Architektur : Monumentalbauten für eine kleine Residenzstadt

Die Verteidigung: Figur von der Fassade des Schweriner Gerichtsgebäudes
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Die Verteidigung: Figur von der Fassade des Schweriner Gerichtsgebäudes

Der aus Sachsen stammende Architekt Paul Ehmig leistete Beachtliches in seiner neuen Heimat Mecklenburg-Schwerin

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18. März 2016, 00:00 Uhr

Am 27. April 1907 wurde dem Rostocker Baudirektor Paul Ehmig die mecklenburgische Staatsangehörigkeit verliehen. Diese war Voraussetzung, um als nichtrechtsgelehrter Senator in das Rostocker Ratskollegium einziehen zu können. In einem Leipziger Vorort geboren, studierte Paul Ehmig in Dresden und München Architektur, um dann in der sächsischen Bauverwaltung tätig zu werden. Es zog ihn dann 1905 mit seiner Familie an die Küste. Dort machte er sich durch Entwürfe für Profanbauten aller Art einen guten Namen. Als Vertreter einer Bauauffassung, die historisierende Stilarten, aber auch die Ornamente des Jugendstils ablehnte, wollte er die alten Meister zwar studieren, aber nicht kopieren. Das Ergebnis waren wohlproportionierte Bauten, die sich unter weitestgehendem Verzicht auf schmückendes Beiwerk sowohl der natürlichen als auch der bebauten Landschaft respektvoll anpassten.

Als man in Schwerin beabsichtigte, ein Geheimes und Hauptarchiv zu errichten, kam man nicht von ungefähr auf Paul Ehmig zu sprechen. Es sollte wohl einer von außen sein, der nicht der Gilde der alten Staatsbaumeister angehörte, um eine solche Aufgabe in einem neuen Geiste zu bewältigen. Paul Ehmig folgte dem Ruf des Großherzogs Friedrich Franz IV. Dem 34-Jährigen werden es die Alteingesessenen nicht leicht gemacht haben, aber er setzte sich mit einem eigenständigen Entwurf durch. Dieser wurde von 1909 bis 1911 umgesetzt. 22 Meter lange Stahlbetonpfähle mussten in den Baugrund in der heutigen Graf-Schack-Allee gerammt werden, um die Tragfähigkeit des Fundaments zu gewährleisten. Der siebengeschossige Magazintrakt besteht aus einer konstruktiv von der Bauhülle getrennten Stahlkonstruktion, in welche die Regale gehängt sind. Das vorgelagerte Verwaltungsgebäude zeichnet sich durch eine zeitlose Eleganz aus und ist aus dem Residenzensemble heute nicht mehr wegzudenken.

Mit dem Bau des Justizgebäudes am heutigen Demmlerplatz folgte die zweite große Aufgabe für Paul Ehmig. Auch diese erledigte er mit Bravour. Es entstand ein palastartiger, eindrucksvoller Bau, welcher der Weite eines großzügigen Platzes bedurfte, um seine Wirkung zu entfalten. Der 1914 begonnene und 1916 vollendete Bau besticht durch die geschickte Verteilung der Massen und Flächen, die von Harmonie und Rhythmus gekennzeichnet ist. Wie schon beim Archivbau beschränkt sich die Kunst am Bau auf bildhauerische Arbeiten am betont kräftigen Mittelbau. Als Bildhauer für beide Gebäude gewann Ehmig den gebürtigen Schweriner Richard Guhr, der auch den goldenen Mann auf Dresdens Rathausturm schuf.

Mit den beiden monumentalen Staatsbauten setzte Paul Ehmig Maßstäbe für eine kleine Residenzstadt am Anfang des 20. Jahrhunderts. Um den Architekten wurde es nach dem Ersten Weltkrieg ruhig. Für den Ministerialdirektor im Hochbauwesen fehlten nun die großen Bauaufgaben. Dennoch sollte nicht vergessen werden, dass er für das durch Feuer zerstörte Treppenhaus im Schloss einen Entwurf vorlegte, der 1935 umgesetzt wurde. Paul Ehmig fand nun Zeit, sein Werk über „Das deutsche Haus“ mit der Herausgabe des dritten Bandes zu beenden. Es war ausschlaggebend für die Verleihung der Ehrendoktorwürde der Technischen Hochschule Hannover.

1938 starb Paul Ehmig. Er wurde auf dem Alten Friedhof im Grabfeld Ib beigesetzt. Der Förderverein pflegt das Andenken an einen Architekten, dem Schwerin viel zu verdanken hat.

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