Krippenmuseum Güstrow : In zwei Stunden rund um die Welt

Die Krippe aus gedrehtem Altpapier stammt von den Philippinen.  Fotos: Grossert
Die Krippe aus gedrehtem Altpapier stammt von den Philippinen. Fotos: Grossert

Geschichten aus dem Museum: Im Krippenmuseum in Güstrow zeigt die aktuelle Ausstellung den Kontrast von Arm und Reich

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08. Januar 2016, 00:00 Uhr

Am südöstlichen Rand von Güstrow, ein paar Meter vom Schloss entfernt, steht die Heiligen-Geist-Kirche. Sie ist schon eine alte Dame. Bereits im 14. Jahrhundert wuchsen ihre Mauern in der Tradition des Backsteinbaus. Als Spital bot sie über Jahrhunderte Raum für die Pflege von Kranken. Sie überstand Kriege und Umbauten und wurde später nur noch als Baustofflager genutzt.

Dann geschah ein kleines Wunder! Nach der Wende begannen erste Sicherungs- und Sanierungsarbeiten. Heute trägt die kleine Kirche stolz eine goldene Sternschnuppe und den Schriftzug „Norddeutsches Krippenmuseum“ an der Fassade.

Öffnet der Besucher die Tür und betritt den großen Kirchenraum, sieht er zahlreiche Glasvitrinen und eine Treppe, die zu einer Galerie unterhalb einer schönen bemalten Holzdecke führt. Heidemarie Wellmann, Mitglied des Freundeskreises Krippenmuseum, geleitet den Museumsgast durch die Welt der Weihnachtskrippen. Es ist eine erstaunliche Reise durch 80 Länder, einmal rund um den Erdball.

Zuerst fallen prachtvoll gekleidete russische Bojaren und Engelsfiguren ins Auge. Sie stehen im oberen Teil einer zweistöckigen Glasvitrine und demonstrieren Erhabenheit, Macht und Reichtum. Im unteren Teil sind einfache grönländische Tupilak-Figuren aus Tierknochen und -zähnen ausgestellt. Peruanische Krippenfiguren mit kostbaren Brokatkleidern und Federschmuck thronen über einer Darstellung der Weihnachtsgeschichte aus gedrehtem Altpapier, gefertigt auf den Philippinen. Eine Krippe aus Plastikmüll wurde in Indien gebastelt. Darunter leuchten kleine Kunstwerke aus buntem, golden schimmernden Glas. Es sind die „Heiligen drei Könige“ aus dem Morgenland, die als rote, blaue und grüne, mit Goldplättchen verzierte Figuren, dem neugeborenen Jesus Gaben bringen. Alle Gestalten wurden aus feinem Murano-Glas gefertigt. „Wir wollen in dieser Ausstellung die Kontraste zwischen Arm und Reich deutlich machen, veranschaulichen, wie unterschiedlich die Weihnachtsgeschichte dargestellt werden kann“, erläutert Heidemarie Wellmann das Ausstellungskonzept.

Weiter hinten im Raum zieht eine Ansammlung von Sand, Steinen, trockenen Pflanzenresten und einer Tonscherbe die Aufmerksamkeit auf sich. Die Naturmaterialien erweisen sich bei näherer Betrachtung als eine sehr schlichte Darstellung der Geburt Jesu. „Das ist etwas ganz Persönliches von Frau Ringguth“, erklärt die Pädagogin Heidemarie Wellmann. Die Christin Mechthild Ringguth hatte die Steine, die aussehen wie biblische Figuren, die Pflanzen und die Scherbe in der jordanischen Wüste gesammelt. Wüstensand in Filmbüchsen nach Hause transportiert. „Sie hatte ein so glückliches Leuchten im Gesicht, wenn sie vom Fund der Scherbe erzählte“, erinnert sich Wellmann. Sie sagte dann oft: „Ich stelle mir vor, Jesus Christus hat aus diesem Krug getrunken“.

Ausgelöst wurde Ringguths Sammelleidenschaft in Südfrankreich. In der Provence fertigen die Bewohner sogenannte Santons aus Ton oder Terrakotta. Das sind Figuren, zwischen vier und fünfzehn Zentimeter groß. Sie werden bunt bemalt oder in Stoff gekleidet. Meistens stellen die „kleinen Heiligen“ ganz normale Bürger dar.

Die Tradition der Santons fußt auf der Schließung der Kirchen während der Französischen Revolution. Die Provenzalen fanden einen schönen Ausweg. Sie bastelten ihre Krippen und „Heiligen“ selbst und stellten sie zu Hause auf. Eine ganze Landschaft mit Santons ist in der 2. Etage des Museums zu bewundern. Bei der Betrachtung umweht der Duft von Schokolade die Nase. Das kann doch eigentlich nicht sein? Und doch, eine Krippe aus Schokolade und Heilige aus Marzipan überraschen den staunenden Besucher. Insgesamt sind in der Ausstellung Krippen aus etwa 90 verschiedenen Materialen zu finden.

Die Weihnachtskrippen waren Mechthild Ringguths Kinder. „Tante Mechthild“, wie die Hamburgerin Ringguth liebevoll genannt wurde, sammelte sie bei Reisen während eines Zeitraums von mehr als 45 Jahren. Oft gab sie Weihnachtskrippen bei heimischen Künstlern in Auftrag. Bedingungen: heimisches Material, landestypische Darstellung und christliches Verständnis. Die Sammlung brachte sie in ihrem Haus in Hamburg unter. Ihre erste Ausstellung fand im Hamburger Michel statt.

Als ihre Kräfte nachließen, suchte sie eine sichere Heimat für die Krippen und fand sie in der leerstehenden Heiligen-Geist-Kirche Güstrow. Die „Weihnachtskrippen in Heilig Geist – Mechthild und Dr. Rudolf Ringguth-Stiftung“ wurde gegründet. 350 Krippen aus rund 65 Ländern bildeten den Grundstock für das 2007 eröffnete Norddeutsche Krippenmuseum.

Weitere Spenden kamen hinzu. Heute hat das Museum einen Fundus von etwa 600 Krippen. Etwa 120 sind in wechselnden Ausstellungen zu sehen. Jedes Jahr zum ersten Advent wird ein anderer thematischer Schwerpunkt gesetzt. Krippen aus achtzig Ländern – von Ägypten bis Zaire – laden diesmal zu einer etwa zweistündigen Weltreise ein. Das Museum ist das ganze Jahr geöffnet. Doch besonders in der dunklen Jahreszeit sind die kleinen und großen Kunstwerke beleuchtet und lassen eine schöne Atmosphäre entstehen.

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