Flucht, Vertreibung, Neuanfang : Im Vorratskeller quoll der Sprit über

Eberhart Schultze mit seinen Eltern und dem kleinen Bruder in Kösternitz
Eberhart Schultze mit seinen Eltern und dem kleinen Bruder in Kösternitz

Eberhart Schultze erlebte das Kriegsende auf einem Gutshof in Hinterpommern

svz.de von
26. Mai 2017, 13:12 Uhr

Eberhart Schultze aus Parchim erlebte das Ende des Krieges auf dem Gutshof seines Heimatdorfes Kösternitz (Kociernica) zusammen mit seiner Mutter und seinem kleinen Bruder. Diese Zeit von 1. Januar bis 3. Oktober 1945 hat sich bis ins kleinste Detail in sein Gedächtnis eingebrannt.

Er schreibt: Die Trecks aus Litauen, Estland, Ost- und Westpreußen sowie aus Ostpommern nutzten als Tagesendziele nach Möglichkeit Gutshöfe für das Unterbringen von Pferden und Wagen und die Klassenräume der Dorfschulen als Schlafstatt für die Flüchtlinge. Zwar waren die Überlandstraßen an den meisten Tagen für die zivilen Trecks gesperrt, aber an jedem Abends bog wenigstens ein Treck unangemeldet auf den Gutshof meines Heimatdorfes ab. Die Ortschaft liegt auf halbem Wege zwischen Pollnow (Polanów) und Köslin (Koszalin). Ich führte als zehnjähriger Junge im Keller der Brennerei jeden Abend vor 19 Uhr die Milchausgabeliste für die aus den Großstädten Evakuierten mit ihren Kindern. Danach gab ich jedem, der in der Waschküche an den großen Kessel herantrat, eine Schüssel aus Backelit für etwa einen Liter Milchsuppe. Wenn besonders viele Flüchtlinge kamen, endete mein Arbeitstag erst nach 22 Uhr.

Meine Mutter musste, weil mein Vater am 2. Januar 1945 zum Volkssturm eingezogen worden war, den täglichen winterlichen Arbeitsablauf im Gutsbetrieb sicherstel-len. Östlich der Oder gab es mehrere hundert Brennereien, deren Vorratskeller mit Kartoffeln gut gefüllt waren. Was meine Mutter am meisten beschäftigte, war der Kar-toffelsprit mit seinem 93- bis 97-prozentigen Reinheitsgrad. Der Vorrat wuchs und wuchs. Nach etlichen Telefongesprächen führte sie am 25. Februar das letzte Gespräch mit der Wehrmachtskommandantur in Köslén. Mutter: „In der hiesigen Brennerei liegen mittlerweile 2200 Liter Kartoffelsprit. Ich habe seit Anfang Januar mit allen Dienststellen einschließlich der Reichsbahn wegen des Abtransportes telefoniert.“ Wehrmachtsoffizier: „Das ist schwierig, weil dieser Sprit nicht für Flugzeugmotoren geeignet ist.“ Mutter: „Soll der Sprit denn dem Feind in die Hände fallen?“ Offizier: „Wie können Sie behaupten, dass die Russen kommen. Ich lasse sie wegen Defätismus erschießen!“ Mutter: Dann müssen Sie sich beeilen, damit Sie eher als die Russen da sind.“ Das Gespräch war ihr letztes mit der Wehrmacht, sehr kurz, und wurde von Mutter mit dem demonstrativen Auflegen des Hörers beendet. Ich stand daneben.

Nur einen Tag später kamen mehrere Pferdegespanne aus den Nachbarorten. Um 14 Uhr standen auch unsere 13 Gutsgespanne für je zwei Familien und sieben Bauernwagen auf der Dorfstraße zur Abfahrt in Richtung Köslin bereit. Der Treck ist nur zwei Dörfer weiter gefahren und dann umgekehrt. Vor uns hörten wir Artilleriedonner. Stattdessen quartierte sich unsere Dorfgemeinschaft mit 150 Personen in einer Staatsförsterei drei Kilometer außerhalb des Dorfes ein.

