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Geschichte MV : Junge Leute lebten Ehe auf Probe

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Im alten Mönchgut auf Rügen waren die Hochzeitsbräuche aus der Art geschlagen

svz.de von
erstellt am 16.Okt.2015 | 12:00 Uhr

Mönchgut, so schrieb Johann Jacob Grümbke in „Streifzüge über das Rügenland“, erschienen 1805, „ist drei Meilen von Bergen entfernt, wird wegen seiner Abgeschiedenheit und Obskurität von Fremden wenig besucht und scheint selbst auf Rügen nicht sehr gekannt zu sein.“

1252 wurde dieses Stückchen Land im äußersten Südosten der Insel, das bis dahin im Besitz der Herren von Putbus war, von diesen dem nahe bei Greifswald gelegenen Zisterzienserkloster Eldena überlassen. Seit dieser Zeit existiert auch der Name „dat Mönke Guedt“, heute Mönchgut. Nach der Reformation wurde Mönchgut in eine königliche Domäne umgewandelt. Dieses Gebiet mit den heute so bekannten Orten wie Thiessow, Lobbe, Middelhagen, Groß und Klein Zicker sowie Gager und Göhren war über Jahrhunderte als mönchisches Territorium streng getrennt von der Hauptinsel und bestand selbst aus einem bunt zusammen gewürfelten Stückwerk von Landengen und –zungen, von Meerbuchten und Meerengen und kleinen Vorgebirgen, Höwt genannt.

Es gab eine Scheidelinie zwischen dem „geistlichen und profanen Boden“, wie Grümbke schreibt, also zwischen dem klösterlichen Besitz und dem Rest der Insel. So konnten sich im Laufe der Zeit einige Besonderheiten, besonders im Brauchtum und in der Kleidung, entwickeln.

Fischfang, Ackerbau und Lotsenwesen bescherten den Mönchgutern ein recht gutes Auskommen, und sie waren sehr ortsverbunden, ja, sie lebten nach Grümbke sogar etwas isoliert und hatten wenig Verbindung mit dem übrigen Rügen. Sprache, Kleidung und Sitten entwickelten sich ein wenig anders, und zumeist versuchte man untereinander zu heiraten. Im Vergleich zum übrigen Land etwas aus der Art geschlagen waren die Hochzeitsbräuche. Hochzeiten waren wahre Volksfeste im Dorf, dabei soll die Zahl der Gäste gelegentlich die erstaunliche Anzahl von 200 Personen erreicht haben. Da reichte der Besteckkasten im eigenen Hause nicht aus, und so brachte jeder zur Hochzeitstafel seine eigenen Messer, Gabeln und Löffel mit, wobei letztere ins Knopfloch der Weste gesteckt wurden.

Bekannt war noch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts das so genannte „Jagen“ der im Heiratsalter stehenden Mädchen und der Witwen. Es handelt sich dabei um das Recht der Frauen, um einen Mann zu werben; allerdings mit der Einschränkung, dass diese Frau eine eigene Wirtschaft besitzen oder ihr ein Bauernhof als Erbschaft zugefallen sein musste. Wenn die Frau nicht schon ein Auge auf einen bestimmten Mann geworfen hatte, übergab sie einem Vertrauten eine Liste mit den Namen verschiedener von ihr gewünschter Ehekandidaten. Das Jagen würde man heute besser mit „Ausschau halten“ übersetzen.

Noch ausgefallener war aber das „Eheproben“. Damit sollte einer unglücklichen Verbindung vorgebeugt werden, eine Sitte, die gelegentlich noch um 1870 angewendet wurde. Wollten zwei junge Leute heiraten, so lebten sie eine Zeitlang zusammen, um zu prüfen, ob es eine zufriedene Ehe geben könnte. Es war keine Schande und nicht ehrenrührig, wenn man sich wieder trennte. Und manches Pärchen soll diese Probe mehrmals gemacht haben.

Wenn das Zusammenleben klappte, gab es kein Zurück mehr und der Bund fürs Leben musste geschlossen werden. Chronisten berichteten, dass nur die „jungfräulichen Paare“ – das musste mit Treu und Glauben auf die Bibel geschworen werden, mit „Orgelschall“ getraut wurden. Übrigens besaßen die Mönchguter keine eigenen Trauringe. Es gab dafür in jedem Kirchensprengel ein paar Ringe, für die die Kirche bei der Trauung eine Leihgebühr nahm. Die Hochzeitskleidung unterschied sich nicht stark von der Sonntagskleidung, allerdings gebührte dem Kopfschmuck der Braut besondere Aufmerksamkeit. Auf dem Kopf trug sie einen Kranz und drüber eine Art Krone, beide aus Buchsbaum und Myrte geflochten, deren Blätter von Gold- und Silberschaum glitzerten.

Haare wurden besonders sorgsam frisiert und mit Eiweiß geglänzt. Um die Stirn war ein silbernes Band gelegt, auf dem wiederum eine Haarlocke ihren Platz fand. Der Brustlatz war bunt bestickt und mit Flitterkram versehen. So zog dann die ganze Hochzeitsgesellschaft mit Musik durch das Dorf. Danach gingen kurzzeitig die Männer und Frauen ihre eigenen Wege.

Während erstere dem Hochzeitshaus zustrebten, gingen die Frauen in ein „Warmbierhaus“, wo eine Köchin eine Riesenschüssel mit Rosinen und Korinthen auf den Tisch stellte und diese mit recht süßem Warmbier übergoss. Daran labte sich die ganze „Weiberschar“ und kam vergnügt in das Hochzeitshaus, wo auch die Männer kräftig zulangten. Nach dem Süßbier wurde eine Kanne mit kaltem Bitterbier für den Umtrunk gereicht, vielleicht eine Vorwarnung, dass es in der Ehe nicht nur die süßen Seiten geben würde.

Lange Zeit war es auch üblich, dass ein kleinerer Teil der Festgesellschaft einen Ausflug auf den „Buskam“ unternahm. Dieser riesige Findling liegt etwa ein paar hundert Meter vor Göhren im Wasser.

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