Geschichte MV : „Kein Hüsung“ im eigenen Land

So sieht die Straße der Befreiung  von Banzkow heute aus.
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So sieht die Straße der Befreiung von Banzkow heute aus.

Mit der Aufhebung der Leibeigenschaft begannen das Elend in Mecklenburg und eine große Landflucht

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26. November 2015, 09:56 Uhr

Ironie der Geschichte: Während der mehrhundertjährigen Leibeigenschaft in Mecklenburg gab es hierzulande außerhalb von Kriegszeiten im Vergleich zu anderen deutschen Landen keine Massenarmut und keine Hungersnöte. Massenhafte Armut gab es in Mecklenburg erst nach Aufhebung der Leibeigenschaft.

Wenn oft auch nur widerwillig, so hielten sich doch die meisten der damals noch vornehmlich adeligen mecklenburgischen Rittergutsbesitzer an den Kodex der patriarchalischen Verpflichtungen im System der Leibeigenschaft: Sie gewährten ein Mindestmaß an sozialer Sicherheit und sorgten im Falle von Armut, Krankheit und Alter für die Gutsuntertanen. Als 1820 die Aufhebung der Leibeigenschaft in Mecklenburg verkündet und schrittweise bis 1824 durchgesetzt worden war, wird der Freudenschrei leibeigener Landarbeiter in den Gutsbezirken ausgeblieben sein.

Denn schnell wurde klar, dass auch die Gutsherren mit der Abschaffung der Leibeigenschaft von allen Obhuts- und Fürsorgepflichten entbunden waren. Sie machten nun rigoros von ihren neuen „Freiheiten“ Gebrauch: Alle auf dem Gut ganzjährig nicht mehr benötigten Arbeitskräfte wurden kurzum aus der Gutsuntertänigkeit und damit auch als Arbeitskräfte entlassen. Was noch schlimmer war: Mit der Arbeit verloren die Menschen gleichzeitig auch ihr Heimatrecht, ihren Anspruch auf Niederlassung. Ohne Erteilung eines Heimatscheins wiederum durften sie nicht heiraten. Ein absolutes und auswegloses Elend, auf dem Fritz Reuters literarisches Epos „Kein Hüsung“ beruht.

Selbst Gutsbesitzer wie den großbürgerlichen G.J. Bock auf Groß-Welzin empörten diese Verhältnisse maßlos: „Sowie der Mecklenburger seinen Fuß über die Grenze seines Geburtsortes, sei es Stadt, Gut oder Dorf setzt, ist er im Auslande, nein schlimmer noch. Das wirkliche Ausland nimmt ihn willig auf, das sogenannte Ausland im eigen Vaterland stößt ihn zurück, gesetzmäßig kann er nie damit rechnen, im nächsten Gut, in nächster Stadt, sein Unterkommen zu finden, seine Heimat zu erwerben“, schreibt Bock 1865.

Und ganz richtig erkennen die Kammerbeamten in Schwerin, „...daß die Ritterschaft durch die Einschränkung des Niederlassungsrechts (in ihren Gutsbezirken) die gesamte Last einer wachsenden Bevölkerung auf die Domanien zu wälzen sucht ...“, heißt es in einem Schreiben von 1851. Ergebnis dieser Bevölkerungsverschiebung war eine extreme Übervölkerung des platten Landes, besonders im landesherrlichen Teil Mecklenburg-Schwerins.

1842 informieren die Beamten des Amtes Ludwigslust die Schweriner Regierung über „... die Überfüllung des Dorfes Techentin mit Arbeitern und Tagelöhnern, welche wegen ihrer großen Anzahl in Techentin, aber auch in der Umgebung, in Armut vergehen ...“ In der gesamten Lewitz sind die Dörfer 1850 übervölkert. „Alle Häuser voll belegt“, ist der Warnruf der Amtsbeamten, die zudem auf eine weitere Bevölkerungsgruppe verweisen, die aufgrund der in Mecklenburg noch herrschenden mittelalterlichen Zunft- und Gewerbeordnungen keinerlei Broterwerb ausüben durfte. Die Beamten schreiben: „Allein in den letzten zehn Jahren bis 1851 sind 5486 Angehörige des platten Landes bei städtischen Gewerben zu Gesellen ausgeschrieben worden. Für diese besteht die dringende Gefahr, in ihrem Vaterlande nicht einmal einen Platz finden zu können zu dem Versuche, sich von dem redlich Erlernten auch ehrlich zu ernähren.“ 1851 hielten sich 1000 arbeitslose Handwerker im Mecklenburg-Schweriner Domanium auf. Extrem übervölkert sind auch die Armenhäuser in den domanialen Gemeinden, in denen der Oberkirchenrat „Stätten des Sittenverderbens und Pflanzschulen aller Sünden“ zu erkennen glaubt. Die Zahl der steigenden unehelichen Geburten sind für ihn Zeichen dieser Sittenverderbnis.

Noch fühlen sich die Großherzogliche Regierung und der Landesherr nicht verantwortlich für die sozialen Missstände im Lande, sie hatten aber lockere Hände, als es darum ging, ohne Reue die eigenen Landeskinder bettelarm in die Fremde ziehen zu lassen. Besonders nach der 48er Revolution und nach dem Scheitern einer mecklenburgischen Verfassung kam es zu Massenauswanderungen. Allein in den Jahren von 1850 bis 1854 waren es rund 24 000 Mecklenburger, die vornehmlich Richtung Amerika das Land verließen. Um 1900 lebte ein Drittel der in Mecklenburg geborenen Landeskinder außerhalb ihres Heimatlandes.

Der Beitritt Mecklenburgs zum Norddeutschen Bund 1866, dessen Verfassung die Freizügigkeit der Untertanen gewährte, führte zu einer verstärkten Flucht besonders in die Städte. In Hamburg waren um 1870/75 etwa 54 000 Mecklenburger sesshaft. Nun drohte im Gegensatz zur früheren Übervölkerung eine Entvölkerung des platten Landes.

Aus diesen Gründen war der Großherzog gezwungen, im Domanium Häusleransetzungen in großem Stil durchzuführen. Es sollten Häuser sein mit Wohnung für eine Familie, einem ins Haus integrierten kleinen Wirtschaftstrakt und einigen Quadratmetern Garten und Weide für eine Kuh. In der Folge entstanden die oft endlosen Häuslerenden in den Domanialdörfern – etwa die Lewitzdörfer Tramm, Peckatel, Banzkow.... Tausende bis dahin besitzlose Bewohner des platten Landes verfügten nachdem über das, wovon Generationen vor ihnen nur träumen konnten – Hüsung im eigenen Land!

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