Flucht, vertreibung, Neuanfang : Mensch Opa, erzähl doch mal!

In russischer Gefangenschaft: Heinz Steinke (r.) mit befreundeten Gefangenen
1 von 3
In russischer Gefangenschaft: Heinz Steinke (r.) mit befreundeten Gefangenen

Der Güstrower Heinz Steinke arbeitete als Kriegsgefangener in einer russischen Panzerfabrik

svz.de von
19. Mai 2017, 13:01 Uhr

„Mensch Opa, willst Du deine Geschichte nicht auch erzählen? Guck mal hier!“ Daniel Steinke schlägt das Mecklenburg-Magazin auf. „Da erzählen jede Woche welche von früher. Vom Kriegsende und was sie damals alles erlebt haben. Opa, du hast mir doch auch immer so interessante Sachen von damals erzählt. Willst Du da nicht mitmachen? Heinz Steinke schaut seinen Enkel an, dann die Zeitung. „Warum nicht? Mach mal. Frag mal nach.“

Und dann sitzt jemand von der Zeitung eines Tages vor ihm. Der 90-jährige Güstrower ist ein wenig aufgeregt. Aber nur ein wenig, denn ihn hat schon mal jemand interviewt. Das war 1995. Da hatte ihm die Post gerade eine Karte in den Briefkasten geworfen, die er selbst im Gefangenenlager an seine Familie geschrieben hatte. Nach 50 Jahren bekam er seine eigene Post! Es hat auch ein wenig gedauert, bis Heinz Steinke das schnallte. „Liebe Eltern und Geschwister.“, stand da geschrieben. „Will Euch kurz ein paar Zeilen schreiben. Mir geht es gut und hoffe von Euch dasselbe. Sonst ist alles beim alten. Nun seid vielmals gegrüßt und geküßt von Eurem Sohn und Bruder Heinz.“

Heinz Steinke schaute genauer hin, las die Anschrift seiner Eltern und dann, kaum zu glauben – der Absender war er selbst. Er hatte die Karte am 22. Februar 1946 geschrieben. Da war er bereits viele Monate in Kriegsgefangenschaft. Der in Weedern in Ostpreußen (heute Suworowka) geborene junge Mann hatte Glück im Unglück. Er wurde erst 1944 zum Kriegsdienst eingezogen, musste aber nicht mehr gegen die Russen kämpfen, wie seine beiden Brüder, die dabei ums Leben kamen. Der damals 18-jährige Heinz findet sich auf der Halbinsel Hela vor Danzig (heute Halbinsel Hel) wieder. Am Ende des Zweiten Weltkrieges ist die Halbinsel letzter Zufluchtsort von Tausenden Flüchtlingen und militärischen Einheiten, die versuchen den Seeweg zu nehmen. Heinz Steinke gehört zu den Soldaten, die zur Verteidigung der Insel stationiert sind und nach der Kapitulation Deutschlands in russische Gefangenschaft geraten.

Kurz darauf findet er sich im Kriegsgefangenenlager Kolpino und dann im Kriegsgefangenenlager Leningrad wieder. Als Gefangener hilft er beim Wiederaufbau der Stadt. „Ich würde gerne mal hinfahren, um zu gucken, ob das Wohngebiet noch steht, an dem wir damals gearbeitet haben“, sagt Heinz Steinke wohl wissend, dass daraus mit seinen 90 Jahren wohl nichts mehr werden wird.

Die meiste Zeit in Russland schuftete der junge Heinz aber in der Schwerindustrie. Vom August 1945 bis zum Frühling 1947 hämmerte er in der Panzerfabrik auf Ketten ein. Der Güstrower hat alles noch vor Augen: „Die Panzerketten wurden gegossen und dann herausgekippt, die Krümel abgeklopft und anschließend haben wir wie verrückt Bolzen durchgeschlagen, mit denen die einzelnen Glieder verbunden wurden.“ Weil sie in der Schwerindustrie arbeiten, bekommen die Gefangenen sogar 150 Rubel im Monat. Die können sie in einem Casino, das sich im Lager befindet, ausgeben. Viel gibt es nicht dafür. Eine Flasche Bier oder eine Schachtel Zigaretten kosten je 25 Rubel, eine Scheibe Brot mit Käse 12 Rubel. „Wir haben aber zugesehen, dass wir das Geld weggegessen haben“, so Heinz Steinke, „bevor es uns geklaut wurde. Wir hatten Hunger bei der harten körperlichen Arbeit jeden Tag. Im Lager gab es nur Hirsebrei und Graupenzeug zu essen.“

