Historisches Verbrechen : Mord aus Eifersucht

Frieda Barthold  Repro: Martens
Frieda Barthold Repro: Martens

Auguste Zobel erschoss 1909 die Rostocker Sängerin Frieda Barthold – ein Mann hatte beiden Frauen die Ehe versprochen

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26. November 2015, 11:04 Uhr

Das Urteil gegen die Mörderin der Opernsängerin Frieda Barthold wird am 9. Oktober 1909 verkündet. Der Schuldspruch der Geschworenen lautet auf Mord. Daraufhin beantragt der Staatsanwalt gegen die Angeklagte die Todesstrafe. Nach kurzer Pause wird das Urteil verlesen: „Der Gerichtshof verurteilt nach kurzer Beratung die 34-jährige Angeklagte, die Modistin (Hutmacherin) Auguste Zobel, zum Tode und dauerndem Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte.“

Was war geschehen? Die Täterin wird am 17. September 1875 in Berlin geboren. Als sie zehn Jahre alt ist, nimmt sich Ihre Mutter durch einen Sprung aus dem Fenster das Leben. Mit ihrer Schwester Lizzie und ihrem Vater verbringt Auguste die nächsten Jahre ohne Mutter. Sie wird im Jahre 1889 konfirmiert. Seit dieser Zeit arbeitet sie in mehreren Anstellungen als Kindermädchen.

Aus diesem Grund und weil der Vater außerdem den Verdacht hegt, dass seine Tochter schon mit 14 Jahren mit Männern Umgang hat, bringt er sie in eine Erziehungsanstalt nach Brandenburg, später in eine Anstalt nach Berlin. Mit 19 Jahren wird Auguste erstmals wegen Diebstahls mit 14 Tagen Gefängnis bestraft. Bis dahin war sie schon 19-mal wegen Sittenpolizeikontravention (Verstoß gegen das Sittengesetz) vorbestraft.

Beim Prozess bringt sie diese Strafen mit ihrer unglücklichen Jugend, dem Selbstmord ihrer Mutter und der Wiederverheiratung ihres Vaters in Verbindung. Im Jahre 1896 wird sie 21-jährig unter Sittenkontrolle gestellt. Ein reicher Amerikaner entführt sie nach Paris. Hier wird sie „Grande Cocotte“ und unternimmt viele Reisen. Ein später im Irrenhaus verstorbener Engländer nimmt sie dann auf seiner Jacht mit – nach Tunis, Algier, Ägypten und an die Riviera mit. Danach kehrt sie nach Paris und von da nach Berlin zurück.

Hier hat sie anfänglich Verhältnisse mit Offizieren und Ärzten. Sie verkehrt auch in Berliner Nachtlokalen, in denen sie von gut zahlenden Kavalieren ausgehalten wird.
Dann lernt sie Waldemar Koch kennen, den sie mag und dem sie total ergeben ist. Sie leben und planen zusammen und Auguste macht alles Erdenkliche für Koch, der von Anfang an ein falsches Spiel mit ihr treibt.

Immer wieder verspricht er ihr die Ehe, nutzt sie aus und schiebt sein Versprechen jahrelang auf. Er belügt sie, denn er hat neben Auguste noch andere Frauen. Nach acht Jahren des Zusammenseins erfährt die Betrogene vom Verhältnis ihres Freundes zu einer Rostocker Sängerin. Sie fährt dreimal nach Rostock und bittet die Sängerin, von ihrem Freund Abstand zu nehmen. Der hatte aber auch Frieda Barthold die Ehe versprochen und sich schon 1902 förmlich mit der Sängerin verlobt.

Als Auguste bei ihrem letzten Besuch von der Sängerin verhöhnt und verspottet wird, erschießt sie Frieda Barthold mit einem Revolver, den sie unter ihrem Muff trägt.

Soweit zu den Geschehnissen bis zum Beginn der Gerichtsverhandlung. Alle Plätze für die Gerichtsverhandlung waren ausverkauft. Wegen des beschränkten Raumes konnte sogar für die Pressevertreter nur wenig Platz geschaffen werden. Unter einem Tuch liegen der mehrfach durchschossene Schädel der Ermordeten auf dem Gerichtstisch und der zur Tat benutzte Revolver. Zu Beginn der Verhandlung erzählt die Angeklagte dem Gericht von ihrer Kindheit und davon, dass nach dem Tod ihrer Mutter ihr Leben in anderen Bahnen verlaufen ist, als sie es sich wünschte. Auf Nachfragen des Staatsanwalts berichtet sie über eine schlechte Behandlung durch ihre Stiefmutter, ihre Vorstrafen und vom Eheversprechen des Koch. Sie berichtet, dass ihr Freund mit seinen Eltern und Geschwistern sie nur ausgenommen haben und jetzt alle nur das große Geld der Sängerin sehen. Immer wieder spricht sie davon, dass sie keine Mordabsichten hatte. Sie wollte der Sängerin nur die Stimme nehmen, so dass sie dadurch ihren Freund wieder bekäme. Sie hatte schon vor, sich das Leben zu nehmen.

Staatsanwalt Rönnberg beendet sein Plädoyer mit den Sätzen: „Um Klarheit zu schaffen, muss man auf die Lebensgeschichte der Täterin eingehen. Die Angeklagte hat eine freudlose Jugend genossen. Mit zwölf Jahren bekam sie eine Stiefmutter, die sie behandelte, wie es in den Märchenbüchern erzählt wird. Daher verwahrloste sie, so dass sie zweimal in Anstalten untergebracht werden musste.“

Der Verteidiger Bahn aus Berlin führt aus: „Die Strafsache, die Sie heute beschäftigt hat, hat weit über die Grenzen des mecklenburgischen Landes allgemeines Aufsehen erregt. Es ist ein eigenartiges Geschick der Angeklagten, welche die halbe Welt gesehen hat, heute in einem kleinen Städtchen des beschaulichen Mecklenburger Landes der Entscheidung über ihr ferneres Schicksal entgegenzusehen. Als die Angeklagte eine gewisse Reife erlangt hatte, wollte sie ernstlich mit ihrem bisherigen Leben brechen. An diesem Wendepunkt ihres Lebens trat jedoch der Mann in Erscheinung, der der eigentliche Angeklagte dieses Prozesses ist.“

Kurz nach dem anfangs erwähnten Urteilsspruch bringt ein Gerichtsbeamter diesen Bescheid der vor dem Gerichtsgebäude wartenden Schwester der Angeklagten. Frau Lizzi de Rot bricht danach mit lauten Weinkrämpfen zusammen. „Als die des Urteils in einem Nebenraume harrende Angeklagte den Schreckensschrei der Schwester hörte, wusste sie, dass ihr Schicksal besiegelt sei und fiel in tiefe Ohnmacht, so dass sie zum Urteilsspruch nicht vorgeführt werden konnte.“

Der Verteidiger Rechtsanwalt Bahn legte noch in derselben Nacht Revision ein. Später wurde das Urteil in „Lebenslang“ umgewandelt und 1919 verfügte das Schweriner Justizministerium die Begnadigung der Auguste Zobel.
 


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