahr im Dienst gestanden hatte. Als Grund für seine Tat nannte er eine Geldforderung von 127 Mark, die ihm Träger abgeschlagen habe. Aus den mit Blut befleckten Zetteln war zu entnehmen, dass für diese Forderung nunmehr die Familie Träger beerdigt werden könne. Er selbst wolle nach Amerika auswandern.

Der Hergang nach der Tat wurde wie folgt angenommen: Nach dem Mord, um 21 Uhr, war Draube auf den Hof gegangen und hatte von einer öffentlichen Pumpe Wasser geholt und danach die Schweine der Trägers gefüttert und getränkt. Dann war er in den unten im Haus befindlichen Bäckerladen gegangen, um Gebäck zu kaufen. Anschließend hatte er sich in der Küche neben den Leichen acht Spiegeleier gebraten. Außerdem entledigte sich Draube im Haus seiner blutigen Kleidung. Er zog anschließend den schwarzen Rock und die Hose sowie den schwarzen Hut seines Opfers an, Kleidungsstücke, die Träger wenige Stunden vor seiner Ermordung zu einer Beerdigung getragen und nach seiner Rückkehr ausgezogen und zum Trocknen an den Ofen gehängt hatte. Im Schutz der Dunkelheit trat Draube dann seine Flucht an.

Einen Tag nach dem Mord begann eine groß angelegte Fahndung nach dem Flüchtigen. Am 10. August wurde er gefunden: Ein Angler, der am Glambecker See sein Glück versuchte, entdeckte in einer Entfernung von 20 Metern einen dunklen Gegenstand im Wasser. Es war eine Leiche, die Rock, Hose und Stiefel trug, die in der Größe nicht passten. Im Leichenhaus wurde der Tote als Ludwig Draube identifiziert.

Weit war der Mörder auf seiner Reise nach Amerika nicht gekommen. Im Glambecker See, nahe Neustrelitz, endete auch sein Leben. Die fünf Leichen der Familie Träger wurden in einer gemeinsamen Gruft in Mirow bestattet. Ein Schwager des Mörders, der der Beerdigung beiwohnte, bezahlte die Begräbniskosten. Für die Pflege des überlebenden dreijährigen Jungen, der im Karolinenstift untergebracht wurde, hinterlegte er 100 Mark. Gegen den Mörder, der sich selbst gerichtet hatte, wurde das Gerichtsverfahren eingestellt.
 

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