Landwirtschaft : Jetzt ist aber Sense!

Die Erntearbeit um 1910 war reine Handarbeit.
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Die Erntearbeit um 1910 war reine Handarbeit.

In Thulendorf bei Rostock sorgten zahlreiche Handwerker mit ihren Sensenstreichern für einen scharfen Schnitt

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13. August 2016, 00:00 Uhr

Bäuerliche Arbeit und Lebensweise prägten in Mecklenburg das Leben über Jahrhunderte. Es war vor allem Getreide, das angebaut wurde. Norddeutschland war lange bekannt als Kornkammer. Korn war zugleich wichtiges Exportgut über die Häfen Rostock und Wismar. Um es zu ernten, brauchten die Landwirte die Sense. Sie gehörte zu den wichtigsten Geräten. Ohne sie konnte das Korn nicht geerntet werden. Es gab kein Stroh für den Stall und kein Heu und Häcksel für das Vieh, kein Gras als frisches Futter.

Das Wort Sense stammt aus dem Althochdeutschen und bedeutete „die Schneidende“. Damit das stählerne Sensenblatt schnittig und geschmeidig, ohne großen Widerstand und leichter für den Bauern zu handhaben war, kam es auf die leichteste Anwendung dieses Gerätes an. Heute ist die Sense wohl nur noch bei Bergbauern und gelegentlich bei alternativen Landwirten in anderen Regionen in Gebrauch. Ebenso wie das Dengeln und Streichen oder Wetzen.

Dengeln bedeutete, dass der Landwirt seinen Dengelhammer nahm, sich vor einen flachen Amboss setzte, das Sensenblatt darauf legte und mit dem Hammer in kleinen, genau abgesetzten Schlägen die Schneide bearbeitete und sie so schärfte und zugleich alle möglichen Scharten auswetzte. Er war schon weithin im Dorf zu hören, dieser helle Klang, wenn Metall auf Metall traf. Besonders vor und in der Erntezeit waren die Männer häufig beim Dengeln anzutreffen. Der zweite Schritt dann, der Sense den allerletzten und schärfsten Schliff zu geben, war das Streichen des Blattes. Dazu benutzte man den Sensenstreicher, der immer griffbereit in einer Seitentasche der Arbeitshose oder im Stiefelschaft des Schnitters steckte. Und in jedem Kramladen auf dem Dorf waren die Sensenstreicher, in Mecklenburg auch „Sträks“ genannt, für ein paar Pfennige im Angebot. In einem Dorf in der Nähe von Rostock, in Thulendorf, hatte man sich in der Vergangenheit auf die Herstellung dieser „Sträks“ spezialisiert. Dazu benötigte man vor allem drei Dinge, die es rings um Thulendorf in Hülle und Fülle gab: Holz bot die Rostocker Heide, Teerschwelereien hatten sich im nahen Rövershagen angesiedelt und der feinkörnige Sand konnte vom unweit entfernten Ostseestrand geholt werden. Zuerst wurde das Holz geschnitten, etwa 40 cm lang und drei bis vier Zentimeter breit. Zum handlichen Anfassen wurde ein Handgriff eingearbeitet. Derweil kochte zumeist im eigenen Haus in den Kesseln der Teer. Diesem wurden, das war das Geheimnis der einzelnen „Streichmacher“, verschiedene Substanzen wie Marmor oder Glas, sehr fein gerieben, auch Zement oder etwas Öl beigegeben. Dann wurden beide Seiten der Holzleiste mit dieser Teermasse eingeschmiert und danach in einem Sandbad gewälzt. In Thulendorf (Ersterwähnung 1327) wurden um 1900 etwa 20 verschiedene Arten von Sensenstreichern produziert. Die Herstellung war eine Art Hausindustrie, bei der die gesamte Familie, von den Kindern bis zu den Großeltern, einbezogen war. Der Chronist Rudolf Ahrens aus Rostock schrieb vor gut 100 Jahren: „Wenn man in Betracht zieht, daß heute ungefähr eine halbe Million Sensenstreicher im Jahre in dem wohl 300 Einwohner zählenden Thulendorf hergestellt werden, so kann man ermessen, welche Bedeutung die Herstellung für das Dorf gewinnen mußte.“

Bald hielt auch der technische Fortschritt seinen Einzug in Thulendorf. Fast jeder Sträks- oder Streichmacher hatte ein eigenes kleines Sägewerk und fuhr seine Erzeugnisse mit Pferd und Wagen aus. Schließlich nutzte man später noch Dampfkraft und Elektrizität bei der Herstellung der Sensenschärfer.

Während anfangs der Sand von der Ostseeküste kostenlos geholt werden konnte, fanden die Behörden eine Möglichkeit, so das Staatssäckel etwas mehr zu füllen. Der Sand wurde jetzt aus Warnemünde oder Wustrow angeliefert und ein Scheffel, etwa 30 kg, kostete 2,50 Mark – der gleiche Preis, den man für ein Huhn oder für zwei Pfund Butter zahlen musste. Mittlerweile hatten die Thulendorfer Konkurrenz erhalten, denn der wirtschaftliche Erfolg fand in der Umgebung bis hin nach Bützow mit eigenem Industriezweig zahlreiche Nachahmer.

Mit der Sense waren immer ein Stück Aberglauben und Sprichwörter sowie Redensarten verbunden. So durfte man die Sense nicht mit der Spitze nach oben tragen, weil sich sonst die umherfliegenden Engel daran die Füße zerschneiden konnten. Die Sense konnte zudem Hexen und Teufel bannen, und bekannt ist der Spruch: Jetzt ist Sense, also so viel wie: Jetzt ist Schluss, Feierabend, ich mache nicht mehr mit.

Gründliche Untersuchungen zur Arbeit mit der Sense hat natürlich der Volkskundler Richard Wossidlo vorgenommen und einen breiten Zitateschatz gesammelt, in dem zugleich die Schwere der Arbeit beim oft zwölf- bis vierzehnstündigen Arbeitstag herauszuhören ist. „Ik bün poggenmöd’, todenmöd“, „…mi sangeln de Knee, mi sacken de Knaken tosammen“. Letztlich hat die Sense Eingang gefunden in den Begriff Sensenmann, der „Schnitter Tod“. „Der Sensenmann kommt“, das hieß, der Tod ist nahe. Auf vielen bildlichen Darstellungen ist die Sense schon seit dem Mittelalter ein Attribut des Todes. Besonders in Kriegen, ebenso bei Epidemien und Katastrophen hielt der „Sensenmann reiche Ernte“.
 

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