Marie Bloch aus Rostock : Kinder liebten „Tante Mieze“

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Vor 75 Jahren wurde die jüdischstämmige Kindergärtnerin Marie Bloch aus Rostock im KZ Theresienstadt umgebracht

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05. Mai 2018, 00:00 Uhr

Mitten im Zentrum von Rostock trägt ein Kindergarten den Namen „Marie Bloch“. Die Einrichtung der Volkssolidarität ehrt damit eine Pädagogin, die 1910 in der Hansestadt einen Kindergarten eröffnete, zweieinhalb Jahrzehnte führte und dabei Maßstäbe in der Kinderbetreuung setzte. Marie Bloch wurde von den Nazis aufgrund ihrer jüdischen Abstammung nach Theresienstadt deportiert, wo sie im Frühjahr 1943 umkam.

Die gelernte Kindergärtnerin war ihrem Bruder aus Berlin nach Rostock gefolgt, um der Schwägerin bei der Kinderbetreuung zu helfen. Später kaufte Marie Bloch mit dem ihr zufallenden Erbteil ihrer Eltern das Grundstück in der Paulstraße Nummer 5 mit einem Gartenstück und eröffnete hier einen Kindergarten. Das war vor allem für diejenigen Frauen ein Glücksfall, die allein für ihre Familien arbeiten und sorgen mussten. Besonders nach dem Ersten Weltkrieg wuchs der Bedarf an Kinderbetreuung stark.

Marie Bloch war voller Elan und Tatendrang. In Berlin, wo sie 1871 geboren wurde und Kindheit und Jugend in einer jüdisch-liberalen Familie mit Lebensfreude, Musik und Literatur erlebte, hatte sie sich – und das war ihr größter Wunsch als junges Mädchen – zur Kinderpflegerin und Kindergärtnerin ausbilden lassen. Sie besaß ein umfassendes Wissen darüber, wie Kinder vom Kleinkind- bis zum Vorschulalter nach Ideen von Friedrich W. A. Fröbel interessant und lehrreich spielend durch den Alltag zu leiten waren.

Die Räume ihres „Kinderparadieses“ ließ sie nach der Farbenlehre von J. W. v. Goethe in allen Blautönen bis hin zum strahlenden Gelb ausmalen. Klavier und Flügel kamen in den oberen Saal und der Leierkasten mit einer großen Biene aus Transparentpapier daneben.

Die kleinen Holztische und Stühle der unteren Räume stammten aus einem inzwischen geschlossenen Kindergarten in der Paulstraße 121. Im Herbst 1910 war es dann so weit: Nach Erteilung der Konzession durch den Rat der Seestadt Rostock stand die Tür für 38 Kinder vom 3. bis zum 6. Lebensjahr in der Paulstraße 5 offen.

Jeder neue Morgen begann mit Liedern und anschließendem Gang durch den Garten. Zum Tanzen – darum hatte „Tante Mieze“, wie Marie Bloch genannt wurde, ausdrücklich gebeten – waren leichte Schuhe erwünscht. „Kiekbusch“ und „Schüttel de Büx“, „Dornröschen“, „Valenzia“ und das Parkett im Saal vertrugen keine Holzpantoffeln.

Neben festangestellten Kindergärtnerinnen halfen 14-jährige Schülerinnen, die sich für Kindererziehung und -pflege, für Musik, Spiel und Tanz, sprachlich-mimischen Ausdruck und Hauswirtschaft interessierten. Sie durchliefen eine Ausbildung im Haus, um anschließend fachlich kompetent in der Kinderbetreuung mitwirken zu können. Dem Rostocker Frauenverein, dem Marie Bloch angehörte, waren zunehmend Bitten von Eltern zur Erweiterung der Kinderbetreuung vorgetragen worden. „Frau Bloch, Sie sind eine angesehene Persönlichkeit, bitte setzen Sie sich für unsere Familien ein!“, hieß es in einem Schreiben des Jahres 1930. Und Frau Bloch kümmerte sich: um neue Einrichtungen und die stetig wachsende Zahl auszubildender Frauen und Mädchen. Die bei ihr wohnende Studentin Margarete Steiner nahm Marie Bloch als Adoptivtochter an. Als Margarete heiratete und selbst ein Töchterchen hatte, fühlte sie sich als „liebe Großmama“. Wie schwer wird es ihr gewesen sein, mitzuerleben, dass sich die Zeiten nach 1933 unter den Nationalsozialisten änderten und ein Baustein ihres Schaffens nach dem anderen als unerwünscht und dann verboten galt.

Als Erstes untersagten die neuen Machthaber der jüdischstämmigen Marie Bloch die Ausbildung der Schülerinnen. Kaum war etwas Ruhe eingekehrt, verbot man ihr die Leitung ihres eigenen Hauses. In dieser Situation unterstützte Marie Bloch ihre Tochter und deren Familie dabei, nach England zu emigrieren. Für sich selbst lehnte sie eine Ausreise ab.

Ihr Vermögen wurde eingezogen. Sie blieb. Es schien, sagte eine frühere Schülerin, Leni Schulz, als hätte sie um das Furchtbare, das auf sie zukam, gewusst. Am 11. November 1942 stand sie zum letzten Mal auf dem Bürgersteig vor ihrer Heimstatt, Paulstraße 5. Im Frühjahr 1943, vor 75 Jahren, verhungerte Marie Bloch nach schrecklichen Monaten physischer und psychischer Grausamkeiten im KZ Theresienstadt.
 

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