DDR-Amateurbands : In geflickten Blue-Jeans zum Tanz

Live-Auftritte von Bands waren äußerst beliebt. Termine verbreiteten sich in Windeseile durch Mundpropaganda.
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Live-Auftritte von Bands waren äußerst beliebt. Termine verbreiteten sich in Windeseile durch Mundpropaganda.

Zu DDR-Zeiten sorgten 4500 Amateurbands für Stimmung bei den jungen Erwachsenen

svz.de von
21. Juni 2018, 20:45 Uhr

Amateurtanzkapellen gab es zu DDR-Zeiten bereits in den 1960er-Jahren. Ein großer Teil von den seinerzeit etwa 4500 Amateurbands beschäftigte sich bereits damals mit der neuen Musikszene, denn Rock- und Popmusik übte auch auf die Kapellen und Bands der DDR Faszination aus. Die jungen Musiker bastelten sich selbst Instrumente und Verstärker, importierten, wo es ging, improvisierten, so gut es ging und erzeugten neue Klänge.

Es kam in der DDR zu ersten umstrittenen Bandgründungen: 1958 Klaus Renft Combo (mit Verbotsunterbrechungen), 1964 Scirocco, 1964 Stern Combo Meißen und Sputniks (1966 unter staatlichem Druck aufgelöst). Gleichwohl reagierten die DDR-Medien auf die neue Musikszene. 1964 fand ein sogenanntes „Deutschlandtreffen“ statt.

Bei diesem Treffen wurde von DDR-Musikgruppen entgegen der bisherigen Praxis erstmals öffentlich westliche Musik gespielt. Das hierzu von der DDR eingerichtete Sonderstudio DT64 fand eine so große Resonanz, dass dieses Jugendstudio als eigenes Radioprogramm auch nach dem Deutschlandtreffen fortgeführt wurde. Jugendtanzveranstaltungen, bei denen Live-Bands auftraten, wurden immer populärer. Es tauchten weitere Bands auf, die regionales und internationales Renommee erreichten: 1969 Puhdys und Electra, 1971 Panta Rhei und Bayon, 1974 Berluc und Res Facta, 1975 Karat und 1977 Pankow. Auftritte in Mecklenburg gehörten zum Tournee-Programm. Anfang der 1970er-Jahre spielten die Puhdys, damals noch als Amateurband, und die Gruppe City auch in der damaligen Grenzstadt Dömitz.

Die Stadt lag bis 1973 noch im sogenannten 5-km-Grenz-Sperrstreifen, so dass Jugendliche aus den umliegenden Dörfern und Städten erst nach Aufhebung dieser Sperrzone die Dömitzer Konzert- und Tanzveranstaltungen besuchen konnten.

Zu dieser Zeit war das Dömitzer Kulturhaus regelmäßig rappelvoll. Nun kamen die Jugendlichen aus den anderen Dörfern auch erstmalig mit den in Dömitz stationierten „Seemollis und Grenzern“ in Kontakt. Diese nutzten ihren Ausgang gern, um „Bräute aufzureißen“ und etwas intensiver dem Alkohol zuzusprechen. Das führte oftmals zu Konflikten und Streitereien.

Zu den Jugendtanzveranstaltungen gehörte damals fast überall eine klassische Gastronomie, bei der man an Tischen, manchmal sogar mit Tischdecken und Blumenvasen, saß. Die Getränke brachte das Servierpersonal, welches wegen der Fluktuation sofort abkassierte. Diese kulturelle Umrahmung passte selten zur Stimmung der Jugendlichen und zu den harten Rhythmen der gespielten Rockmusik.

Wer sich für besonders „cool“ hielt, trug geflickte Blue-Jeans, möglichst Levis oder Wrangler aus dem Westen, Jeansjacken und Kletterschuhe bzw. Tramps und Jesuslatschen und darüber am besten einen Shell-Parka. Dazu trugen Mädchen wie Jungen lange Haare und blau-weißgestreifte Fleischerhemden, Batikkleider- bzw. -hemden und zunehmend Umhängetaschen. Beliebte Aufnäher auf den Taschen waren die staatlicherseits verpönten Ami-Flaggen, Anti-Atomkriegs-Zeichen und das Victory-Symbol. Zwischen den Zähnen wurden Kaugummis hin- und hergewälzt. Life-Darbietungen von Bands und Gruppen genossen in aller Regel die größte Popularität.

Die Auftritte beliebter Bands verbreiteten sich schon über Mundpropaganda in Windeseile. Band-Plakate, die für Jugendtanzveranstaltungen warben, galten als beliebte Sammelobjekte.

Die Eintrittspreise für Jugendtanzveranstaltungen lagen je nach Einstufung der Bands bei 2,60 bis 5,10 Mark. Auch die Getränkepreise waren moderat – der halbe Liter Bier kostete 50 Pfennige, Schnäpse waren ab 1,10 Mark, Cola-Wodka für 1,60 Mark zu haben.

Gegessen hatten die meisten Jugendlichen bereits zu Hause, ansonsten waren Speisen weit unter 5 Mark im Angebot. Oftmals litten Tanzveranstaltungen wegen der niedrigen Schnapspreise unter dem übermäßigen Alkoholkonsum einiger Gäste. Vor Rempeleien in der Pause bewahrte ein Aufenthalt im Barbereich, wo man auch einfache Cocktails und Mixgetränke bestellen konnte.

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