skandinavischer Brauch : Julklapp mit Räucheraal

So könnte ein Weihnachtsstrauß am Heiligabend 1960 ausgesehen haben: Der Schmuck stammt aus dieser Zeit.
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So könnte ein Weihnachtsstrauß am Heiligabend 1960 ausgesehen haben: Der Schmuck stammt aus dieser Zeit.

Wie ein skandinavischer Brauch nach Mecklenburg kam: Erinnerungen an einen besonderen Heiligabend im Jahr 1960.

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16. Dezember 2013, 11:26 Uhr

An Heiligabend 1960 in meinem Zarrentiner Elternhaus erinnere ich mich gerne. Denn in diesem Jahr gab es für meine Mutter eine ganz andere Art der Bescherung als für uns Kinder. Wir saßen am weiß gedeckten großen Eichentisch in der guten Stube. Zwölf weiße Wachslichter brannten am Weihnachtsbaum. Sie gaben dem Raum ein besonderes warmes Licht und sorgten für eine festliche Stimmung. Mit Spannung warteten wir Kinder auf die Bescherung. Wir hatten gerade gegessen, den obligatorischen Kassler mit Grünkohl – eigene Ernte aus dem Garten – und dazu die kleinen gezuckerten Pellkartoffeln. Zum krönenden Abschluss stand in kleinen Glasschälchen unsere Lieblingsnachspeise auf dem Tisch, die köstliche gelbe Zitronencreme, selbst gemacht von unserer Mutter. Da wummerte es plötzlich kräftig an die Wohnzimmertür. Wir erschraken, Bella unsere Hündin, lief bellend zur aufgerissenen Tür, durch die ein schmales langes Päckchen ins Zimmer geworfen wurde. Es landete auf dem Fußboden, kurz vor dem warmen Kachelofen. Ein roter Siegellackklecks verklebte seine braune Papierhülle. „Julklapp für Magdalene“ tönte eine tiefe Stimme aus dem dunklen Flur. Nach dem Auswickeln des Päckchens kam ein geräucherter Aal zum Vorschein. Meine Mutter war von dieser vorzüglichen Fischdelikatesse total überrascht. Ihre Freude war groß, denn für sie war ein lang ersehnter Wunsch in Erfüllung gegangen. Oft hatte sie von dieser Delikatesse geschwärmt, die in der kleinen Grenzstadt Zarrentin, in der Sperrzone, nicht zu haben war. Der Aalfang aus dem Schaalsee ging gleich nach dem Räuchern zum Verkauf in den Westen. Wir Kinder waren irritiert, warum das Päckchen für unsere Mutter von unbekannter Hand ins Zimmer geworfen wurde. Unsere Großmutter Frederike (Jahrgang 1875) erklärte, dass sie diesen Brauch am Heiligenabend aus ihrem Elternhaus in Pütte bei Stralsund kannte. Erst nach dem Fest erfuhren wir, dass sie die Unbekannte war, die Julklapp für unsere Mutter gemacht hatte. Sie wollte ihrer Tochter Magdalene eine besondere Freude machen, sie an den Weihnachtsbrauch aus ihrer Kindheit erinnern. Denn auch Magdalene erhielt als kleines Mädchen am Heiligabend im großen Pütter Bauernhaus Julklapps.

Das lustige anonyme Geschenkritual stammt aus Skandinavien – die sogenannten Julklapps, die Weihnachtsgeschenke, sind vom schwedischen „Jul“ für Weihnachten abgeleitet – und war bereits im 19. Jahrhundert in Norddeutschland üblich. Nun ging es mit der Bescherung weiter. Meine Schwester und ich entdeckten unsere Geschenke unterm Weihnachtsbaum. Wunderbare Rollschuhe westlicher Fabrikation wickelte meine Schwester aus ihrem Päckchen, das Tante Grete aus Westberlin für den Heiligabend schickte. Nach dem Öffnen eines bunt bedruckten Kartons kam für mich eine kleine niedliche rote Kindernähmaschine zum Vorschein. An ihrer rechten Seite gab es ein kleines Handrad mit einer Kurbel zum Drehen. Als ich am nächsten Weihnachtstag meine ersten Nähversuche startete, ließ sich das kleine Handrad nicht drehen. Leider blieben auch die Bemühungen meiner Eltern erfolglos. Meine Enttäuschung war groß, ich war traurig, dass ich mein Weihnachtsgeschenk nicht benutzen konnte. Im Januar reklamierte meine Mutter die kaputte Kindernähmaschine im Spielzeugladen und einige Wochen später gab es dafür neue Rollschuhe für mich. Mit diesem verspäteten Geschenk hatte ich überhaupt nicht gerechnet. Nun war auch ich, wie meine jüngere Schwester, stolze Besitzerin von Rollschuhen.

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