Zeitgeschichte : Mecklenburger analysiert Stalin

Bernd Schwipper
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Bernd Schwipper

Neue Forschungsergebnisse über den deutsch-sowjetischen Krieg nach Freigabe von Akten

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13. August 2016, 00:00 Uhr

Zeitgeschichte ist in Deutschland aufgrund der jüngeren Vergangenheit nie ein einfaches Thema. So barg beispielsweise die Deutung des deutsch-sowjetischen Krieges zwischen 1941 und 1945 in den mehr als vergangenen sieben Jahrzehnten wiederholt brisanten Zündstoff. Nach einem Erlass des russischen Präsidenten Boris Jelzin in den 1990er-Jahren über die Freigabe von Akten eröffnete sich Historikern erstmals die Chance, anhand russischer Dokumente zu rekonstruieren, wie zum Beispiel der Aufmarsch der Roten Armee an der Westgrenze der UdSSR geplant und realisiert wurde. Diese Möglichkeit nutzte Bernd Schwipper, heimisch im Landkreis Mecklenburg-Strelitz. Der promovierte Militärwissenschaftler analysierte erstmals 2400 frei gegebene russische Quellen, über 650 Berichte der russischen Aufklärung und mehr als 650 Meldungen der Roten Armee über den Stand der Mobilmachungsbereitschaft, die in der deutschen Geschichtsforschung bislang weitestgehend unberücksichtigt blieben.

In seinem Buch „Deutschland im Visier Stalins“ kann der Leser beispielsweise das bereits 1939 beginnende Vorrücken sowjetischer Truppen nach Westen klar und deutlich nachvollziehen. Ob Polen 1939, Finnischer Winterkrieg 1939/1940, die drei Baltikum-Staaten 1940 sowie die Planung eines Überfalls auf Ostpreußen 1940, diese gezielte Westverschiebung des sowjetischen Einflussbereiches als Grundlage für Stalins Aufmarschpläne formt sich anschaulich aus zahlreichen Dokumenten, aussagestarken Tabellen, Skizzen und Karten. Verschiedene Operationspläne, die in immer dichterer Zeitfolge erstellt wurden, die einzigartige Aufrüstung von Heer und Luftstreitkräften sowie der energische Ausbau der Infrastruktur sind weitere beredte Beispiele für Stalins Angriffspläne gegen den westlichen Nachbarn Deutschland. Bernd Schwipper, Generalmajor a. D., hat etwa zehn Jahre über die Frage „Überfall oder Präventivschlag“ geforscht. Sein Fazit auf der Grundlage unanfechtbarer historischer Fakten, zweifelsfrei wurde die Rote Armee für eine Offensive gegen Deutschland bereitgestellt, aber die Wehrmacht kam ihr mit einem Präventivschlag „zirka 8 -18 Tage zuvor“. Es bleibt spannend, wie deutsche Historiker auf diese fundierte Studie reagieren werden.

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