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Adda von Liliencron : Liebesgaben für Soldaten

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Adda von Liliencron sammelte Spenden für mecklenburgische Kämpfer in Südwest – der Gedanke an Kriegsschuld der Deutschen kam ihr nie.

svz.de von
erstellt am 11.Feb.2017 | 00:00 Uhr

Erwerbsarbeit war in früheren Zeiten meist Männern vorbehalten. Lukrative Offiziersstellen beanspruchte der Adel für sich. Diese Kreise waren im 19. Jahrhundert geprägt von konservativ patriarchalischen Vorstellungen. Den Ehefrauen, Müttern und Töchtern von Offizieren blieb nur ein bescheidener Wirkungskreis: Berufliche Verpflichtungen kannten sie nicht und häusliche Arbeiten wurden meist von Bediensteten verrichtet. Viele dieser Frauen griffen zur Feder, begannen zu dichten oder versuchten sich in Prosa. Einige dieser literarisch ambitionierten Damen verschlug es im Laufe ihres Lebens nach Schwerin, darunter auch Adda von Liliencron.

Geboren wurde sie am 28. Juli 1844 in Berlin Charlottenburg. Ihr Vater, der spätere General der Infanterie Karl von Wrangel, diente als Leutnant in der preußischen Armee. Aufgewachsen in den wechselnden Garnisonen des Vaters heiratete sie am 29. Juli 1864 den Leutnant Karl von Liliencron. Ein Jahr später wurde ihre einzige Tochter geboren. Karl von Liliencron kaufte das Gut Sproitz bei Görlitz, wohin die Familie 1874 übersiedelte. In Sproitz beginnt Adda von Liliencron zu schreiben. Historische Romane, Erzählungen, Gedichte und kleine Theaterstücke entstehen, Kaiser Wilhelm der Große, eine Jubiläumsgabe zur Feier des 100. Geburtstages des Monarchen, erreicht in wenigen Wochen eine Auflage von über 500 000 Exemplaren.

Als Karl von Liliencron 1901 stirbt, hat das Ehepaar Gut Sproitz verkauft und Adda von Liliencron wohnt bei ihrer mit einem Grafen Kirchbach verheirateten Tochter in Danzig.

Als Kirchbach 1903 Kommandeur der 17. Division wird, zieht die Familie nach Schwerin. In Danzig hatte sich die Baronin in der Armenpflege engagiert, in Schwerin sucht sie nach einem neuen Wirkungskreis. Als 1904 der Aufstand der Herero und wenig später der Nama in Deutsch-Südwestafrika losbricht, engagiert sie sich zugunsten der Angehörigen der deutschen Schutztruppen in Afrika und organisiert eine Wohltätigkeitsveranstaltung im Konzerthaus Flora.

Neben Einnahmen aus Veranstaltungen und Geldspenden sind Liebesgaben ein Hauptbestandteil der Hilfe. Mit der Vorsitzenden des Vereins für Krankenpflege in den Kolonien, Gräfin von Bassewitz-Levetzow, ruft Adda von Liliencron in der Zeitung zu Spenden auf. Strümpfe, Konserven, Schokolade, Kakao, Tabak und Zigarren, auch Schlafdecken und Unterzeug, sind willkommen. Wer keine Pakete abschicken kann oder will, darf Sachspenden bei der Gräfin Bassewitz in der Münzstraße oder bei der Baronin Liliencron zu Hause abgeben. Feldpostpakete werden zusammengestellt und an jeden mecklenburgischen Soldaten in Afrika versandt.

Geldspenden kommen aus allen Teilen der Bevölkerung. Auch der in Schwerin ansässige Plattdütsch Klöndisch beteiligt sich. „Wo’s all gäben, will die Plattdütsch Klöndisch ok nich trügstahn. Hei hett für uns Landslüd in Südwest Afrika ob’n ganz nette Bigaf ut sin Strafbüß taun echte, fröhliche Wihnachtsfier stift un hofft, dat uns braven Jungens die Moot gegen die swarten Hereros un Witboislüd nich sinkt. Die gnädige Frau von Liliencron sind säben un dortig Mark un fief un föfdig Penning einhändigt un mit groten Dank annahm wor’n.“

In den Zeitungen werden Dankschreiben von Offizieren und Soldaten abgedruckt. Die Männer beschreiben ihre Lebensumstände in Afrika und schildern Kampfhandlungen. Oft äußern sie Wünsche nach Dingen, die besonders praktisch und begehrt sind. Manchmal spricht sich die Sorge aus, wieder heimgekehrt eine Arbeitsstelle zu finden. Auch dafür sorgt man in der Heimat. Die Großherzogliche Eisenbahndirektion erklärt sich bereit, heimgekehrte Afrikakämpfer einzustellen. Viele dieser Dankschreiben lässt Adda von Liliencron in ihr 1907 erschienenes Buch Reiterbriefe aus Südwest einfließen.

Regelmäßige Herrenabende, auch Damen sind zugelassen, veranstaltet die deutsche Kolonialgesellschaft, Abteilung Schwerin, im Hotel de Paris oder im Christlichen Vereinshaus in der Apothekerstraße. Gastredner werden zu Vorträgen eingeladen. Am 16. November 1905 kommt Berthold von Deimling in das bis auf den letzten Platz gefüllte Vereinshaus. Deimling war Oberst und Kommandeur des zweiten Feldregiments in Südwestafrika, im Ersten Weltkrieg wird er als „Schlächter von Ypern“ zweifelhafte Berühmtheit erreichen. Er hält einen zweistündigen Vortrag über die Kämpfe in Afrika. Gegenüber den Eingeborenen hat er sich durch besondere Härte ausgezeichnet und ist dafür vom Kaiser in den erblichen Adelsstand erhoben worden. Friedrich Franz IV empfängt ihn zur Audienz und verleiht ihm das mecklenburgische Militärverdienstkreuz 2. Klasse. Am Morgen vor seiner Abreise wird dem im Hause Kirchbach/Liliencron Abgestiegenen ein Ständchen gebracht. Unteroffiziere des Artillerieregiments singen Kriegslieder, gedichtet hat sie Adda von Liliencron.

Die Schweriner Bevölkerung steht dem Auftreten ihrer Landsleute in den Kolonien keineswegs kritiklos gegenüber. Übergriffe auf die Eingeborenen werden in der Presse diskutiert und auch zum Wahlkampfthema gemacht. Als der Krieg in Südwestafrika zu Ende geht, ist etwa die Hälfte der einheimischen Bevölkerung vernichtet, zahllose Dörfer und Behausungen sind zerstört.

Der Aufenthalt der Freifrau von Liliencron in Schwerin neigt sich 1907 dem Ende zu. Im Herbst wird Graf Kirchbach nach Posen versetzt und die Baronin zieht mit den Kindern mit. Dem im selben Jahr in Berlin gegründeten Deutschen Kolonialen Frauenbund tritt sie bei, und wird zur ersten Vorsitzenden gewählt.

Sechs Jahre später, 1913, dem letzten Jahr vor dem Ersten Weltkrieg, stirbt sie. Keine Kosten und Mühe hätte sie gespart, Verwundeten und deren Angehörigen zu helfen, wenn sie den Krieg noch erlebt hätte. Kriegsschuld und Verletzung des Völkerrechts im eigenen Vaterland zu suchen, wäre ihr nie in den Sinn gekommen.

 

 

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