Liedermacher Ingo Barz : Lieder für Unangepasste

Die Hälfte des Tages ist Ingo Barz Bauer, die andere Liedermacher.
Die Hälfte des Tages ist Ingo Barz Bauer, die andere Liedermacher.

Ingo Barz, der Meister leiser Töne, singt seit 45 Jahren und lässt es auf seinem neuen Album kräftig krachen

svz.de von
26. November 2015, 09:44 Uhr

Was hat „uns“ ein Liedermacher heute überhaupt noch zu sagen? Der Mecklenburger Ingo Barz unternimmt mit seiner 15. CD den Versuch, mehr als nur Verse einer „alten“ Zeit auf einen modernen Tonträger zu pressen. Seine mittlerweile 15. CD hat er im hauseigenen Tonstudio aufgenommen, abgemischt und nun auch gepresst vorliegen: „Sehn mich so nach Dir“ heißt diese Scheibe mit ihren 22 Liedern. Die schrieb und textete Barz bereits in den Jahren 1979 bis 1990. Zu hören ist, „was mir in jenen Jahren neben den großen Themen noch so durch den Kopf ging und am Herzen lag“, bekennt der Mann. Die Lieder aus dem letzten Jahrzehnt der DDR und der Wendezeit sind aber nicht etwa „das Obst des Vorjahres“, sondern Verse, „die noch einmal zum Erinnern taugen und solche, die vielleicht noch einmal gelebt werden wollen.“

So heißt es im „Warn-Lied“ von 1990: „Trau nicht den Linken, trau nicht den Rechten… hör erst auf Dein Herz und dann auf Deinen Verstand.“ Und im „Blues vom freien Flug“ aus dem selben Jahr ist zu hören: „Zieh nicht mit der traurigen Meute mit, die nach oben kuscht und nach unten tritt… Mensch, Du bist doch kein Schaf!“

Schon 1983 schrieb Barz im „Mutmachlied“ von Zeiten, wo sich viele nur noch ihre eigenen Taschen füllen und gegenseitig auf die Schultern klopfen. Da sei es Zeit, was zu tun: „Was uns fehlt, das ist der Mut zu fairem Streit.“ Und auch „Dora Dümmlich aus Dingsda“ (1981) mit ihrem Lebensziel, als aufgemotzte Superfrau Amok an jedem Textilstand laufen zu wollen, kommt alles andere als angestaubt herüber. Diese vermeintlichen Lieder einer „alten“ Zeit hat ihr Texter komplett neu aufgenommen. „Im Sound meiner Jugendjahre“, nur mit dem Beat der elektrischen Gitarre, mit sparsamen Bass und Drums „knackig“ im Sound der späten sechziger und frühen siebziger Jahre. „Das ist zugleich meine Fingerübung für meine nächste CD. Die wird noch kräftiger elektrisch“, blickt der seit 23 Jahren im ostmecklenburgischen Dörfchen Lühburg lebende Mann voraus. Denn für sein 45-jähriges Bühnenjubiläum 2017 arbeitet er schon an einem neuen Programm. Ingo Barz musste und muss sich seit Jahrzehnten in seiner mecklenburgischen Heimat als Poet, Komponist und Sänger „durchbeißen“. Der„Ost-Hippie mit abgebrochener Berufsausbildung“ sieht sich zwar nicht als Kirchensänger. Doch vor der gesellschaftlichen Umwälzung von 1989/90 durfte er mangels „Pappe“, der staatlichen Spielerlaubnis, nur in kirchlichen Räumen auftreten. Und nach der Wende, als Kulturhäuser, Bibliotheken und andere Veranstalter im deutschen Osten reihenweise wegbrachen, bot die Kirche ihm wiederum den Raum, seine Texte und Lieder vorzustellen. Als Jugendlicher begeisterte Barz sich wie viele seiner Altersgefährten für Beat und Rock, für Blues und Gospels - und wollte selbst Musik machen. Seine erste eigene Band daheim in Ribnitz spielte nur einmal, und das auch nur für Freunde abgelegen in einer Sandgrube. An seinen ersten öffentlichen Auftritt am 1. April 1972 in der Kirche von Marlow erinnert sich Barz noch mit Schmunzeln: „Ich hielt mich für den Größten. Es war wirklich ein Aprilscherz von der Qualität her.“ Doch die Pastoren der Landstädte Marlow und Ribnitz öffneten ihm die Augen und Ohren. Sein Déjà-Vu-Erlebnis hatte der mittlerweile als Jugendwart der Evangelischen Landeskirche Mecklenburgs Tätige 1980. Ein Auftritt in Berlin-Weißensee, im Duo, mit eigenen Liedern: „Das funktionierte gut und ich habe mir gesagt, o. k., das macht mir Spaß, das mache ich weiter.“ Gut zwei Jahre darauf war er fortan nur noch solistisch unterwegs. Er sang von seinen Vorstellungen einer besseren DDR, erhob seine Stimme gegen Wehrunterricht und staatlich verordnete Friedensbewegung: „Ich habe keine politischen Lieder gemacht, nur Lieder über unser Leben.“

Heute textet und singt der „Unangepasste für Unangepasste“ gegen die immer mehr aufsteigende Kälte in der Gesellschaft, in den Beziehungen der Menschen untereinander. Er mag lieber Falten vom Lachen und Weinen als jene glatten Gesichter, die immer häufiger werden.

In Lühburg hat der Mann sich mit der ihm angetrauten Eva-Maria seinen „Schnitterhof“ – benannt nach der ursprünglichen Nutzung des Hauses – eingerichtet: Der Ganter heißt Elvis, der Hauskater Iwan. Dazu gesellen sich das „Wachbataillon“ der beiden Boxer-Hunde Gaucho und Una, der Schafbock Muffel mit seinen Damen Rosi und Olga sowie diverse Rauhwollige Pommersche Landschafe und Ziegen. Nur der Nachwuchs dieser Tiere bleibt namenlos – Barz ist pragmatisch: „Seinem Essen gibt man keinen Namen.“

Auf dem weiträumigen Grundstück mit eigenem Tonstudio und Verlag kann er ungestört arbeiten. Er habe nun mal einen Job, „bei dem ich auch viel Krach mache...“ 

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