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Historisch : Kaisermanöver in Mecklenburg

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Gigantische Massenveranstaltung zog die schaulustige Bevölkerung magisch an

svz.de von
erstellt am 22.Okt.2016 | 00:00 Uhr

Zu den eindrucksvollsten Massenveranstaltungen aus der Zeit vor dem 1. Weltkrieg gehörten die alljährlich im September stattfindenden Kaisermanöver. Es handelte sich hierbei nicht um militärische Übungen unter irgendwie realitätsnahen Kriegsbedingungen, sondern um gigantische Freiluftaufführungen, die das Unterhaltungsbedürfnis der Bevölkerung ebenso wie die Allmachtsfantasien des Kaisers befriedigten. Um das zu erkennen, musste man kein militärisches Genie sein, sondern nur Grundkenntnisse über die Funktion eines Maschinengewehrs haben.

Der Führer der SPD, August Bebel, sagte 1903 im Reichstag: „Das sind die großen prächtigen Kavallerie-Attacken, die aber im Ernstfalle die vollständige Vernichtung der deutschen Kavallerie zur Folge haben würden. Man könne von ihnen sagen, das ist ein Todesritt, den man ihnen zumutet“.

Von seiner Topographie her war Mecklenburg für solche Veranstaltungen besonders geeignet, so dass 1904 und 1911 Kaisermanöver im Land abgehalten wurden. Das Manöver 1904 fand im Gebiet zwischen Wismar, Schwerin und Lübeck statt. Beteiligt waren acht Divisionen mit insgesamt über 150 000 Soldaten sowie ein erheblicher Teil der deutschen Hochseeflotte, die an der Küste Truppen an Land setzen sollte.

Hier bot sich ein Schauspiel, das niemand verpassen wollte. Schon vor dem Morgengrauen hatte nahezu die gesamte Einwohnerschaft die Stadt Wismar verlassen und sich zur Wohlenberger Wiek aufgemacht. Das auf die Küste zulaufende Kreuzergeschwader begeisterte den anwesenden Reporter: „Ein großartiger Anblick! Schon allein die Reise wert“. Dass das Kaiserreich eine Klassengesellschaft war, machte der Ablauf der Landung mehr als deutlich. Während die Matrosen an Land wateten, erreichten die höheren Offiziere, „auf den Schultern stämmiger Maaten reitend, trockenen Fußes das Ufer“. Aber auch im Binnenland gab es viel zu sehen. Alle Schüler hatten schulfrei und selbst von den Erwachsenen folgten viele, die es sich leisten konnten, als „Manöverbummler“ den Truppen ins Feld.

Georg Graf von Schwerin dachte in seinen Lebenserinnerungen wehmütig an diese Tage zurück: „Wie herrlich waren in seiner Kindheit die Wagenfahrten mit den Eltern in das Manövergelände gewesen, man folgte den kämpfenden Truppen weitab in neue unbekannte Gegenden. Belegte Brote in Mengen, Zigarren und Zigaretten, Portwein und Sherry wurden mitgeführt“. Die besten Plätze waren natürlich für die Kaiserin und die mecklenburgische Herzogin Cecilie, die junge Braut des Kronprinzen, reserviert. Von ihrem Feldherrnhügel bei Bobitz konnte sie genau beobachten wie der Kaiser in bedrängter Lage persönlich das Kommando übernahm und seine Truppen zum Sieg führte, während der Kronprinz „an der Spitze seiner Kompanie als Erster über den durchweichten Sturzacker voranstürmte“. Der von der Mecklenburgischen Zeitung entsandte Reporter war nicht ganz so dicht herangekommen, berichtete aber begeistert über die Attacke der Gardekavalleriedivision, die „selbst aus der Ferne einen großartigen Anblick darbot“. 15 000 mit Lanze und Säbel bewaffnete Reiter, die mit wehenden Fahnen in vollem Galopp auf breiter Front angriffen, müssen ohne Zweifel ein Bild geboten haben, das alles übertraf, was ein Filmregisseur heute mit einem knappen Hundert Statisten und moderner Computertechnik bewerkstelligen kann.

Die fachkundigen Generalstabsoffiziere betrachteten das Geschehen damals freilich mit ganz anderen Augen. Sie sahen in Wilhelm II. einen völlig unfähigen Kommandeur, dessen verfehlte Strategie nur deshalb erfolgreich war, weil der Kaiser eben immer gewann, und die Manöverschiedsrichter grundsätzlich für seine Seite entschieden. Dem Chef des Militärkabinetts General von Hülsen-Haeseler war das Ganze furchtbar peinlich: „Er sei froh, daß die fremdländischen Offiziere erst so spät gekommen seien und dies Alles zum Glück nicht gesehen hätten“. Trotzdem entging den ausländischen Militärbeobachtern, die regelmäßig an den Kaisermanövern teilnahmen, nicht, dass die hier angewandte Strategie und Taktik überhaupt nicht mehr den Anforderungen der modernen Waffentechnik genügten. Der Kaiser selbst aber zeigte sich hier völlig unbelehrbar. Das in Ostmecklenburg und Vorpommern stattfindende Kaisermanöver im September 1911 wies erneut schwere Defizite auf, und Oberst Repington, der englische Militärkorrespondent der „Times“, sparte in seiner Zeitung nicht mit sachlicher Kritik, die wiederum in Deutschland freilich niemand hören mochte.

Die theatralischen Kaisermanöver schufen bei Bevölkerung, Soldaten und nicht zuletzt beim Kaiser selbst ein Bewusstsein militärischer Überlegenheit und Unverwundbarkeit, das nicht wenig zu der Leichtfertigkeit beitrug, mit der das Reich in den 1. Weltkrieg hineinsteuerte.

Die Soldaten mussten dann allerdings schon in den ersten Kriegstagen erleben, wie groß der Unterschied zwischen Krieg und Manöver wirklich war. Am 12. August 1914 – der Krieg war noch keine 10 Tage alt – ritten die Ludwigsluster und Parchimer Dragoner bei Haelen in Belgien eine Kavallerieattacke auf stark befestigte Maschinengewehrstellungen. Freiherr von Trotsche berichtete: „So überlegen fühlten wir uns doch – namentlich mit unseren Lanzen – einem jeden belgischen Soldaten gegenüber“. 288 mecklenburgische Dragoner starben. Reiter und Pferde wurden vom Maschinengewehrfeuer regelrecht „niedergemäht“, die beiden Schwadronen nahezu komplett aufgerieben.
 

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