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Unesco-Bewerbung : Kulturerbe Reetdach

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Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Dachdeckermeister Joachim Schröter unterstützt die Unesco-Bewerbung seiner Handwerker-Innung

svz.de von
erstellt am 21.Jul.2017 | 13:35 Uhr

Ein Reetdach gehört ganz selbstverständlich zum Landschaftsbild in Mecklenburg. Mit Reet gedeckte Häuser verströmen in schöner Weise Solidität, Sicherheit, Traditionsbewusstsein. Mitte der 90er Jahre erlebte diese Form der naturverbundenen Dachdeckerkunst eine erstaunliche Renaissance, erinnert sich der Reetdachdecker Joachim Schröter, dessen Firma in Vielank bei Ludwigslust beheimatet ist. „Damals wurden viele Ferienhäuser gebaut, die als regionale Besonderheit ein Reetdach bekommen mussten.“ Es ist bis heute ein unbestrittener Fakt, dass diese Ferienhäuser bei den Touristen hoch im Kurs stehen. Aber auch viele alte Bauernhäuser wurden liebevoll rekonstruiert, inklusive Schilfdach.

Es war eine wirtschaftlich erfolgreiche Zeit. Aber dennoch waren die Reetdachdecker nicht ganz zufrieden. „Wir haben darüber nachgedacht, wie wir mehr Aufmerksamkeit gewinnen können für dieses alte Handwerk“, erzählt Schröter, der im Vorstand der Reetdachdecker-Innung des Landes mitarbeitet. So wurde die kühne Idee geboren, bei der Unesco einen Antrag einzubringen. Das Reetdach sollte Weltkulturerbe werden.

Mit Unterstützung der Handwerkskammer Schwerin und auf Vorschlag des Bildungsministeriums konnte die Innung die erforderlichen Unterlagen zusammenstellen und den Antrag bei der Kultusministerkonferenz einreichen. Im Dezember 2014 wurde das Reetdachdecker-Handwerk in das bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen. Damit gehörte diese alte Handwerkstechnik zu den ersten deutschen Einträgen überhaupt. Im Juni wurde Schröter nun eine ganz besondere Ehre zuteil. Er war „Kulturtalent des Monats“. Diese besondere Form der Anerkennung für das Immaterielle Kulturerbe hat die Deutsche Unesco-Kommission erarbeitet. Seit Juli 2016 wurden über zwölf Monate zwölf Fachleute vorgestellt, die kulturelle Traditionen erhalten durch die Weitergabe ihres Wissens und Könnens.

Reet ist ein Baumaterial mit langer Tradition. Reet bzw. Schilf war eines der ersten Bedachungsmaterialien der sesshaft gewordenen Menschen. In vielen Landschaften Europas kennt man Reetdächer, insbesondere an Nord- und Ostseeküste. In Nordfriesland gibt es sogar vollständig reetgedeckte Dörfer. In den Midlands von England und in Cornwall sind Reetdächer ebenfalls weit verbreitet. Das Material wird in der Tat heute wieder stärker nachgefragt, freut sich Schröter. „Die Gründe hierfür sind ganz unterschiedlich. Viele umweltbewusste Menschen begeistert der ökologische Aspekt: Reet ist ein optimaler Baustoff, was Nachhaltigkeit anbelangt. Er ist natürlich und unbehandelt und verrottet zum Schluss ganz einfach. Viele Hausbesitzer finden auch, dass ein reetgedecktes Haus ein angenehmeres Wohnklima bietet. Und für Menschen in Norddeutschland gehört zu einem schönen Haus einfach ein Dach aus Reet dazu.“

Der wichtigste Aspekt des Immateriellen Kulturerbes ist für den Dachdecker allerdings die Weitergabe des handwerklichen Könnens. „Um das Handwerk zu erlernen, braucht es mehr als nur ein Wochenendseminar. Man muss es ganz praktisch angehen: zuschauen, erklären lassen, ausprobieren. Jedes Dach ist anders, jeder Reetbund ist anders – dafür braucht es Erfahrung und ein gutes Gespür.“ Denn die praktischen Fähigkeiten, die man als Reetdachdecker haben muss, sind wirklich sehr speziell.

Der Beruf ist auch körperlich anspruchsvoll. „Ein Reetdachdecker muss fit sein. Man turnt ja schon ziemlich herum auf dem Dach“, erzählt der Meister. Das kann recht anstrengend sein. „Angenehm ist die Arbeit an der frischen Luft. Zwar ist man dadurch auch mal Wind und Wetter ausgesetzt, aber mir macht das nichts aus.“ Seit 1998 ist Reetdachdecken ein Lehrberuf. Er hat einiges zu bieten für junge Leute, die handwerklich geschickt und schwindelfrei sind, wagt Schröter ein wenig Werbung. Denn im Moment mangelt es der Innung an tatkräftigem Nachwuchs.

Reetdachdecker sind weltweit gut vernetzt. Für ihre Interessenvertretung sorgt die International Thatching Society. In diesem Verband haben sich Fachleute aus Japan, Südafrika, Großbritannien, Schweden, den Niederlanden, Dänemark und Deutschland zusammengeschlossen. Das nächste Treffen soll im September in England stattfinden.

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