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Flucht, Vertreibung, Neuanfang - Ihre Geschichte : Im ersten Jahr starb die Hälfte der Waisen

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Der Rostocker Dieter Pipin verlor nach einer strapaziösen Flucht aus Tilsit als Neujähriger seine Mutter und verbrachte eine Zeit in einem russischen Waisenhaus

Es war der Spätherbst des Jahres 1944 in Tilsit, meiner Heimatstadt. Die Front kam immer näher, Angst und Panik verbreiteten sich unter den Menschen. Die Angst wurde durch Nachrichten von Gräueltaten in Nemmersdorf vergrößert. Dieser Ort war nicht weit von Tilsit entfernt, nur etwa 50 Kilometer. Der Zeitpunkt unserer Flucht war gekommen.
Ich war damals ein Junge von neun Jahren. Mir war nicht bewusst, was das Fliehen von zu Hause bedeuten würde. Es war für mich alles eher abenteuerlich und interessant. Unser Vater war im Krieg. Unsere Mutter und wir vier Geschwister mussten uns nun von unserem Zuhause verabschieden.

Anfang Januar 1945 waren die Russen durchgebrochen, bekanntlich hatte Gauleiter Koch für die Zivilbevölkerung ein Fluchtverbot erlassen. Dadurch waren wir bereits mitten in das Kriegsgeschehen geraten. Die russischen Streitkräfte hatten Ostpreußen eingekesselt. Es blieb uns nur ein Entkommen über das zugefrorene Frische Haff.

Hier herrschten Chaos und Panik. Viel Militär und Fliegerangriffe prägten die Situation. Auch auf dem Eis herrschte ein heilloses Durcheinander. Die Anweisung, 30 Meter Abstand von Wagen zu Wagen zu halten, wurde nicht immer eingehalten und somit brachen viele Wagen ein und versanken. Auch wir blieben nicht verschont. Glücklicherweise konnten wir uns noch retten, um zu Fuß weiterzulaufen.
Als wir die Frische Nehrung erreichten, richtete ein russischer Angriff mit Bordkanonen sowie Bombenabwürfen erneut großes Unheil unter den Flüchtlingen an. Wir bleiben, Gott sei Dank, unversehrt und zogen dann in Richtung Danzig weiter. Kälte, Hunger, Durst und Angst waren ständige Begleiter. Mehrere Male entgingen wir nur knapp dem Tod.

Dann war der Krieg zu Ende. Wir machten den Fehler, wieder von Danzig in Richtung Tilsit, nach Hause, aufzubrechen. Unser einziges Fahrwerk war ein Kinderwagen, in dem unser jüngster Bruder Manfred saß. Wir hatten all das Elend überstanden und waren froh, wieder zu Hause zu sein. Jedoch sollte das Unglück kein Ende nehmen. Durch den Hunger, die Entbehrungen, durch die Aufopferung für uns vier Kinder war unsere Mutter sehr geschwächt. Sie erkrankte an Wassersucht. Unterernährt, ohne kräftige Nahrung, konnte sie nicht genesen und starb am 5. Oktober 1945.

Da unser Vater im Krieg war, waren wir Kinder nun elternlos. Wir wurden dann von einem russischen Lastwagen abgeholt und in ein russisches Waisenhaus in Budwethen gebracht. Dort waren mehr als 200 deutsche Waisen untergebracht. Im ersten Jahr starb die Hälfte der Kinder an den Folgen von Unterernährung. Die Betreuer waren ausschließlich russische Soldaten und Zivilisten, die auch nur in ihrer Sprache mit uns kommunizierten. Hier herrschte eine Art militärische Hierarchie. Natschalnik, eine Art Unteroffizier, war unser Befehlshaber. Die Zeit der Kolchosengründung war gekommen und Stalin hatte gesagt: „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen.“ So wurde auch hier im Waisenhaus eine landwirtschaftliche Kolchose eingerichtet. Dabei wurden alle Kinder ab dem zehnten Lebensjahr zur Arbeit eingeteilt. Sogar Normen wurden eingeführt. Die Nichterfüllung bedeutete weniger Essen oder gar nichts.

Schließlich begann die Ansiedlung der russischen Bevölkerung, was für uns eine erneute Gefahr brachte, denn nun wurden oftmals Kinder abgeholt und in russische Familien gebracht. Es spielte dabei keine Rolle, ob dadurch Geschwister getrennt wurden oder nicht.

Unsere älteste Schwester Helga hat zu dieser Zeit oft für den Heimleiter gehäkelt und gestickt, sodass wir wenigstens in einer kleinen Gunst standen und zusammenblieben. Bereits nach einem Jahr konnten wir gut russisch sprechen und singen.
Eines Tages verbreitete sich das Gerücht, dass wir das Heim schon bald verlassen könnten. Es kam eine Kommission, die uns befragte, ob wir lieber nach Russland oder Deutschland wollten. Wir wollten natürlich alle nach Deutschland, obwohl wir staunten, dass es noch ein Deutschland gab. Wir hatten ja keine Informationen über all die politischen Entwicklungen nach dem Krieg. Eines Morgens war es dann so weit. Es kamen einige Lastwagen, die uns zum Königsberger Bahnhof brachten. Wir bekamen einige Verpflegung, bestehend aus Brot, Margarine und Zucker. Anschließend wurden wir in Viehwaggons verladen.

Von Berlin ging es direkt nach Erfurt. Von dort wurden alle in verschiedene Orte und Städte verteilt. Wir kamen in einem Ort bei Suhl, der sich Mariesfeld nannte, in ein christliches Kinderheim.
„Kinder sind angekommen!“, rief eine Frau. „Du kannst nicht erkennen, ob Junge oder Mädchen.“ Wir hatten alle keine Haare auf dem Kopf, die wurden uns im Waisenhaus abrasiert. Außerdem hatten wir durch die Unterernährung dicke Bäuche. Für uns war diese Ankunft eine unfassbare Erleichterung. Gute Betreuung, reichliches Essen und ein eigenes richtiges Bett brachten uns große Glücksgefühle. Wir sollten allerdings nicht lange im Kinderheim bleiben. Eines Morgens erwachte ich in meinem Bett und vor mir stand ein Mann in einem alten Militärmantel. Er war unser Vater! Er war aus russischer Kriegsgefangenschaft entlassen worden.

Die Freude war groß! Ein Teil der Verwandtschaft war nach Rostock geflüchtet und dort war auch unser Vater untergekommen. Durch den Suchdienst „Kinder suchen ihre Eltern“ hatte er im Kino ein Brustbild von uns und Informationen über unseren Aufenthaltsort gesehen.

So wurde Rostock unser neues Zuhause. Ein ehemaliges Gefangenenlager am Stadtrand, bestehend aus Baracken, sollte unsere neue Herberge sein. Es war ein schwerer Anfang, denn wir besaßen nichts außer dem, was wir am Leib trugen. Dennoch waren wir glücklich, bei unserem Vater zu sein.

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