Aus dem Landesarchiv : Justizakten belegen: Barlachs Vater duellierte sich 1872

Die Prozessakten des Ärzteduells präsentieren Dr. Matthias Manke, Ernst Barlach und Prof. Dr. Ralf Röger (v.l.n.r.) im Landeshauptarchiv Schwerin.
Die Prozessakten des Ärzteduells präsentieren Dr. Matthias Manke, Ernst Barlach und Prof. Dr. Ralf Röger (v.l.n.r.) im Landeshauptarchiv Schwerin.

Akten lagern seit Jahrzehnten im Landeshauptarchiv Schwerin und werden nun ausgewertet

svz.de von
13. August 2016, 00:00 Uhr

Eigentlich beschäftigte sich Prof. Dr. Ralf Röger, Vorsitzender des Fördervereins Ernst Barlach Museum Ratzeburg, mit der Frage, warum der Arzt Dr. Georg Barlach mit seiner Frau und den vier Kindern (darunter der spätere Bildhauer, Zeichner und Schriftsteller Ernst Barlach) im Jahre 1876 vom Mecklenburgischen Schönberg nach Ratzeburg umsiedelte. Dass dabei ein Pistolenduell zwischen Dr. Georg Barlach und seinem Schönberger Arztkollegen Dr. Carl Wilhelm Marung eine Rolle spielte, wurde schon 1930 unter Berufung auf Personen, die sich des Arztes Dr. Barlach „noch heute ... als eines freundlichen, stets hilfsbereiten Arz-tes erinnern“ in einem Beitrag des Heimatforschers Fritz Buddin in den „Mitteilungen des Heimatbundes für das Fürstentum Ratzeburg“ berichtet.

Und auch der Künstler Ernst Barlach selbst stellte schon 1928 in seinem autobiographischen Werk „Ein selbsterzähltes Leben“ knapp fest: „Mein Vater musste sich mit seinem Kollegen, dem älteren Dr. Marung, schießen.“ Prof. Röger, von Hause aus Jurist, wunderte sich darüber, dass weder an den genannten Stellen noch in der jüngeren biographischen Literatur zu Ernst Barlach präzise Angaben zu Anlass und Ablauf des Duells und vor allem auch zu seiner juristischen Aufarbeitung zu finden waren: „Als Jurist war mir bewusst, dass Duelle mit tödlichen Waffen, die unter Adeligen, Offizieren und zum Teil eben auch unter bürgerlichen Personen gehobenen Standes gesellschaftlich durchaus noch verbreitet waren, in rechtlicher Hinsicht auch in den 1870er Jah-ren schon unter Strafe standen und daher eigentlich eine Reaktion der Justiz auf das Ärzteduell zu erwarten gewesen wäre.“ Eine Nachfrage Rögers beim Landeshauptarchiv Schwerin führte dann zur (Wieder-) Entdeckung der Prozessakten, die sich mit dem Ärzteduell befassen und die bisher offensichtlich noch nicht wissenschaftlich ausgewertet wurden.

Aus ihnen ergibt sich, dass sich die beiden Ärzte am 31. Juli 1872 in Schönberg zufällig begegnen und der alteingesessene Dr. Marung dem erst kürzlich zugezogenen Dr. Barlach vorwirft, überteuerte und unnütze Medikamente zur Behandlung der sog. „Sommercholera“ (einer Magen-Darm-Infektion) verschrieben zu haben. Dieser Vorwurf erzürnt Dr. Barlach so, dass er noch am selben Tage brieflich eine Entschuldigung von Dr. Marung verlangt. Als diese aber nicht nur ausbleibt, sondern Marung ebenfalls brieflich seine Vorwürfe wiederholt und verstärkt, reist Barlach zusammen mit dem befreundeten Juristen Giehrke nach Lübeck, erwirbt dort zwei Pistolen und lässt anschließend durch Giehrke die Herausforderung zum Pistolenduell an Marung überbringen. Das Duell findet dann am 4. August 1872 morgens um 6 Uhr im Zarnewenzer Holz bei Schönberg statt.

Als zweiter Sekundant fungiert ebenfalls ein Jurist, nämlich Assessor von Oertzen, und als unparteiischer Zeuge wird der Schönberger Schuldirektor Dr. Armknecht hinzugezogen. Das Duell geht über drei Schüsse, die aus 15 Schritten Distanz abgegeben werden; und nach jedem Schuss unternimmt Dr. Armknecht den Versuch, die Duellanten zu einem gütlichen Ausgleich zu bringen – was aber insbesondere an der Starrsinnigkeit Marungs scheitert. Nachdem die ersten Schüsse ohne Folgen bleiben, trifft der dritte und letzte Schuss Barlachs und verletzt Marung „in der rechten Seite über dem Hüftbein“. Allerdings entnehmen wir der Prozessakte: „Die Wunde ist nicht gefährlich gewesen, indem der Rath Marung schon nach der zweiten Woche das Bett und nach der dritten Woche das Haus verlassen hat.“

Die juristischen Folgen des Duells lassen nicht lange auf sich warten: Durch „Erkenntnis der Großherzoglichen Justizcanzlei zu Neustrelitz“ vom 21. September 1872 werden die beiden Duellanten Barlach und Marung wegen Zweikampfs zu sechsmonatiger Festungshaft verur-teilt. Giehrke als Überbringer der Forderung wird als sog. Cartellträger mit einmonatige Festungshaft bestraft. Nun wenden sich aber alle Verurteilten an die Großherzogliche Landesregierung und bitten um Milderung der Strafe; ergänzend werden zugunsten der beiden Ärzte von der Schönberger Bevölkerung unterzeichnete Petitionsschriften eingereicht. Da der Zweikampf zur damaligen Zeit zwar strafbar, aber gleichwohl gesellschaftlich weitgehend akzeptiert war, wird von großherzoglicher Seite wie erhofft die Strafe abgemildert. Dr. Barlach ver-büßt am Ende nur eine einmonatige Festungshaft (vom 31.03. bis 30.04.1873), Dr. Marung eine fünfwöchige (vom 17.02. bis 24.03.1873) und Advocatus Giehrke eine zweiwöchige (vom 28.07. bis 11.08.1873). Auch die Haftbedingungen dürften durchaus erträglich gewesen sein, denn die Vollstreckung erfolgte auf Weisung der Landesregierung nicht etwa in einem düsteren Verlies, sondern in „Giebelstube und Kammern im Bodenraume des Bibliothek-Gebäudes“ zu Neustrelitz.

Ernst Barlach, in Ratzeburg ansässiger Enkel des Künstlers und Urenkel des Duellanten, stellt dazu fest: „Die nun durch das Auffinden der Akten bekannt gewordenen genaueren Umstände des Duells waren in der Familiengeschichte bisher nicht bekannt. Ich hätte nicht gedacht, dass entsprechende Prozessakten existieren und freue mich sehr über diesen interessanten Fund.“ Dr. Matthias Manke, stellvertretender Leiter des Landeshauptarchivs Schwerin, erläutert dazu: „Die Akten der Justizkanzlei Neustrelitz sind tatsächlich erst seit 2009 erschlossen und der Allgemeinheit zugänglich; die Akten der Großherzoglichen Landesregierung dagegen schon seit 1974. Auch aus meiner Sicht stellt dieses Duell eine historisch spannende Angelegenheit dar, deren wissenschaftliche Aufarbeitung wir gerne unterstützen.“

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