Flucht, Vertreibung und Neuanfang: Ihre Geschichte : Kälte, Luftangriffe, Angst

Christel Zahrndt 1943 mit den größeren Geschwistern
Christel Zahrndt 1943 mit den größeren Geschwistern

Christel Zahrndt erlebte die Schrecken der Flucht und sah das zerstörte Berlin. Bei Demmin lag erstes Zuhause in Mecklenburg

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10. Juni 2016, 00:00 Uhr

Christel Zahrndt wurde in Hinterpommern im heutigen Polen geboren. Von dort floh sie mit den Eltern nach Mecklenburg. Sie lebt in Schwerin.

Unsere Familie stammt aus dem ehemaligen Bezirk Schneidemühl in Hinterpommern im heutigen Polen. Wir wohnten in einem Einfamilienhaus, welches unsere Eltern 1931 errichteten. Battrow war ein kleiner unbedeutender Ort, doch 1945 gingen die Kämpfe und Fronten hin und her. Unsere Mutter floh mit uns drei Kindern (13, 11 und 4 Jahre) zuerst in den Keller der Großeltern, der Bauernhof lag etwas abgelegen. Dort hatten sich aber schon viele Menschen angefunden und so zog sie mit uns Kindern weiter zu ihrer Schwester in ein anderes Dorf. Aber auch dort kam der Krieg näher und der Schwager machte ein Gespann fertig.

Am 13. Februar 1945 setzte sich das Fuhrwerk in Bewegung. Meine Tante hatte ein 24 Tage altes Baby und einen achtjährigen Sohn. Auch ein kranker Bruder kletterte auf den Wagen. Alle konnten nicht immer auf dem Wagen bleiben und mussten abwechselnd laufen. Wir kleineren Kinder weinten dann nach unserer Mutter. Es war kalt, der Treck wurde beschossen, wir hatten Angst. Es war eine gefährliche Flucht.

Dann wurden wir angehalten. Onkel, Pferde und alles, was wir auf dem Wagen für uns Lebenswichtiges hatten, wurde mitgenommen. So waren die beiden Frauen mit uns Kindern und dem gehbehinderten Bruder allein. Sie zogen hungernd und zu Fuß zurück nach Hause. Dieses war aber teilweise zerstört. Das Baby starb später an Unterernährung.

Irgendwie schafften wir es, bis zum Spätsommer zu Hause zu bleiben. Mutter musste in der Kolchose arbeiten. Wir bekamen eine Kuh für Milch, diese wurde uns aber nachts aus dem Stall gestohlen.

Plötzlich stand der Vater vor der Tür, er hatte nach der Entlassung in Mecklenburg nach uns gesucht und in Berlin eine Einreise nach Polen gestellt. Es ging noch in der Nacht mit wenig Hab und Gut und vorhandenem Essen auf eine anstrengende Reise. Züge fuhren nicht für uns. Irgendwie ging es nach langem Marsch auf einem Güterzug immer ein Stück voran.
In Berlin sah es schrecklich aus, ich erinnere mich an die riesigen Häuser mit ausgebrannten Fenstern und Türen und an Trümmer. Manchmal bekam unser Vater Brot auf Bezugsschein oder Ähnliches.

Letztlich kamen wir in Brudersdorf bei Demmin an. Eine nette alte Frau mit ihrer Tochter nahm uns auf. Wir schliefen in Bodenkammern auf Strohsäcken.

Da mein Vater Schneidermeister war, bekam er die Nähmaschine des verstorbenen Schneiders und nähte für die Leute im Dorf aus Decken und Militärmänteln etwas zum Anziehen. So ging es Stück für Stück vorwärts.

Erst 1992 fuhren mein Bruder (1947 in Dargun geboren ) und ich mit unseren Ehepartnern nach Polen in die alte Heimat. Dort hatte sich nicht viel verändert, ich erkannte alles wieder. Wir trafen Deutsch sprechende Leute. Der neue Eigentümer des Hauses war freundlich bereit, uns ins Innere des Hauses zu lassen. Plötzlich stand ich im Zimmer meiner Geburt. Das war ein ergreifendes Gefühl. Natürlich haben wir viel fotografiert und so bleibt alles in Erinnerung. Das Elternhaus, die Fachwerkkirche, der Glockenstuhl und das weite schöne Land.



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