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Historie : Kränzchen und Tanzstunden

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Höhere Töchter und ihre Schulen um 1900: Der Unterricht war keine Belastung / Den Mädchen wurde „städtischer Schliff“ verpasst

Welche Schule Kinder früher besuchten, hing nicht von ihrer Intelligenz, sondern von der sozialen Stellung ihrer Eltern ab. Für Mädchen aus dem gehobenen Bürgertum gab es in Schwerin Ende des 19. Jahrhunderts immerhin sieben Höhere Töchterschulen mit insgesamt rund 1400 Schülerinnen. Viele der Mädchen kamen von auswärts und lebten fern von ihren Eltern in Schwerin im Mädchenpensionat. Was lernte eine höhere Tochter auf diesen Schulen? In erster Linie standesgemäßes Benehmen, Musik, Fremdsprachengrundkenntnisse und genug Allgemeinbildung, um in der Gesellschaft Konversation zu machen und ihrem Mann eine angemessene Gesprächspartnerin zu sein.

Der Lehrplan der letzten Klasse der Henseschen Höheren Mädchenschule umfasste 1905: 2 Stunden Religion, 5 Stunden Deutsch – mit lebensnahen Aufsatzthemen wie: „Wie ist eine gesunde und behagliche Wohnung zu schaffen“ –, 4 Stunden Französisch, 4 Stunden Englisch, 2 Stunden Rechnen, 2 Stunden Geschichte, 2 Stunden Geographie, nur 1 Stunde Physik, dafür 1 Stunde Kunstgeschichte, 2 Stunden Zeichnen, 2 Stunden Singen, 2 Stunden Handarbeit, 2 Stunden Turnen. Biologie, Chemie, Latein, oder gar Griechisch wurden nicht unterrichtet.

Die Schülerinnen der hier abgebildeten Abschlussklasse 1908 der Lewinskischen Höheren Töchterschule (in der heutigen Mecklenburgstraße 11 in Schwerin) blickten später wehmütig auf diese Zeit zurück. Eine schrieb: „Die gesamte Schulzeit ist mir wie ein schöner Kindertraum vergangen, ich tat das Notwendigste (da ich daheim so wunderschöne Spielmöglichkeiten hatte). Ich erinnere aus der Schulzeit viel Freihaben (wenn Gewitter kam, wenn schöne Eisbahn war, oder wenn ‚bei Hof’ etwas los war (und es war ja oft etwas los)“. Eine andere erinnerte sich: „Mit meinen Klassenkameradinnen hatte ich viel Spaß! Später gab es ein Kränzchen, Tanzstunde mit Jungens usw.“ Der Unterricht war erkennbar keine besondere Belastung, es waren Privatschulen, die Eltern zahlten mit 180 Mark im Jahr ein recht hohes Schulgeld. Hier fiel niemand durch, wurde niemand der Schule verwiesen.

Viel wichtiger als die Lehrer waren die anderen Schülerinnen. Sie lernten voneinander, schlossen Freundschaften, die nicht selten das ganze Leben andauerten. Bis in die 1950er Jahre trafen sie sich jährlich zum Klassentreffen in Schwerin. Vor allem für die Töchter von Gutsbesitzern und Pastoren, die bei ihren Eltern auf dem Land kaum Umgang mit gleichaltrigen Mädchen ihres Standes hatten, war dies ganz wichtig. Bis zu ihrem 13. Lebensjahr waren sie meist daheim von Hauslehrern unterrichtet worden, wurden aber dennoch zumindest für die letzten zwei, drei Jahre stets nach Schwerin geschickt.

Die Tochter eines Gutspächters schrieb: „Ich war vom Land, ein dralles Ding, so kam ich 1903 zu Euch in unsere Schule, wo ich liebevoll aufgenommen wurde und das Stadtbenehmen lernte. Die ‚große Stadt‘ war für mich was Besonderes, doch ich war lieber auf dem Land in der großen freien Natur.“ Schwerin zählte damals zwar kaum 40 000 Einwohner, war aber eine ganz andere Welt als ein mecklenburgisches Dorf. Eine Pastorentochter meinte später: „Im ländlichen Pfarrhaus aufgewachsen (auf der Insel Poel) war für uns die große Stadt Schwerin und das Schulleben mit so vielen Kameradinnen ein großes Erlebnis“. Es ging bei dem Schulbesuch offensichtlich darum, diesen Mädchen einen gewissen „städtischen Schliff“ zu verpassen. Dies erhöhte ihre Heiratschancen beträchtlich, Männer aus dem Mittelstand wollten keine „Landpomeranzen“, sondern kultivierte junge Damen.

Berufsmöglichkeiten bot diese Schule wenig. Wer wollte, konnte danach den Beruf der Lehrerin oder Gouvernante erlernen. Viel mehr gab es nicht. Frauen durften bis 1908/09 in Preußen und Mecklenburg ohnehin nicht studieren. Es hätte so gesehen gar keinen Sinn gehabt, Abitur zu machen oder Latein zu lernen. Die Lebenswege der hier abgebildeten 39 Absolventinnen der Lewinskischen Höheren Töchterschule von 1908 sprechen eine deutliche Sprache: 29 heirateten, – ausnahmslos innerhalb ihres sozialen Standes. Alle machten eine „gute Partie“, wie man das damals nannte. Die Ehemänner waren zum Zeitpunkt der Eheschließung durchschnittlich zehn Jahre älter, schon in Amt und Würden als junge Beamte, Pastoren, Ärzte, Rechtsanwälte oder Kaufleute. Zehn blieben unverheiratet. Von diesen wurden vier Lehrerinnen, drei Krankenschwestern, eine Buchhändlerin, eine Hausdame, eine „Helfende Familientante“. Sie alle übernahmen klassische Frauentätigkeiten, wobei die Berufstätigkeit noch oft durch die Pflege der alten, kranken Eltern unterbrochen wurde.

Das Ende der Höheren Töchterschulen, die es außer in Schwerin auch in vielen anderen Städten gab, kam 1908, als die preußische Regierung für Unterrichtsräume, Qualifikation, Bezahlung und Alterversorgung der Lehrerinnen in diesen Schulen hohe Standards festlegte.

Diese Anforderungen konnten die keineswegs reichen Inhaberinnen der Schweriner Privatschulen nicht erfüllen. Die Stadt übernahm daraufhin die beiden größten Privatschulen, gründete ein städtisches Lyzeum und errichtete für diese neue Schule bis 1914 ein imponierendes Gebäude auf dem Gelände des alten Domfriedhofs am Totendamm (heutiges Fridericianum). Die noch bestehenden privaten Mädchenschulen wurden bis 1923 aufgelöst, Schülerinnen und Lehrerinnen vom Lyzeum übernommen.

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