Rummel um Herzog-Geburtstag : Militärparaden am Alten Garten Schwerin

Die Dächer sind schwarz vom Publikum, das am 9. April 1901die Militärparade verfolgt.  Repro: Kasten
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Die Dächer sind schwarz vom Publikum, das am 9. April 1901die Militärparade verfolgt. Repro: Kasten

Rummel um Herzog-Geburtstag: Von einer kleinen Inspektion der Soldaten wandelte sich die Parade zu einer martialischen Waffenschau

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27. November 2015, 00:35 Uhr

Zu den glanzvollsten Ereignissen in der Geschichte der großherzoglichen Residenzstadt Schwerin zählten die jedes Jahr zum Geburtstag des Kaisers und des Großherzogs abgehaltenen Paraden auf dem Alten Garten. In den ersten Jahren nach der Reichsgründung 1871 fiel das Ganze noch recht bescheiden aus. Jedes der vier in Schwerin stationierten Bataillone ordnete hierfür eine Kompagnie ab, das war genug.

So einfach kamen die Soldaten nach der Regierungsübernahme Kaiser Wilhelms II. im Jahr 1888 nicht mehr davon. Fortan wurde die Teilnahme der gesamten Garnison befohlen. In Schwerin kam da mit einem Artillerieregiment und zwei Infanteriebataillonen von zusammen mehr als 3000 Mann schon eine recht eindrucksvolle Truppe zusammen.

Trotzdem herrschte bei den Paraden zum Geburtstag des Kaisers und obersten Kriegsherrn am 27. Januar ein eher frostiges Klima in Schwerin, was nicht nur an den jahreszeitlich bedingten Temperaturen lag. Der Großherzog war es nicht gewohnt, dass in seiner eigenen Residenz jemand anders als er selbst gefeiert wurde, und glänzte bei diesen Paraden in der Regel durch Abwesenheit. Statt seiner hielt der zuständige Divisionskommandeur eine patriotische Ansprache, inspizierte die Truppen und ließ diese dann an sich vorbeimarschieren.

Fast genauso verliefen auch die Paraden zum Geburtstag von Großherzog Friedrich Franz III. am 19. März, der sich in dieser Jahreszeit gesundheitsbedingt nicht in Mecklenburg, sondern fern in Südfrankreich aufhielt. Erst nachdem am 9. April 1901 der junge Großherzog Friedrich Franz IV. die Regierung übernahm, konnten die Paraden ihren vollen Glanz entfalten. Außer der hiesigen Garnison waren diesmal auch die beiden Kavallerieregimenter aus Parchim und Ludwigslust nach Schwerin gekommen. Da die Pferde auf die laute Militärmusik oft heftig reagierten und so den geregelten Ablauf der Parade zu stören drohten, hatten die Dragoner sie zu Hause gelassen.

Außerdem wurde so das Problem vermieden, dass der zu Fuß die Truppen inspizierende Großherzog zu den berittenen Soldaten aufsehen musste. Begleitet von den Herzögen Johann Albrecht, Heinrich, Adolf Friedrich, Paul Friedrich, Erbgroßherzog Adolf Friedrich von Mecklenburg-Strelitz, Fürst Heinrich XVIII Reuß und gefolgt von Adjutanten schritt der Großherzog die Front der Truppen ab, während die fürstlichen Damen dem Schauspiel aus dem 1. Stock des Alexandrinenpalais zusahen. Anschließend nahm er vor dem Alexandrinenpalais Aufstellung und ließ die Truppen zugweise an sich vorbeimarschieren. Die Vorführung stieß in der Bevölkerung auf große Begeisterung. Von einer Inspektion der Soldaten hatte sich die Parade zu einer martialischen Waffenschau gewandelt. Den Zuschauern, die bisher die Artilleristen nur zu Fuß hatten paradieren sehen, wurden nun stolz die neusten Geschütze und einige Jahre später die Maschinengewehre der neuen MG-Kompanie vorgeführt. Auch der Großherzog kam nun nicht mehr zu Fuß, sondern hoch zu Ross an der Spitze einer regelrechten „Kavalkade“ von Prinzen und Offizieren. Mit zunehmender Sicherheit nutzte der junge Großherzog diese Bühne, um Popularität zu gewinnen. Seit 1907 begrüßte er die Soldaten je nach Truppengattung mit einem lauten „Guten Morgen, Grenadiere“, bzw. „Guten Morgen, Kanoniere“, worauf ihm stets ein lautes „Guten Morgen, Königliche Hoheit“ entgegenschallte. Die Aufstellung der Truppen in einem großen Viereck war seit 1902 immer gleich. Die beiden Grenadierbataillone standen mit dem Rücken zum Alexandrinenpalais und zur Siegessäule, die Artillerie mit dem Rücken zum Schloss und zum Museum. Eine einzige Batterie blieb im Schlossgarten zurück, um beim Eintreffen des Großherzogs auf dem Alten Garten den ihm zustehenden Salut von 101 Schüssen abzufeuern. Eine wichtige Rolle spielte auch die Musik. Der von den Regimentskapellen gespielte Präsentiermarsch durfte bei keiner Parade fehlen. Wohingegen die anfänglich noch gespielte Nationalhymne seit 1910 durch das für Mecklenburg besser geeignete „Gott segne Friedrich Franz“ ersetzt wurde.

Die Paraden zogen zahllose Zuschauer an. Die Museumstreppe und der Balkon, selbst das Dach des Theaters waren schwarz von Menschen. Da die Geburtstagsparaden keinen militärischen Sinn mehr hatten, sondern lediglich der fürstlichen Repräsentation und der Unterhaltung des Publikums dienten, waren sie zwingend auf gutes Wetter angewiesen.

Unglückseligerweise hatten aber die zwischen 1871 und 1914 infrage kommenden zwei Kaiser und drei Großherzöge sämtlich zwischen Januar und Anfang April Geburtstag. Nur wenn der Geburtstag von Friedrich Franz IV. am 9. April in die Karwoche fiel, wurde die Parade um einige Tage verlegt. Auch wenn das Wetter schlecht war, fiel die Parade eben aus. Der Alte Garten war nicht gepflastert, wenn der Boden aufweichte, konnte das große Schauspiel mit seinen zahlreichen Statisten nicht stattfinden. Die Gespanne mit den Geschützen drohten sonst im Schlamm stecken zu bleiben und auch die weißen Hosen der Grenadiere hätten unweigerlich Schaden genommen.

Am 4. Mai 1914 fand die letzte dieser Paraden statt. Der Alte Garten aber diente in den folgenden hundert Jahren noch als Schauplatz für zahllose Aufmärsche.

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