Rostock 800-jährige Geschichte : Inferno begann in der Backstube

Der Kuperstich erinnert an den großen Stadtbrand von 1677, eines der einschneidensten Ereignisse in der 800-jährigen Geschichte der Stadt Rostock.
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Der Kuperstich erinnert an den großen Stadtbrand von 1677, eines der einschneidensten Ereignisse in der 800-jährigen Geschichte der Stadt Rostock.

Der Rostocker Stadtbrand von 1677 zählt zu den einschneidenden Ereignissen in der 800-jährigen Geschichte

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21. April 2018, 12:00 Uhr

Zu den größten Feuersbrünsten in Mecklenburg zählt der große Rostocker Stadtbrand von 1677, der unter anderem auch im weit entfernten Nürnberg für Schlagzeilen sorgte und dort in Form eines Kupferstichs Widerhall fand. Handelte es sich doch um ein verheerendes Unglück in einer der größten Städte des Ostseeraums, in die es vielfache Handelsbeziehungen gab.

Über Jahrhunderte war Rostock als ein bedeutendes Mitglied der Hanse zu Reichtum gekommen; die riesigen Backsteinkirchen und prächtigen Bürgerhäuser zeugten vom allgemeinen Wohlstand. Die Nachricht vom Feuer, das am 11. August 1677 in einer Backstube in der Altschmiedestraße ausgebrochen war und begünstigt durch Trockenheit und Wind zwei Tage lang wütete, machte schnell in ganz Europa die Runde.

In Rostock selbst war am 12. August, als einsetzender Regen endlich half, die Flammen zu bändigen, nichts mehr wie vorher: Etwa 700 Häuser waren den Flammen zum Opfer gefallen – das war rund ein Drittel aller Gebäude. Fast die gesamte nördliche Altstadt war vernichtet, dazu Teile der nördlichen Mittelstadt. Das Feuer hatte direkt das Herz der lokalen Wirtschaft getroffen, denn zu den abgebrannten Gebäuden zählten etwa 100 Brauhäuser. Der internationale Bierexport aber war nach dem Niedergang der Hanse das wirtschaftliche Rückgrat der damals schon fast 560 Jahre alten Stadt.

Das Feuer selbst hat, soweit man weiß, keine Opfer gefordert. Sicher ist, dass die Einwohnerzahl in Folge des Brandes um wohl mehr als die Hälfte auf etwa 5000 sank. Viele Menschen verließen Rostock und suchten bei Verwandten und Freunden in anderen Städten Obdach, bauten dort eine neue Existenz auf. Die Brauerfamilien sahen sich außerstande, aus dem Nichts heraus in neue Produktionsstätten zu investieren. Im Gegensatz zu einer Tischler- oder Schneiderwerkstatt bedurfte es für eine neue Brauerei erheblicher finanzieller Mittel; angefangen beim Bau eines geeigneten soliden Hauses bis hin zur Anschaffung der Gerätschaften und dem Kauf der Zutaten. Die vielfach nicht wieder aufgenommene Bierproduktion wirkte sich aber auch auf alle damit im Zusammenhang stehenden Berufe wie Brauer, Böttcher und Träger aus.

Dieser Bevölkerungsverlust, der auch mit dem Wegfall vieler Steuerzahler einherging, brach Rostock wirtschaftlich das Genick. Die Stadt hatte ohnehin schwer am Niedergang der Hanse und den Folgen des Dreißigjährigen Kriegs zu tragen. Mit dem Schicksalsschlag von 1677 war die einstige Pracht endgültig dahin; Rostock sollte nie wieder an die Blüte während der Hansezeit heranreichen.

Es dauerte Jahrzehnte, zum Teil bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts, bis die beim Brand wüst gefallenen Grundstücke wieder bebaut waren. Anstelle prächtiger backsteinerner Giebelhäuser entstanden jedoch aus Bruchsteinen oder in Fachwerk kleinere Traufhäuser. Erst 1819 war die Einwohnerzahl wieder auf rund 13 000 gestiegen, und erst Ende des 19. Jahrhunderts hatte sich die Wirtschaft konsolidiert; allerdings nicht mehr auf Basis von Bierexporten.

Der Brand von 1677 war nicht der einzige große Stadtbrand an der Warnow, doch seine Vorgänger sind nicht so gut dokumentiert. Lediglich archäologisch lässt sich zum Beispiel ein großes Feuer nachweisen, das wohl um 1250/52 gewütet haben muss. Nicht auszuschließen ist, dass ihm auch das damalige Rathaus zum Opfer fiel, denn es gibt keine Akten aus den Anfangsjahrzehnten der 1218 offiziell gegründeten Stadt. Ein Indiz für einen großen Brand um 1250 ist auch der Kauf der Rostocker Heide 1252: Die Stadt brauchte Holz für neue Häuser und kaufte Fürst Borwin III. das nahe gelegene Waldgebiet ab.

Dörte Bluhm

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