Flucht, Vertreibung, Neuanfang - Ihre Geschichte : „In Selmsdorf begann zweite Kindheit“

Brigitte Schneider, damals Laude, im Frühjahr 1946. „Es war der Beginn eines neuen Lebens“, schreibt sie.
Brigitte Schneider, damals Laude, im Frühjahr 1946. „Es war der Beginn eines neuen Lebens“, schreibt sie.

Brigitte Schneider aus Rostock kam mit einem Transport elternloser Kinder nach Deutschland und fand in Westmecklenburg eine neue Familie

svz.de von
27. August 2016, 00:00 Uhr

Brigitte Schneider war drei Jahre alt, als ihre Mutter starb. Sie musste miterleben, wie ihre Pflegemutter von betrunkenen Soldaten erschossen wurde und gelangte zusammen mit ihrem Bruder mit einem Kindertransport nach Westmecklenburg. Hier fand sie eine Pflegefamilie, in der, wie sie sagt, ihre „wundervolle zweite Kindheit“ begann.

Mein Bruder Heinz war acht und ich drei Jahre alt, als meine Mutter 1941 starb. Danach lebten wir bis zum Sommer 1944 in einem Kinderheim in Großmölln in Hinterpommern. Mein Vater und mein ältester Bruder waren Soldaten der Wehrmacht und meine damals 14-jährige Schwester kam zu Verwandten. Ich weiß nicht mehr genau, aus welchen Gründen mein Vater uns aus dem Heim holte und zu einer Frau Minx in Kordeshagen im damaligen Kreis Köslin brachte. Es war eine so genannte Pflegestelle für elternlose Kinder.

Fast alle Dorfbewohner flüchteten im März 1945. Einige freiwillig, andere wurden dazu gezwungen. Frau Minx wollte nicht weg und versteckte sich und uns auf einem abgelegenen Bauernhof. Als sich die Unruhe im Dorf gelegt hatte, kehrten wir wieder zurück. Eines Tages kamen Soldaten der Roten Armee ins Dorf. Frau Minx sagte zu uns streng, dass wir die Soldaten, wenn sie ins Haus kommen, freundlich grüßen sollten. Sie fügte flehentlich hinzu, auf gar keinen Fall „Heil Hitler“ zu sagen. Wir saßen zitternd auf unseren Stühlen, denn wir hatten große Angst. Es schien alles gut zu gehen. Soldaten und Offiziere kamen freundlich auf uns zu. Unsere Ängste verschwanden allmählich. Wir trauten uns schon vor die Haustür und in den kleinen Vorgarten. Plötzlich stürmten zwei Betrunkene laut grölend ins Haus. Sie wollten Schnaps, durchsuchten alle Räume vom Keller bis zum Boden. Als sie nicht fanden, was sie wollten, erschossen sie vor unseren Augen unsere Pflegemutter. Dort, wo sie hingefallen war, blieb sie liegen. Es schneite an den folgenden Tagen, so dass wir nicht mehr das Blut sehen konnten, das aus Mund und Ohren geflossen war. Frau Minx wurde in ihrem Garten begraben. Von wem, weiß ich nicht mehr.

Nun waren mein Bruder und ich ganz allein. Alle Einwohner, bis auf zwei Familien, waren geflohen. Keiner kümmerte sich um uns. Essen, Trinken und Wohnen waren in den ersten Tagen nach diesem tragischen Ereignis kein Problem. Wir fanden alles in den leerstehenden Häusern. Die freilaufenden Hühner fraßen das erste frische Grün und als wir noch Getreidesäcke fanden, fütterte mein Bruder sie regelmäßig. Die Eier wurden täglich regelrecht gesucht und mein Bruder Heinz stach zwei Löcher in das Ei und trank es leer. Ich ekelte mich vor dieser Mahlzeit. Große Brocken Puderzucker, die wir in dem einzigen kleinen Kaufladen fanden, waren mir lieber. Wir schliefen in vielen verschiedenen Betten, durchstöberten die Wohnungen und fanden immer auch passende Kleidung für uns.

Bei unseren Touren durch das Dorf passten wir höllisch auf, dass uns keine Rotarmisten bemerkten. Als die Lebensmittel allmählich zur Neige gingen, trauten wir uns in die Nähe der inzwischen eingerichteten sowjetischen Kommandantur. Trotz großer Ängste folgten wir der freundlichen Einladung zum Näherkommen. Wir erhielten einen großen Kanten hartes Schwarzbrot und eine dünne Graupensuppe mit Rüben oder Kohl aus der Gulaschkanone. Etwas so köstlich Warmes hatten wir wochenlang nicht gegessen. Täglich durften wir wiederkommen. Der Hunger plagte uns nun nicht mehr, aber die verfluchten kleinen Mitbewohner in unseren Haaren und am Körper. Wir waren total verlaust, verdreckt und hatten an den Händen, Armen, Beinen und Füßen vereiterte Beulen, die nicht heilten, weil wir sie immer wieder aufkratzten.

