Alter Friedhof Schwerin : Letzte Ruhe für Wegbereiter des modernen Bauens

Die Grabstätte der Familie Hamann
Die Grabstätte der Familie Hamann

Die Architektur und der Alte Friedhof in Schwerin – die Grabstätte der Familie Hamann

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22. Januar 2016, 00:00 Uhr

Auf dem Alten Friedhof in Schwerin haben gleich drei namhafte Architekten der Stadt ihre Spuren hinterlassen. Da ist zuerst Georg Adolph Demmler (1804–1886), der bedeutendste mecklenburgische Baumeister seiner Zeit, zu nennen. Auf seine Anregung hin wurde der damals noch Neue Friedhof vor dem Feldtor angelegt. Für seine Frau und sich entwarf er dort eine Grabkapelle, deren Symbolik einzigartig auf seine Mitgliedschaft in einer Freimaurerloge verweist. Der Plan für den neuen Friedhof sah auch die Errichtung einer Friedhofskapelle an prädestinierter Stelle vor. Den Auftrag dafür erhielt der seinerzeit erfolgreichste Kirchenbaumeister Theodor Krüger (1818–1885), dessen wohl bedeutendstes Werk die Paulskirche in Schwerin ist.

Dritter im Bunde ist Andreas Hamann (1884–1955), dem an dieser Stelle besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden soll. Seine Grabanlage ist seit einigen Jahren in Pflege durch den Förderverein Alter Friedhof.

Als Stadtbaurat schuf Andreas Hamann 1930 auftragsgemäß ein Krematorium und eine Feierhalle, die zu einer baulichen Einheit zusammengefasst sind. Sein Entwurf folgt konsequent einer schlüssigen Form, die von den beiden Funktionen vorgegeben ist. Beseelt vom Geist des „Neuen Bauens“ schuf Hamann unter Verwendung des regionaltypischen Backsteins ein nahezu schnörkelloses Bauwerk, das für die dem Neuen meist nicht so aufgeschlossenen Schweriner eine unerhörte Zumutung gewesen sein muss. Heute schätzen wir uns glücklich, auf dem Alten Friedhof so ein Gebäude zu besitzen, mit dem ein Architekt eigenständigen Gestaltungswillen zeigte und in der Architektur für Schwerin das Tor zur Moderne aufstieß, die wir heute schon wieder klassisch nennen. Im Großen als auch im Kleinen entwarf Andreas Hamann um diese Zeit weitere das Stadtbild prägende Gebäude. Hervorzuheben sind die Niklotschule am Obotritenring, deren Funktionalität noch heute besticht, sowie der Erweiterungsbau des damaligen Stadtkrankenhauses in der Werderstraße. Beide zählen zu den großen Hamann-Bauten. Klein, aber fein ist das sich elegant dem Totendamm anpassende backsteinsichtige Toilettenhaus. Eigenständigkeit im Berufsleben muss Andreas Hamann ausgezeichnet haben, denn andernfalls würde er Einmischungsversuche der braunen Machthaber nicht zurückgewiesen haben. Dies führte 1934 zu seiner Versetzung in den vorzeitigen Ruhestand. 1945 war sein Rat als Stadtbaurat und Rat für Wirtschaft wieder gefragt. Mangelnde Anpassungsfähigkeit an die Ideologie der neuen Machthaber ließ es ihm ratsam erscheinen, sich 1950 einer drohenden Verhaftung durch Flucht zu entziehen. Als Flüchtling im eigenen Land starb er 1955 in Hannover. Seine letzte Ruhestätte fand er auf dem Alten Friedhof in Schwerin in der Familiengrabstätte, in der bereits sein Vater, der Geheime Baurat Gustav Hamann (1852–1919), ruhte.

Auch er war in Schwerin tätig. So entwarf er die Städtische Schule in der Roonstraße, die heutige Fritz-Reuter-Schule. Am Ende seines Berufslebens nahm er mit dem Entwurf des 1914 eingeweihten Marienkrankenhauses, der späteren Poliklinik, Abstand von den historisierenden Baustilen. Der vertikal gegliederte Baukörper kommt ohne unmittelbare historische Bezüge aus und ist der beste Beleg dafür, dass Alt und Neu auch sehr gut miteinander harmonieren können, wenn sie Ausdruck ihrer jeweiligen Zeit sind.

Wer mehr über die historischen Grabstätten auf dem Alten Friedhof und die Arbeit des Fördervereins wissen möchte, kann sich unter www.alterfriedhofschwerin.de informieren. Die Grabstätte der Familie Hamann befindet sich im Grabfeld/Nr. Ia 2726, unweit des Krematoriums.

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