Heinrich Seidel : Idylle in der Großstadt

Heinrich Seidel und seine Frau Agnes. Die beiden heirateten 1875 in Schwerin.  Repro: Seidel
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Heinrich Seidel und seine Frau Agnes. Die beiden heirateten 1875 in Schwerin. Repro: Seidel

Von Perlin nach Berlin: Heinrich Seidel verbrachte den größten Teil seines Lebens an der Spree

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08. April 2017, 00:00 Uhr

Vier Jahrzehnte und damit die meiste Zeit seines Lebens, von 1866 bis zu seinem Tode 1906, war Heinrich Seidel ein Berliner. Und er hat diese Stadt, die sich zur Zeit seines Eintreffens gerade anschickte, Weltstadt zu werden, am Ende gemocht – mit Ausnahme vielleicht des Berliner Dialekts. Das kann man einer seiner Weihnachtsgeschichten entnehmen, in der von der aus Pampow stammenden Köchin Lotte und von ihrer Sprechweise die Rede ist: „Man sieht“, schreibt Seidel, „die gute Lotte verwechselte ,mir‘ und ,mich‘, wie das in Mecklenburg vorkommt. Der Berliner tut das nie, der sagt immer ,mir‘, auch wenn’s richtig ist.“

Zwischen seinem Besuch des Polytechnikums in Hannover, wohin er im Herbst 1860 aus Schwerin gegangen war, und seiner Ankunft in Berlin lag allerdings eine zeitweilige Rückkehr nach Mecklenburg. Während seines Aufenthaltes in Hannover starb am 30. Januar 1861 sein schon längere Zeit offenbar an Krebs leidender Vater wenige Tage vor seinem 50. Geburtstag. Besonders auf Betreiben seines Onkels Adolf, der Landwirt war und überhaupt nichts von diesem Studium hielt, beschloss der Familienrat, dass Seidel zurückkommen und wieder in eine Fabrik eintreten solle – um sich von unten auf emporzuarbeiten. Von 1862 bis 1866 arbeitete er in zwei Güstrower Maschinenfabriken und bezog danach mit einem guten Zeugnis die Berliner Gewerbeakademie, um sich bis Juli 1868 theoretisch als Mechaniker auszubilden.

Die Ankunftshalle des Anhalter Bahnhofs auf einem zeitgenössischen Foto
Die Ankunftshalle des Anhalter Bahnhofs auf einem zeitgenössischen Foto
 

Die anschließende Suche nach einer Anstellung erwies sich als schwierig: Erst am 1. September 1868 kam er im technischen Büro der Firma Wöhlert unter, einer der führenden Berliner Maschinenfabriken. Am 1. November 1872 begann mit seinem Eintritt in das Büro der „Berlin-Anhaltischen Eisenbahngesellschaft“ Seidels entscheidende Tätigkeit als Ingenieur. Über sein Hauptwerk, auf das er zeitlebens besonders stolz war, schrieb er in seiner Autobiographie: „Später als ich im Jahre 1872 auf das Neubaubureau der Berlin-Anhalter-Bahn übersiedelte, begünstigte mich das Glück noch mehr, und ich erhielt eine Aufgabe, die in dieser Ausdehnung auf dem ganzen Kontinente noch nicht vorgekommen war, nämlich die Konstruktion des eisernen Daches der mächtigen Ankunftshalle, das eine Spannweite von 62 Meter besitzt.“ Die Rede ist natürlich vom Anhalter Bahnhof: „Wem die Straße ,Unter den Linden‘ bekannt ist, der kann sich davon eine Vorstellung machen, denn die Breite dieser Straße beträgt 60 Meter“, fügte der Konstrukteur stolz hinzu. Trotzdem beendete Seidel 1880 seine Tätigkeit bei der Berlin-Anhalter-Bahn und lebte die folgenden 26 Jahre als freier Schriftsteller.

Am 14. Mai 1875 heirateten der 33-jährige Heinrich Seidel und die 18-jährige Agnes Becker, die Tochter eines Hamburger Kaufmanns, in Schwerin, in der Wohnung seiner Mutter. Ohne Hochzeitsreise fuhren sie zurück nach Berlin und bezogen dort eine Wohnung in der Frobenstraße 36. Fünf Jahre später zogen Seidel, seine Frau und seine beiden ältesten Kinder in eine neue Wohnung in einer ländlichen Gegend unter der Adresse „Am Karlsbade 11“ – zu diesem Zeitpunkt offenbar noch eine Idylle in der Großstadt, wo noch die Nachtigall in der grünen Wildnis nistete, in der ein Garten an den anderen grenzte, die Nachbarn Hühner und Schweine hielten, „und wenn, was selten vorkam, ein Radfahrer durch die Straße fuhr, so traten die Leute ans Fenster und betrachteten belustigt die ungeheure neumodische Maschine, auf der in bedrohlicher Höhe ein unglücklicher Zeitgenosse befestigt war und das gebirgige Pflaster der Potsdamer Vorstadt verwünschte.“ So berichtet es Seidels ältester Sohn Heinrich Wolfgang.

Als Heinrich Seidel nach einigen harten Jahren aus seiner Schriftstellerei endlich einigen Ruhm und Gewinn zog, zog die Familie 1895 nach Lichterfelde. Dort kaufte er sich ein Haus „Sieben Minuten vom Bahnhof, acht heizbare Zimmer, prachtvoller Keller, hübscher Garten mit Obstbäumen“, wie es am 30. Mai 1894 in einem Brief an seine Schwester Frieda in Braunschweig heißt.

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