Flucht, Vertreibung und Neuanfang: Ihre Geschichte : „Mein Leben bestand nur aus Angst“

Traute Wegner in ihrem geliebten Garten
Traute Wegner in ihrem geliebten Garten

Traute Wegner aus Bützow fuhr mit Mutter und Geschwistern nach Schlesien – und musste von dort nach wenigen Wochen wieder fliehen

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17. Juni 2016, 00:00 Uhr

„Man sagt immer, das Schlechte vergisst man irgendwann, aber das stimmt nicht.“ Traute Wegner aus Bützow wird traurig, wenn sie an ihre Kindheit denkt. „Meine Mutter stammt aus Polen und ist mit 16 Jahren nach Deutschland in Stellung gegangen“, erzählt sie. „Hier lernte sie meinen Vater kennen, der Oberschweizer, also Chef im Kuhstall, war.“ Die Mutter war gerade 18 Jahre alt, als der erste Sohn geboren wurde. Es folgten Traute, Jahrgang 1939, und ein weiterer Junge.

Aus heutiger Erfahrung weiß Traute Wegner, dass ihre Mutter oft überfordert war. Sie arbeitete im Kuhstall, musste jeden Morgen melken, dazu kamen der Haushalt und die Betreuung der kleinen Kinder. Die Eltern hatten es nicht gut miteinander.

Als der Vater eingezogen wurde, fasste die Mutter den Entschluss, nach Hause zu ihrer Familie zurückzukehren. Zu Hause – das war in diesem Fall das Dorf Dylaki im Kreis Oppeln im damaligen Oberschlesien. „Dort wohnte eine Schwester meiner Mutter und wir hofften, bei ihr unterzukommen“, erzählt Traute Wegner. An viele Einzelheiten der Odyssee kann sie sich nicht mehr erinnern. Aber sie weiß noch ganz genau, dass Mutter und Kinder auf dem Weg im Wald überfallen wurden. „Zum Glück sprach unsere Mutter polnisch und so ging es glimpflich aus“, sagt die Bützowerin.

Bei der Tante angekommen folgte der nächste Schock: „Wir konnten dort nicht bleiben, die große Flucht war bereits im Gange.“ Mutter und Kinder gerieten in den Strudel der Ereignisse, der die Menschen in Schlesien und anderen Gebieten überrollte. Mit dem Zug in einem völlig überfüllten Waggon machten sie sich auf den Rückweg. „Mein Leben bestand nur aus Angst“, erinnert sich die 77-Jährige. In Mecklenburg angekommen, lebte die Familie zuerst in einem Bunker. Groß war die Angst vor den Rotarmisten, groß war auch der Hunger. „Ob Sauerampfer, roher Rhabarber oder ein angefaulter Apfel – wir aßen, was wir fanden“, sagt Traute Wegner. Die nächste Station war Groß Grabow, wo die Familie zusammen mit anderen Flüchtlingen in einer Kaserne untergebracht war. „Hier durften wir uns immerhin Milch holen, aus der dann Suppe gekocht wurde – nachdem sie gestreckt worden war, natürlich“, sagt die Bützowerin und fügt hinzu: „Grießsuppe esse ich heute noch gern.“

Schon mit 14 schuftete das zarte Mädchen im Pferdestall. „Du brauchst nicht zur Schule zu gehen, Hauptsache, du kannst bis 100 zählen und deinen Namen schreiben, sagte mein Stiefvater immer“, erinnert sie sich. Träume, wie der, als Sängerin Karriere zu machen, erfüllten sich so natürlich nicht.

Es folgten aufregende Jahre, in denen Traute Wegner in den Westen flüchtete und später zurückkehrte. Jahre, in denen sich die Mutter dreier Kinder nach Rückschlägen immer wieder aufrappelte. „Als ich nach Bützow kam, war ich, glaube ich, die ärmste Frau der ganzen Stadt“, sagt sie. Heute ist sie stolz auf ihr Haus mit dem schönen Garten, dessen Erzeugnisse sie zu allerlei Leckereien verarbeitet. Sie reist gern – Mitbringsel aus Tunesien und der Türkei erzählen im Haus davon. Und sogar der Traum von der großen Bühne hat sich in gewisser Weise erfüllt: Seit einigen Jahren ist die Bützowerin Komparsin, die für Filmaufnahmen gebucht wird. Erst in dieser Woche stand sie wieder für „SOKO Wismar“ vor der Kamera.

Katja Haescher

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