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Flucht, Vertreibung, Neuanfang - Ihre Geschichte : Keiner wollte uns hier haben

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Erich Funke aus Schwerin berichtet von der Vertreibung aus dem Sudetenland und dem schweren Neubeginn in Mecklenburg

Es ist mir ein Bedürfnis, einige meiner Erinnerungen an die Heimat zu schreiben. Ich bin im Jahre 1939 in Reichenberg geboren. Aufgewachsen bin ich in Klein-Eichicht Nr. 67 als Sohn einer Familie mit kleiner Landwirtschaft und Gaststätte. Unser Haus befand sich am Fuße des Jeschken, den ich immer vom Küchenfenster bestaunen konnte. Ich verlebte dort eine gute Kindheit, bis zur Vertreibung.

Am 7. Mai 1945 kam die deutsche Wehrmacht von Eichicht nach Heinersdorf. Hinter der Bahnstation entledigten sich die Männer vieler persönlicher Dinge, weil sie auf der Flucht vor den Russen waren. Sie machten ein großes Feuer. Aus der verbliebenen Asche sammelten mein Bruder und ich eine Aluschüssel, die bis nach Mecklenburg mitgenommen wurde. Am 9. Mai 1945 fuhr mein Vater Mist zum Kartoffelacker, da kamen die ersten russischen Flieger und beschossen ihn. In den nächsten Tagen kamen die Russen. Die Frauen und Mädchen im Ort hatten Angst vor Vergewaltigung und Plünderung, auch meine Mutter und eine Nachbarin versteckten sich einige Nächte im wilden Rhabarber hinter der Scheune. Die Russen kamen nachts in die Häuser und durchsuchten mit Taschenlampen alle Schlafräume nach Frauen und Mädchen. Tage später kam ein russischer Offizier in unser Haus, er wollte bei uns übernachten. Als in der ersten Nacht die Russen wieder nach Frauen suchten, ging der Offizier vor die Tür. Die nächsten Nächte stand dann von 18 Uhr bis 6 Uhr morgens ein Posten vor der Tür. Wir hatten dann Ruhe.

Als die Russen und der Offizier weitergezogen waren, kam am 4. September 1945 ein Tscheche aus Prag mit einem Zettel von der Gemeinde Eichicht und sagte, dass das Haus und das Vieh jetzt ihm gehören würden, die Möbel könnten wir mitnehmen. Wir mussten dann am 5. September 1945 nach Eichicht Nr. 13 ziehen. Vater sorgte für die Familie, indem er zu einem tschechischen Bauern als Knecht ging. In dieser Zeit lebte meine Oma mit ihrer blinden Mutter allein in einem Haus in Maffersdorf. Die alten Leute fürchteten sich vor Russen und Tschechen, deshalb wollten sie, dass ich bei ihnen wohnte. Ich zog für eine Woche zu ihnen. In einer Nacht kam es auf der Straße zu Unruhen. Wir wurden durch leuchtende Taschenlampen und Klopfen an der Scheibe geweckt. „Aufmachen, aufmachen, sonst sind die Scheiben kaputt.“ Die Oma ging zum Fenster und ließ die Rollläden herunter, danach war Ruhe im Haus. Doch die blinde Uroma hörte in der Küche ein Geräusch. Es waren tschechische Wörter und da sie eine gebürtige Tschechin war, verstand sie alles und antwortete auch auf tschechisch – die Eindringlinge verzogen sich.

Im August 1946 wurden meine Eltern gefragt, ob sie die tschechische Staatsbürgerschaft annehmen wollten. Wenn wir das taten, könnten wir bleiben, wenn nicht, müssten wir ausreisen. Meine Mutter wollte nicht, dass wir Kinder tschechisch lernten. Meine Eltern und Großeltern wurden am 27. August 1946 in Habendorf ins Lager eingewiesen. Am 29. August 1946 wurden Kisten und andere Sachen in Viehwagen verladen. Am 2. September 1946 früh sind wir in Ribnitz-Damgarten in Mecklenburg angekommen. Keiner wollte uns hier haben, alles war überfüllt. So ging der Zug zurück in Richtung Stavenhagen. Drei bis vier Wochen waren wir im Lager der Zuckerfabrik in Quarantäne.

Da mein Bruder noch einige tschechische Wörter kannte, versuchten wir einmal, in unser Elternhaus hineinzukommen. Heute wohnt eine tschechische Vertriebene darin. Sie zeigte uns alle Räume und lud uns zu Kaffee und Buchteln ein. Es war für mich ein sehr schönes Gefühl, am Küchentisch zu sitzen und auf den Jeschken zu schauen wie in meiner Kindheit. Ich konnte mich noch an so manches erinnern. Seit dieser Zeit haben wir ein sehr gutes Verhältnis zu dieser Familie aufgebaut. Die Enkeltochter der alten Dame spricht gut deutsch und übersetzt der Oma alles. Ich freue mich schon auf den nächsten Besuch bei ihr in der Heimat.

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