zur Navigation springen

Flucht, Vertreibung, Neuanfang - Ihre Geschichte : Im geschmolzenen Schnee gebadet

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Als 17-Jährige kümmerte sich Erika Bratke um jene Flüchtlingstrecks, die 1944/45 über Schwerin gen Westen zogen

svz.de von
erstellt am 10.Sep.2016 | 00:00 Uhr

In Erika Bratke ist etwas hochgekocht. Erst fing es ganz langsam an zu zischen, dann wurde ihr heiß und dann brodelte es mächtig. Jahrelang hatte sie nicht mehr ans Kriegsende gedacht. Doch jetzt, da im Mecklenburg-Magazin so viele Vertriebene von ihrer Flucht berichteten, drängten sich die Erinnerungen ans Licht. Na gut, dachte sich die aufgeweckte 88-Jährige, wenn es denn so ist, dann möchte auch ich meine Geschichte erzählen – wenn auch aus einer anderen Perspektive. Erika Bratke befand sich 1944/45 zwar nicht selbst auf der Flucht, sie betreute aber wochenlang Flüchtlinge, die in langen Trecks über Schwerin Richtung Lübeck zogen. Sie versorgte sie mit Essen, einem wohltuenden Bad und schenkte ihnen neuen Le-bensmut.

Das Kapitel Flucht und Vertreibung beginnt für Erika Bratke, als sie 17 Jahre alt ist. Soeben hat sie im Weingroßhandel Wöhler eine kaufmännische Lehre begonnen. Eines Tages, sie radelt gerade nach Hause Richtung Warnitz, kommen ihr die ersten Flüchtlingstrecks entge-gen. Von Tag zu Tag werden es mehr. Die junge Erika sieht ihnen Leid, Sorgen und Schrecken an. Und sie sieht, wie plötzlich ein Flugzeug am Himmel erscheint, ganz dicht ist es. „Ich konnte das Gesicht des Fliegers sehen“, erzählt die Schwerinerin, „dann fing der hinter ihm an zu schießen. Auf alles, was sich bewegte, auf die Flüchtlingstrecks.“ Gemeinsam mit zwei Mädels, mit denen sie unterwegs ist, springt sie in den Straßengraben – und direkt auf den Steiß. „Dabei wurde mein Rückgrat so zusammengedonnert, dass es bis heute ein Kreuz mit ihm ist. Mein ganzes Arbeitsleben habe ich mir immer eine Handtasche in den Rücken gelegt. So ging es einigermaßen mit dem Sitzen.“

Mit der Ankunft der Flüchtlinge ändert sich alles für die junge Erika. In ihrem Dorf Warnitz, heute ein Stadtteil von Schwerin, werden 1944 Flüchtlingskinder, die nicht mit ihren Eltern weiterziehen können, bei Großbauern einquartiert. Erika kümmert sich um die Kleinen.

Vom Ortsbauernführer wird sie daraufhin dazu beordert, Flüchtlingsarbeit zu leisten. Das war’s erstmal mit der Ausbildung. Gemeinsam mit ein paar zehn- bis vierzehnjährigen Schülern, die sie an ihre Seite gestellt bekommt, macht sie sich an die Arbeit. Bei ihnen in Warnitz machen all jene Flüchtlinge Station, die nicht weiterfahren oder laufen können, die krank sind oder einen beschädigten Wagen haben. „Es kamen meist ganze Familien mit den Großeltern“, erinnert sich Erika Bratke. „Sie stellten keine Ansprüche und waren froh über einen Schlafplatz. Unterhalten konnten wir uns nur sehr schwer. Sie verstanden uns, sprachen selbst aber nur gebrochen Deutsch. Mit Händen und Füßen ging es aber. Wir waren also ständig damit beschäftigt, die alten Strohbetten zu entsorgen und wieder neue herzurichten. Die Schüler besorgten im Dorf Lebensmittel und meine Mutter, eine gelernte Köchin, und ich rührten Eintöpfe, die aus weißen Bohnen, Erbsen, Steckrüben oder Weißkohl bestanden. Im Winter, nach dem Schlachten, kamen auch mal Schweineknochen mit Resten rein.“ Wochenlang sei das so gelaufen, Tag für Tag. Erika Bratke und ihre fleißigen Helfer konnten nicht klagen, sie bekamen immer irgendwas von den Bauern, die Mitleid hatten. Und von den beiden Gasthöfen wurden sie mit Getränken versorgt. Als einmal das Salz knapp wurde, radelte Erika sogar bis nach Wismar, um sich am Hafen mit Nachschub einzudecken.

Wie ein Wirbelwind treibt die junge Frau Anziehsachen auf und Spielzeug. Das war ihr wichtig, denn die Kinder auf den Trecks besaßen ja nichts mehr. Mit Bällen und Puppen zauberte sie ihnen ein Dauerlächeln aufs Gesicht. Ihr eigenes Lächeln erstarrt, als im Winter 1944 der Schnee fällt. Wie sollen sich die Flüchtlinge jetzt waschen können? Not macht erfinderisch. Gemeinsam mit ihrer Mutter schaufelt sie Schnee in einen großen Bottich. Mit kochendem Wasser bringen sie ihn zum Schmelzen. Das Wasser ist sogar noch warm, als die Heimatlosen hineinsteigen. Erst die Frauen, dann die Männer. 16 Personen teilen sich das Badewasser – und sind glücklich wie lange nicht. Seit Wochen das erste Bad. Derweil werden die Kinder in der Küche in einer Zinkwanne geschrubbt.

Erfinderisch ist Erika auch, als eine junge Mutter ihr Baby plötzlich nicht mehr stillen kann. Was nun? Sie haben keinen Sauger da. Vorsichtig erwärmt die junge Frau ein wenig Milch in einer Glasflasche. Dann hängt sie einen aufgeweichten, umgeknickten Strohhalm hinein. Und siehe da! Es tröpfelt etwas in den Mund des Säuglings. Das Kind ist gerettet.

An die Tränen der Dankbarkeit, die die Mutter in den Augen hatte, erinnert sich Erika Bratke bis heute. „Ich habe ihr dann noch zehn solcher Flaschen mit auf den Weg gegeben.“

Irgendwann ist für die junge Erika der Spuk vorbei. Der Krieg ist zu Ende. Die Flüchtlingsströme versiegen. Erika Bratke hat wieder Zeit für ihr eigenes Leben. Sie heiratet, bekommt Kinder. Arbeitet als Sekretärin beim Gericht, dann bei der Reichsbahn und Transportpolizei. Doch obwohl sie genug um die Ohren hat, kümmert sie sich anfangs weiterhin um jene Treck-Kinder, die in Warnitz geblieben sind. Auch später zwackt sie viel von ihrer freien Zeit ab, um in Heimen und Vereinen für andere da zu sein.

Es ist still geworden in Erika Bratkes kleiner Stube. Eben noch kochte alles hoch, strömten die Erinnerungen aus ihr heraus.

Doch jetzt, da sie alles erzählt hat, breitet sich ein Wohlgefühl in ihr aus. Dankbar schaut die 88-Jährige hinter ihrer kleinen Brille hervor. In ihr ist wieder Frieden eingezogen.

 


zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen