handwerk MV : Korbmacher hielten sich lange

Insbesondere bei der Kartoffelernte war „de Korf“ unentbehrlich, wie hier im Jahr 1967.
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Insbesondere bei der Kartoffelernte war „de Korf“ unentbehrlich, wie hier im Jahr 1967.

Nach und nach wurden Körbe durch Pappkartons und Plastikbehälter ersetzt – doch ganz verschwanden sie nie aus unserem Leben

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01. Juli 2016, 00:00 Uhr

Das Flechten gehört mit zu den ältesten Fähigkeiten der Menschen und reicht bis in die Urzeit zurück. Zur Herstellung einfacher Behältnisse für das Sammeln von Nüs-sen und Früchten brauchten sie nur ein wenig Fingerfertigkeit. Bevorzugt verwendeten unsere Urahnen von alters her die Weidenruten zum Flechten und fertigten daraus vor allem Körbe zum Transport und zur Aufbewahrung von Lebensmitteln und Waren. Später flocht man Zäune zum Schutz vor wilden Tieren und feindlich gesinnten Stämmen. Auch Lehmhäuser entstanden auf der Basis eines Weidenrutengeflechts, welches dann im Fach mit Lehm verschmiert wurde. In einigen Dörfern Mecklenburgs findet man sie noch heute.

Das Korbflechten wurde als überlebensnotwendige Fertigkeit von den Eltern an die Kinder weitergegeben und gehörte über viele Jahrhunderte, ebenso wie das Schnitzen und Besenbinden, zu den bäuerlichen Winterarbeiten. Vorzugsweise wurde es den Alten übertragen, die sich auf diese Weise nützlich zu machen wussten.

Weil nach dem Dreißigjährigen Krieg der Bedarf an Korbwaren in den deutschen Städten stieg, siedelten sich zu dieser Zeit dort die ersten Korbmacher an und in den größeren deutschen Städten entstanden die ersten Korbmacherzünfte.

In Dömitz an der Elbe wird im dortigen Taufregister erstmalig 1669 ein Korbmacher Hinrich Danckers erwähnt, der seine Tochter Catharina Maria taufen lässt. Zu dieser Zeit arbeitete ein Korbmacher für den städtischen Bedarf meistens nur mit einem Gesellen oder er führte einen kleinen Familienbetrieb. Den nächsten Hinweis auf die Korbmacherei in Dömitz ist der Firmengeschichte der Korbwaren- und Korbmöbel-Werkstätten Carl Eggers aus Mölln zu entnehmen. Diese Firma datiert ihre Gründung in Dömitz auf das Jahr 1772. Aber erst der Mecklenburgische Staatskalender von 1824 vermerkt wieder „einen Korbmacher“. Gemäß Kirchenbucheintrag ist es der Korbflechter Friedrich Eggers. Da dieser ohne Nachfahren bleibt, übernimmt zwei Jahre später wohl ein verwandter Korbmacher aus Hamburg das Geschäft. Dieser und seine Nachkommen führten den Familienbetrieb in Dömitz unter gleichem Namen bis 1947 fort.

Während sich die bäuerlichen Korbflechter ihre Ruten bevorzugt aus den eigens zu diesem Zweck gepflegten Kopfweiden herausschnitten, ernteten die Dömitzer Korbmacher ihre Weidenruten überwiegend an den Elde- bzw. Elbufern. Mit einem einfachen Werkzeug, einer Art Zange, die man „Klemme“ nannte, wurden die Weidenruten geschält. Das Schälen geschah stets in frischem Zustand, weil sich sonst infolge des Austrocknens die Rinde mit dem Holz verbindet. Das Allerwichtigste beim Korbflechten ist die Geschmeidigkeit der Weidenruten. Vor ihrer eigentlichen Verarbeitung mussten die Weiden daher zunächst weichen und schließlich gekocht werden. Hierzu bediente man sich großer Kessel. In einem wurden die Weidenruten bis zu zwei Wochen eingeweicht. Im zweiten wurden die Ruten einen Tag lang gekocht. Erst dann hatten sie die für eine Verarbeitung notwendige Geschmeidigkeit. Je nach Belastbarkeit der Produkte wurde die Weidenstärke ausgewählt. Zu farblichen Dekoration der Körbe wurden die hellen Weiden teilweise mit offener Flamme gedunkelt. Körbe und Kiepen fanden sich in wohl jedem Haushalt in unterschiedlichsten Formen. In den alten Bauern- und Hauswirtschaften wurden Körbe benutzt, nicht nur um das Essen aufs Feld zu tragen, sondern sie wurden auf vielfältige Art zum Transportieren und Aufbewahren von Feld- und Gartenfrüchten, von Viehfutter, Eiern oder Wäsche verwendet. Wohlhabendere Zeitgenossen ließen sich Blumenkörbe oder Korbmöbel flechten. Ende des 19. Jahrhunderts baute der Rostocker Hof-Korbmachermeister Wilhelm Bartelmann als erster einen geflochtenen Strandkorb.

Der Dömitzer Korbmacher Karl Eggers hatte vor dem Krieg seinen Betrieb in der Fritz-Reuter-Straße. Während der Nazi-Zeit übte er die Funktion eines Kreisin-nungsmeisters aus. Wohl aus diesem Grund ging er nach dem Krieg in den Westen, nach Mölln. Dort betreiben seine Nachkommen noch heute eine Korbflechterei mit Spezialisierung auf Strandkörbe.

Der in Dömitz verbliebene Betrieb wurde volkseigen und zum VEB Korbwaren–Werkstätten Dömitz. In ihm produzierten fortan etwa 30 bis 40 Korbmacher Wäschetruhen, Gartenmöbel, Blumenbänke sowie Garten-, Kartoffel- und Zierkörbe. Dieser Betrieb bestand noch bis 1968. Etwa 25 Frauen wurden dann qualifiziert für eine Arbeit im Nachfolgebetrieb, dem WBN – Werk für Bauelemente der Nachrichtentechnik Teltow, Betriebsteil Dömitz/Elbe. Die Korbflechterei in Dömitz war damit Geschichte.

Rolf Roßmann

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