In der zweiten Augusthälfte ließ man uns eines Tages nicht mehr vom Hof der Kommandantur. Wir mussten auf ein Lastauto steigen, auf dem schon mehrere Kinder saßen. Damit fuhren wir in Richtung Köslin. Dort wurden alle Kinder in ein ehemaliges Lazarett gebracht, das zum Notkinderheim umfunktioniert worden war. Eine Erinnerung aus dieser Zeit habe ich viele Jahre später meinem ältesten Enkel erzählt und es ihm vorgemacht. Er hat sich darüber sehr amüsiert, aber den bitteren Hintergrund sehr wohl verstanden. Im Kinderheim gab es abends immer eine dünne Milch- bzw. Wassersuppe. Dazu erhielten wir ein Stück hartes Brot, das wir in die Suppe bröckeln sollten. Manchmal bekam derjenige, der am schnellsten damit fertig war, noch ein kleines Stückchen dazu. Ich war nie dabei, denn meine Hände waren noch nicht verheilt und schmerzten bei jeder Bewegung. Da kam mir die fixe Idee, vom Brot kleine Stücke abzubeißen und sie in die Suppe zu spucken. Ich hatte dabei eine solche Perfektion und Schnelligkeit erreicht, dass ich immer zuerst eine Hand frei hatte, um nach einem zweiten Stück Brot zu greifen.

Eines Morgens bekamen alle Kinder einen Stoffbeutel in die Hand und eine so genannte Sackschürze umgebunden. Die Schürze sollte ein Erkennungszeichen dafür sein, dass wir zu den elternlosen Kindern gehörten. So ausgerü-stet, ging es zu Fuß zum Bahnhof. Dort wurden die ca. 80 Kinder auf drei Güterwagen „verladen“. Ich weiß nicht mehr, wie viele Tage und Nächte wir unterwegs waren. Manchmal standen wir stundenlang auf freier Strecke. Essen und Trinken waren sehr knapp.

In Schönberg in Westmecklenburg endete die Fahrt. Wir wurden auf Leiterwagen gesetzt, die von Pferden in Richtung Selmsdorf gezogen wurden. Es sollte von dort weiter nach Lübeck in die englische Besatzungszone gehen. Auf der Dorfstraße wurden die Wagen plötzlich durch sowjetische Soldaten angehalten. Sie riefen sehr bestimmt in deutscher Sprache: „Kinder bleiben hier, Kinder bleiben hier!“ Die Pferdewagen mussten umkehren und alle Kinder wurden in eine große Scheune gebracht, in der Heu und Stroh und einige Wolldecken lagen. Das Wichtigste aber war, dass es vor dem Schlafengehen noch eine richtige Milchsuppe mit „Mehlklütern“ gab. Sie wurde in einer Gulaschkanone gekocht und die Milch brannte an. Es war trotzdem ein köstliches Abendessen. Wenn meine Kinder mal die Nase rümpften, wenn mir das Missgeschick passierte, dass ein Pudding oder eine Suppe anbrannte, habe ich von diesem Erlebnis erzählt und lachend wurde mir verziehen.

Am Morgen mussten wir uns alle in Selmsdorf auf dem Dorfplatz aufstellen. Einwohner, vor allem Frauen, beguckten uns von allen Seiten. Sie waren gebeten worden, Kinder vorübergehend mit nach Hause zu nehmen. Ich war dabei und auch mein Bruder fand eine Unterkunft. Allerdings konnten wir nicht zusammenbleiben, denn meine spätere Pflegemutter hatte selbst zwei Söhne.

Nun begann die Glückssträhne meines Lebens. Ich hatte jetzt ein kuschliges warmes Bett, brauchte nicht mehr zu hungern, konnte mich jeden Tag waschen und die ekelhaften Läuse wurden mit Spiritus getötet. Meine langen schwarzen Haare wurden radikal gekürzt, was mit gar nicht gefiel. Schnell heilten auch die Eiterbeulen an meinem Körper ab und die liebevollen Streicheleinheiten meiner Pflegemutter taten mir besonders gut.

Nun begann meine wunderbare zweite Kindheit und eine aktive Jugendzeit. Der uneigennützige aufopfernde Einsatz meiner Pflegemutter und anderer Frauen aus dem Dorf für hilfebedürftige Kinder hat mich auch charakterlich geprägt.

Mein Pflegevater kam Ende 1946 aus der Gefangenschaft zurück. Ich lernte einen wunderbaren Menschen kennen, der sich mit Herzblut für den Aufbau einer neuen Gesellschaft einsetzte. Meine Pflegeeltern haben mir vorgelebt, wie man in schwierigen Zeiten anderen zur Seite steht, die Hilfe brauchen.

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