Unsere Mütter zogen sich die dunkelste Kleidung an, die sie hatten. Dazu gehörten auch schwarze Kopftücher. Die Mädchen wurden im Heu versteckt. Am Nachmittag des ersten Märztages, an meinem zehnten Geburtstag, erschienen im Dienstzimmer des Staatsförsters die ersten zwei Rotarmisten. In der Dämmerung erschienen noch neun Rotarmisten und inspizierten die Försterei. Sie gingen in dem Augenblick über den baumlosen Forsthof, als mehrere Bombenflugzeuge ihre Bodenklappen öffneten. Die Soldaten winkten mit ihren Pelzmützen heftig nach oben und die Bodenklappen gingen wieder zu…

Wenige Tage später kehren Eberhart Schultze und die anderen zurück in ihr Heimatdorf. Der Parchimer schreibt: „Anfang April füllte sich das Dorf im Laufe eines Nachmittags mit rund 2000 Rotarmisten. Am nächsten Morgen wuschen sich die Soldaten im Bach des Dorfes und fragten uns Kinder, wo hier ein See sei. Als wir begriffen hatten, worum es ihnen ging, zeigten wir ihnen alle Angelstellen im Dorf. Am Nachmittag machten die Soldaten ihre Feuerchen und alle aßen gebratene Kösternitzer Fische…

In allen Gutsdörfern existierten Kommandanturen der Roten Armee. Die Deutschen mussten vor allem das Füttern und Melken der Kühe absichern und in Kösternitz die Brennerei betreiben, bis im Frühsommer die Kartoffeln endlich alle waren und die schlesische Steinkohle aufgebraucht war.

Darüber hinaus änderte sich für uns Deutsche nicht viel. So blieb uns nichts anderes übrig, als ein- bis zweimal im Monat in die nächstgelegenen Gutsdörfer zu gehen und um Lebensmittel zu bitten. Alle Straßen und Wege führten durch große Wälder. Meine Mutter war durch Tolstois Roman „Krieg und Frieden“ „militärisch vorgebildet“. Sie wusste nämlich, wie sich der russische Soldat zur eigenen Verteidigung in den einheimischen Wäldern verhielt. Sie gab also mehrfach die Losung aus, unterwegs leise zu sprechen und sich im Wald zu verstecken, wenn fremde Stimmen zwar schon zu hören, aber noch keine Personen zu sehen waren.

Im Spätsommer 1945 konnte man sich in bestimmten Dörfern schon an manchen Tagen bei polnischen Offizieren einfinden, die entsprechende Papiere für die Ausreise ausstellten. Diesen Buschfunkinformationen folgte meine Mutter und nahm mich wie üblich mit. Unsere Weinflasche voll Kösternitzer Kartoffel-Primasprit trugen wir umschichtig. Die Anhörung war kurz. Mutter erhielt die Ausreise-Dokumente. Sie kam aber verstört wieder aus dem Haus. Sie erzählte, was vorgefallen war. Als die beiden die Papiere austauschten, schob meine Mutter die bewusste Flasche über den Tisch zum polnischen Offizier, und dieser schob sie postwendend mit dem Kommentar zurück: „Liebe Frau, nehmen Sie die Flasche bitte mit zurück. Sie haben doch selbst nichts zu essen.“

Am 30. September verließen wir Kösternitz. Alle 30 Familienangehörige zweier Generationen meinerseits und die gleiche Zahl auf Seiten meiner Frau haben im Ergebnis des Krieges ihre Heimat verlassen müssen. Kurz vor Weihnachten wurde mein Vater infolge Unterernährung aus der Kriegsgefangenschaft entlassen. Die Eltern reihten sich in das große Heer der Umsiedler ein. Berufliche Benachteiligungen gegenüber den Einheimischen haben wir nie bemerkt. Aber mehrfach betonten unsere Eltern uns Kindern gegenüber, dass einem alles weggenommen werden kann, nur nicht das, was man einmal gelernt hat.“

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