Und was fing er mit seiner freien Zeit an? „Es gab eine Bücherei. Bis abends mussten wir aber alle Bücher wieder abgeben. Dann überredete mich jemand, mir Schach beizubringen. Ich wollte eigentlich nicht. Doch dann fing ich Feuer. Später hat der Kumpel kein einziges Spiel gegen mich gewonnen. ,Hätte ich es dir doch nie gezeigt’, schimpfte er scherzhafterweise.“

Während seines Zwangsarbeiter-Daseins hat Heinz Steinke auch viel Zeit zum Nachdenken. Nach und nach durchschaut er die Gehirnwäsche, die er und seine Klassenkameraden verpasst bekommen hatten. Schon mit 16/17 Jahren wurden die großen Jungs für die SS herausgesiebt. Heinz Steinke ist zu klein. Aber er bewundert die Uniform. „Die machte was her. Wir wussten ja nicht, was da wirklich drin steckt“, erinnert er sich. „Wir waren einfach überheblich und fühlten uns als was Besseres in diesem Alter. Das wurde mir in Russland klar. Als wir im ersten Kriegsgefangenenlager ankamen, bot mir eine russische Wachfrau ein Stück Brot an. Von dir nehme ich nichts, hab ich gesagt und mich abgewendet. Doch schon ein Jahr später hab ich mich dafür furchtbar geschämt. Gern hätte ich mich bei ihr entschuldigt.“

Heinz Steinke sieht, dass es die russische Bevölkerung nicht einfach hat. In der Panzerfabrik schuften russische Frauen. Heinz hat Mitleid mit ihnen. „Denen geht es noch schlechter als uns“, denkt er bei sich. Einmal im Monat dürfen die Gefangenen eine Karte an ihre Familien schreiben. Erlaubt sind 25 Wörter, jede Postsendung wird zensiert. Um öfter als einmal ein Lebenszeichen in die Heimat zu senden, wird fleißig getrickst unter den Gefangenen. Diejenigen, die entlassen werden, tauschen ihre Karten gegen Brot. Auch Karten von Verstorbenen werden unter den Lebenden verkauft. Heinz Steinke kann noch so viel schreiben. Seine Lebenszeichen erreichen die Lieben vorerst nicht. Doch schon bald darf er sie richtig in die Arme schließen. Im Dezember 1947 kommt er nämlich ins Krankenhaus. Dort wird der junge Mann am Blinddarm operiert. Am 12. Februar 1948 wird er entlassen und am 21. Februar erreicht der „verlorene Sohn“ Vietgest bei Güstrow – die neue Heimat seiner Eltern.

Fortan hilft er seinem Vater auf dem Feld und bleibt in Vietgest, wo er Gerda kennenlernt, die ebenfalls als Flüchtling in diesem Dorf gelandet ist. Sie arbeitet in der Forstwirtschaft. 1950 heiraten sie. Es folgen vier Kinder und schöne Jahre, in denen sie aber nicht von „Früher“ reden. „Wir wollten nicht in alten Wunden rühren“, erinnert sich Heinz Steinke, „Nur manchmal hat meine Frau am nächsten Morgen zu mir gesagt: ,Na, heute Nacht hast Du ja wieder wild herumgetobt und russische Namen vor dich hingebrabbelt.“

Als dann die Enkel kommen, löst sich der Knoten. „Man kann seine Geschichte ja nicht ein ganzes Leben für sich behalten“, denkt sich Heinz Steinke und beginnt zu erzählen. Von den Panzerketten, den 150 Rubel, der Postkarte…

Anja Bölck

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen