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Schweriner Schloss : Kontratanz und Heiratschancen

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Aus der Onlineredaktion

Goldener Saal des Schweriner Schlosses war in der winterlichen Ballsaison Mittelpunkt des festlichen Lebens in der Residenz

svz.de von
erstellt am 19.Aug.2017 | 00:00 Uhr

Bevor diesen Herbst im Schloss der neue Plenarsaal des Landtags eröffnet wird, sollten wir vielleicht noch einmal zurückblicken auf die Geschichte dieses ganz besonderen Ortes. Einst befand sich hier der „Goldene Saal“, der größte und prunkvollste Raum des Schlosses. Hier wurde gefeiert und hier wurde vor allem – getanzt. Mehrmals im Jahr fanden hier große Gala-Bälle mit mehr als 400 Gästen statt.

In der winterlichen Ballsaison bildete dieser Saal den Mittelpunkt des festlichen Lebens der Residenz. Die adeligen mecklenburgischen Gutsbesitzer brachten ihre jungen Töchter in die Stadt und stellten sie bei Hofe vor. Bei den Hofbällen begegneten diese zum ersten Mal den adeligen Offizieren, die allein für sie als Ehemänner in Frage kamen. Der Adel blieb bei diesen Festen unter sich, Bürgerliche wurden nicht eingeladen. Die Offiziere in ihren farbenprächtigen Galauniformen kamen zum Teil von weither, nicht nur aus den mecklenburgischen Garnisonen, sondern auch aus Wandsbek oder Neu-Ruppin. Die Frauen trugen Balltoilette, meist aus Seide, und lange Handschuhe. Die Ballkleider unterschieden sich deutlich von der sonstigen Damenmode, die vor 1914 so wenig Haut wie möglich zeigte. Johann Albrecht von Rantzau, der Sohn des letzten Hofmarschalls, schreibt: „Für die Damen war ‚tiefer Ausschnitt‘ vorgeschrieben, der nach höfischer Tradition einen Teil der Brüste frei ließ“. Das sittenstrenge Bürgertum zeigte sich hierüber stets leicht schockiert. Rantzau berichtet über die Hausdame seiner Mutter, die dies mit den Worten kommentierte: „Sehr traurig, je höher die Herrschaften, desto unanständiger“.

Der Ablauf des Festes verlief im Wesentlichen immer gleich. Die Teilnehmer versammelten sich je nach Alter und Rang in Thronsaal, Ahnen- und Schlössergalerie, gegen 21 Uhr betrat der Großherzog vom Bibliothekszimmer den Thronsaal und führte die Menschen in einer Polonaise in den Goldenen Saal. Dann wurde getanzt. Um 23 Uhr war Souper im Thronsaal und den angrenzenden Räumen. Zwischen 1 und 2 Uhr nachts endete der Ball gewöhnlich.

Auf einer Tanzkarte von 1899 ist die Reihenfolge der Tänze vermerkt: Walzer, Française, Galopp, Polka, Lançier, Galopp, Souperwalzer, Lancier, Cotillon. Am meisten Spaß hatten die Tanzenden bei den Paartänzen. Galopp und Polka waren sehr schnelle Tänze im 2/4 Takt, und auch der Walzer mit seinen ständigen Drehungen war schon ein eindrucksvolles Erlebnis. Lily von Kretschman, die 18jährige Tochter des Brigadekommandeurs, schrieb 1884 nach einer rauschenden Ballnacht begeistert an ihre Cousine: „Ich habe mir den Hof machen lassen und selbst alle Augenblick Feuer gefangen: da waren Garde-Kürassiere mit ihrer herrlichen Uniform, Russen mit hohen Figuren und glänzenden Anzügen, …Wir haben getanzt wie rasend, … und Leben und Jugend reichlich genossen“. Um zu verhindern, dass die Stimmung der jungen Leute zu überschwänglich wurde, gab es – quasi zur Abkühlung – nach jedem Paartanz einen Kontratanz (Française oder Lançier). In einer solchen Quadrille mussten die Tänzer mit wechselnden Partnern komplizierte Figuren ausführen. Die Française und der Lançier waren schwierig zu tanzen, aber schön anzuschauen. Damit hier kein Durcheinander entstand, hatte das Hofmarschallamt schon lange vor dem Ball die mecklenburgischen Regimentskommandeure zur Benennung geeigneter Vortänzer aufgefordert. Insgesamt fünf Leutnants wurden mit dieser ehrenvollen Funktion zum Ball entsandt, und verkündeten dort bei den Kontratänzen mit lauter Kommandostimme die jeweils nächste zu tanzende Figur. Da das Ergebnis trotz aller Mühen zu wünschen übrig ließ, entschied der Großherzog 1908, dass künftig wie am Berliner Hof die „Alte Française“ getanzt werden sollte. Das Hofmarschallamt scheute keine Kosten und Mühen und verpflichtete eigens die berühmte Tanzlehrerin Fräulein Wolden. Diese kam mit einer Klavierspielerin aus Berlin und versammelte von nun an vor jedem Ball die Teilnehmer im Goldenen Saal und probte so lange mit ihnen, bis alle verstanden hatten, was sie zu tun hatten.

Obwohl die jungen Leute sicherlich beim Tanzen Vergnügen hatten, ging es dabei keineswegs nur um das Vergnügen. Vor allem die am Rand sitzenden Mütter beobachteten das Geschehen auf dem Ballsaal mit Argusaugen. Sie ließen sich nicht von Äußerlichkeiten blenden und wussten genau, ob es sich bei einem schneidigen Husarenleutnant um den Erben einen großen Besitzes oder einen mittellosen jüngeren Sohn handelte. Entsprechend instruierten sie in den Tanzpausen ihre Töchter, die Aufmerksamkeiten welches Verehrers es zu er- und zu entmutigen galt. Als Johann Albrecht von Rantzau, weil er zu schüchtern war, ein fremdes Mädchen anzusprechen, einfach seine Cousine aufforderte, wurde er von seiner Tante scharf getadelt: „Es heiße eine solche junge Dame einer Heiratschance zu berauben, wenn man sie zum Tanz auffordere, zu dem doch ein ernst zu nehmender Bewerber hätte auftauchen können“. Ebenso waren die jungen Männer sehr vorsichtig, dieselbe Dame nicht zu oft aufzufordern, da dies die Verpflichtung mit sich brachte, der Betreffenden bald einen Heiratsantrag zu machen.

Als besonders wichtig galten der Eröffnungswalzer, der Souperwalzer und der Cotillon am Ende des Balles. Bei diesem überreichten die Herren auch die sogenannten „Cotillon-Sträuße“ an ihre Damen. Davon wurden etliche benötigt. Für einen kleineren Ball mit kaum 50 tanzenden Damen im Februar 1911 lieferte die Schlossgartenverwaltung immerhin 400 Blumensträuße. Das Mädchen, das die meisten Sträuße nach Hause brachte, konnte sich als Ballkönigin fühlen. 1913 wurde der Goldene Saal durch ein Feuer völlig zerstört, – und getanzt wurde hier seitdem nie wieder.
 

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