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80. Todestag von Richard Wossidlo : Kinder liebten Onkel Richard

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Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Eine weniger bekannte Seite von Mecklenburgs Volksprofessor: Wossidlo war auch ein Familienmensch

svz.de von
erstellt am 13.Mai.2016 | 00:00 Uhr

In drei Jahren nähert sich der 80. Todestag von Richard Wossidlo. Er wurde auf der höchsten Erhebung des Ribnitzer Friedhofs, dem Schleusenberg, beigesetzt. Ein schlichter grauer Fels trägt eingemeißelt die Inschrift: Richard Wossidlo - Mecklenburgs Volksprofessor, 1859-1939.

Schon zu Lebzeiten war dieser Wissenschaftler, ein Pionier der Volkskunde, weit über die damaligen mecklenburgischen Grenzen hinaus bekannt geworden. Geboren auf dem Rittergut seines Vaters in Friedrichshof nahe Walkendorf bei Tessin, verloren die vier Kinder sehr früh ihren Vater, den Rittergutsbesitzer Alfred Ferdinand Wossidlo (1830-1863). Nun wurde für Richard und seine Geschwister die Mutter Mathilde, geb. Kohrt (1834-1916), in Bützow prägend für die Erziehung und Bildung in der Schul- und Jugendzeit. In späteren Studienjahren Wossidlos war er oft auf dem Gut seines Onkels Hermann Burmeister (1837-1915) in Körkwitz bei Ribnitz. Wenn er als Student von seinen Sammeltouren aus der Rostocker Heide kam, führte er gern Gespräche mit den Tagelöhnern und Knechten des Gutes.

Hier auf dem Gut wurde er erstmals zum Sammeln von niederdeutschen Volksüberlieferungen neben Sagen, Märchen und Reimen intensiv angeregt. Seine Sammlungen haben ihn sein ganzes Leben lang, buchstäblich bis zum letzten Atemzug, wegen seiner Liebe zur Heimat beschäftigt. Er war und bleibt noch heute den Mecklenburgern als ihr Volksprofessor im Gedächtnis.

Er korrespondierte mit weit über1400 Gewährsleuten, verteilt wie ein Spinnennetz über ganz Mecklenburg, besuchte fast jedes Dorf und jede Stadt in seinem Forscherleben. Er war gefangen in seinem selbst geschaffenen Hamsterrad! Für uns unvorstellbar und daher wird über sein Privatleben heute noch viel spekuliert.

In diesem Beitrag nähere ich mich einer Seite Richard Wossidlos, über die uns wenig bekannt und überliefert ist. Die familiäre Seite hatte Wossidlo ganz bewusst nach außen hin abgeschirmt. So verlangte er u.a. stets bei Besuchen seiner Mutter in Ribnitz, mit der er auch ein vertrautes Verhältnis hatte, seine zahlreichen an sie geschriebenen Briefe zurück, um rein familiäre persönliche Dinge später nicht der Öffentlichkeit preiszugeben.

Nur gewisse Spannungen zwischen ihm und seinem Bruder Carl Wossidlo (1860-1929) traten zeitlebens auf. Der Bruder gehörte der Hamburger einflussreichen Kaufmannsgilde an und besaß eine Kaffeerösterei. Dadurch kam er zu Wohlstand, was man von Richard Wossidlo als Lehrer nicht behaupten konnte. Diese finanzielle Diskrepanz zwischen beiden Brüdern bereitete der Mutter bis zu ihrem Lebensende stets Sorgen.

Steht man heute vor der gigantischen Zettelwand im Volkskundeinstitut Rostock mit den hunderten beschrifteten Zigarrenkästen, in denen bis über zwei Millionen Zettel nach Stichwörtern geordnet sind, spürt der Betrachter großen Respekt. Gewusst um diese Sache, hat Wossidlo in weiser Voraussicht seinen Biographen Dr. Karl Gratopp (1890-1973) bereits zu Lebzeiten beauftragt, in dem Buch „Richard Wossidlo – Wesen und Werk“ sein Lebenswerk aus seiner eigenen Sicht darzustellen. Das Buch erschien vier Jahre vor Wossidlos Tod im Jahre 1935. Es wird bis heute behauptet, dass Wossidlo peinlichst genau darauf geachtet haben soll, dass weder Überhöhungen noch falsche Interpretationen in den Text des Buches einfließen.

Auch mein Vater, Karl-Martin Krempien (1900-1991), hatte als Großneffe und Gewährsmann zu seinem Onkel ein vertrautes Verhältnis. Auf die Frage meines Vaters, warum er nicht eine Familie gegründet hätte, antwortete er ihm: „An meiner Seite wäre eine Frau nicht glücklich geworden ...“ Wer Wossidlo in der Familie erlebte, der spürte es, wie nahe es ihm immer ging, wenn der Abschied aus der Familie bevorstand. Wossidlo hat so gut wie möglich sein Privatleben nicht öffentlich gemacht, entgegen den heutigen Gepflogenheiten von Prominenten.

Wollte man Wossidlo nur nach seinen Veröffentlichungen und seinen Briefen beurteilen, bekäme man ein etwas unklares Bild von seiner Persönlichkeit. Man würde nicht erfahren, dass er u.a. ein gewandter Gesellschafter und ein guter Klavierspieler war, dem Schumanns Werke ganz besonders lieb waren, so die Ausführungen meines Vaters, Karl-Martin Krempien, in „Stier und Greif 1991“ – Persönliche Erinnerungen an Richard Wossidlo.

Wossidlo war trotz geteilter heutiger Auffassungen ein ausgesprochener Familienmensch. Er pflegte intensive vertraute Kontakte zu seinen Verwandten, richtete die Hochzeit und den späteren 70. Geburtstag seiner Schwester Emma in Ribnitz aus, versammelte auch die Familie zu Familientreffen in Waren und nahm an den großen Familienfeiern und -treffen der Wossidlo-Sippe teil. Nach Schilderung seiner Nichte Else v. Brunn, geb. Range aus Leipzig, trafen sie sich in den Weihnachtsferien. Sie schrieb: „Dieser Onkel Richard, der in den Weihnachtsferien zu seinen Verwandten nach Ribnitz fuhr, wurde von den Neffen und Nichten geliebt. Eine wahre Begrüßungsschlacht wurde geschlagen, wehe, wenn wir ihn erst gepackt hatten!“

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