Sprachgeschichte : Kurz oder lang – das ist die Frage

Friedrich Lisch setzte sich dafür ein, das „c“ aus dem Namen Mecklenburg zu tilgen.
Friedrich Lisch setzte sich dafür ein, das „c“ aus dem Namen Mecklenburg zu tilgen.

Wie Archivrat Lisch erfolglos gegen die Tilgung des „c“ in Mecklenburg kämpfte und warum die Aussprache den Fremden verrät.

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16. März 2018, 00:00 Uhr

Mecklenburg oder Meeeeklenburg – seit Generationen erkennt der gebürtige Mecklenburger oder wissende „Ausländer“ an der Aussprache dieses Wortes den Eingeborenen oder Fremden. Doch wie ist es nun zu erklären, dass ein knappes „ck“ mitten in einem Wort steht, für das phonetisch selbst drei „e“ nacheinander kaum ausreichen würden?

Begeben wir uns in eine Sprachzeitmaschine, die in grauer Vorzeit, weit vor Konrad Duden, Friedrich Lisch und den Gebrüdern Grimm landen wird: im Jahr 995. Und da finden wir eine Urkunde, ausgestellt auf der Burg Michelenburg von Kaiser Otto III. Die Ersterwähnung dieses Namens – hier nur der einer Burg – wird einige Jahrhunderte später der Name eines Landes sein.

Steigen wir wieder in unsere Sprachzeitmaschine und durcheilen die nächsten Jahrhunderte. Neben den lateinischen Namen gibt es um 1300 „Michelenburc“, „Mechlenburg“ oder „Mechilburg“, alles im Stil der hochdeutschen Chronisten verfasst. Seit 1242 tauchen dann immer mehr niederdeutsche Varianten, der Sprache der Bewohner geschuldet, in den Urkunden auf: Mechilburch, Mikilinburg, Mikelenburch. Ab dem 14. Jahrhundert gewinnt dann die Schreibweise „Mekelenborch“ die Oberhand. Selbst in der von dem thüringischen Chronisten Ernst von Kirchberg geschriebenen Abhandlung der Geschichte Meklenburgs wird das niederdeutsche „Mekilnborg“ verwendet. Und was fällt auf? Es fehlt das „c“ vor dem „k“.

Noch… denn ab 1450 entdecken die Schriftkundigen das Laster des „Wort-in-die-Länge-ziehens“. Immer häufiger tauchen doppelte Konsonanten auf. Erst verdruckst, aber ab dem 16. Jahrhundert gibt es dann kein Halten mehr. Die Zeilen der Urkunden werden mit Buchstaben gefüllt. „Ck“, „gk“,„kk“ – man klemmt davor und dahinter. Wortenden werden mit Konsonantendoppelungen „verziert“. „Ck“ oder „gk“ in Meklenburg wirken schick. „Megkelburgk“, Meckelleburgk“, „Meckelnnborch“, da schmerzen die Augen.

Schnell mit der Zeitmaschine ins 18. Jahrhundert. Inzwischen sind die Schreiberlinge zur Besinnung gekommen. Man liebt weiterhin fremde Sprachen, jetzt besonders das Französische. Aber man hat die deutsche Rechtschreibung entschlackt, die Wortungetüme erlegt. Allerdings nicht überall, in vielen Ortsnamen halten sich unnötige Konsonanten weiter versteckt. Nicht nur in Mecklenburg.

Weiter geht es ins 19. Jahrhundert, die Zeit der Industrialisierung und des wissenschaftlichen Fortschritts: Man schaut nach vorne, forscht für die Zukunft, wendet sich aber auch der Vergangenheit zu. So gründet sich 1835 der Verein für meklenburgische (!) Geschichte und Altertumskunde, dessen Gründer und wissenschaftlicher Kopf Friedrich Lisch ist. Lisch, der Humboldt Mecklenburgs, wie er von Großherzog Friedrich Franz II. einmal genannt wurde, beschäftigt sich neben vielen anderen Wissensgebieten auch mit der deutschen Sprache. Ihm ist das „c“ ein Dorn im Auge – verständlich, spricht doch jeder Meklenburger das „Meklenburg“ lang und nicht kurz. So ist es richtig. Doch es ist ein schwieriges Unterfangen, das „c“ zu tilgen. Lisch forscht in den alten Urkunden und Chroniken, begründet, erklärt, beschwört, dass mit dauerhaft falscher Schreibweise auch die Aussprache des Namens falsch werden wird – heute wissen wir, dass er damit Recht hatte. Er erringt Erfolge: Die Publikationen des Vereins erscheinen mit der verkürzten, richtigen Schreibweise des Landesnamens, sogar der Staatskalender. Andere Größen setzen sich für Lisch ein, darunter die Gebrüder Boll aus Neubrandenburg. Auch Ernst Bolls „Geschichte Meklenburgs“ erscheint ohne „c“ auf dem Titel. Lisch wendet sich sogar an die Gebrüder Grimm, die am Deutschen Wörterbuch arbeiten. Er schreibt darüber im ersten Jahrbuch des Vereins: „Um eine sichere, unzweifelhafte Gewähr zu haben, legte ich den beiden Brüdern Grimm in Göttingen, als vorurtheilsfreie Sprachrichter jedermann bekannt, meine oben erwähnte Abhandlung zum entscheidenden Ausspruch vor, mit einer Anfrage, ob man meklenburgsch oder meklenburgisch schreiben sollte, worauf dieselben an mich antworteten: ,Ich kann zu Ihrer Abhandlung über die Orthographie von Meklenburg nichts sagen, als daß ich glaube, Sie haben völlig recht; dieser Meinung ist auch Jacob. Uebrigens würde ich ,meklenburgisch‘ der harten Kürzung ,meklenburgsch‘ vorziehen, die mir außerdem gemein lautet. Wilh. Grimm’.“ Na bitte, alles scheint klar zu sein. Doch da tritt ein Vereinskollege auf den Plan: Friedrich Carl Wex, der Altphilologe und Direktor des altehrwürdigen Fridericianums in Schwerin. Er will Lisch beweisen, dass das „c“ nur ein altes Dehnungszeichen sei. 1856 erscheint seine Abhandlung „Wie ist Mecklenburg deutsch zu schreiben und wie lateinisch zu benennen?“. Und alle knicken ein. Der Staatskalender nimmt das „c“ in den Titel, alle offiziellen Dokumente folgen. Fazit: Ein Fehler ist kein Fehler mehr, wenn ihn die Obrigkeit sanktioniert. Und so steht Meklenburg dann auch als Mecklenburg in der deutschen Sprachbibel, dem Duden. Und dies seit 1880.


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