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Flucht, Vertreibung, Neuanfang - Ihre Geschichte : „Ich vergesse meine alte Heimat nicht“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Hildegard Wellnitz erinnert sich an die Flucht aus Pommern nach Mecklenburg: „Wir hatten nichts – nur Hunger und Durst“

Es gibt noch viele Erlebnisse und Erinnerungen an die alte Heimat! Diesen Satz hat Hildegard Wellnitz ihrem Bericht vorangestellt. Sie kommt aus Pommern und lebt heute in Crivitz.

Sie schreibt: Ich lese oft die Volkszeitung und bin überrascht, dass noch viele jetzt alt gewordene Vertriebene aus Hinterpommern, Ostpreußen und dem Sudetenland ihre Jugenderlebnisse in der SVZ schildern. Jetzt, da viele Flüchtlinge aus anderen Ländern kommen, sind die Erinnerungen für uns Vertriebene wieder da. Wir haben viel zu lange geschwiegen. Ich war zwölf Jahre, als der zweite Weltkrieg zu Ende ging. Auch unsere Stadt Lauenburg/Pommern erlebte Luftangriffe und wir Kinder waren glücklich, nachts im Keller zu schlafen und darüber, dass unser Haus überlebt hatte. Wir hörten die Großangriffe auf Danzig und unsere Stadt Lauenburg brannte in der Innenstadt im März 1945 aus. Die Russen waren da und wir lebten in großen Ängsten. Meine Mutter und andere Frauen, die bei uns Unterschlupf hatten, erlebten Schreckliches.

Mein Großvater und Vater waren nicht mehr da und zwei Brüder meiner Mutter waren im Krieg geblieben. Meine Oma unterstützte uns sehr. Sie wusste immer Rat, wenn die Not groß war.

Wir erlebten im Mai das Kriegsende und hofften, dass es jetzt besser würde. Da kamen die Polen und es wurde für uns Deutsche nicht besser. Meine Mutter wollte nicht, dass wir eine polnische Schule besuchten. Im Oktober kam die Nachricht, dass wir aus unserem Haus vertrieben wurden und ausziehen müssten. Mit Müh und Not packten wir ein paar Sachen ein und wollten zu Verwandten nach Berlin. Der Zug von Lauenburg nach Stettin war eine Woche unterwegs, ohne Essen und Trinken. Die paar Sachen, die wir eingepackt hatten, wurden uns abgenommen. Ich wusste jetzt, was Hunger und Durst sind. Mein Bruder und ich suchten nach Wasserstellen, wenn der Zug hielt. Meine Mutter hatte immer Angst, dass wir verloren gehen könnten.

In Stettin angekommen, gab es einen Zug nach Berlin. Meine Oma hatte herausgefunden, dass ein Zug nach Anklam fuhr. In Anklam angekommen, erfuhren wir nach zwei Wochen, dass ein Güterwagen mit Kartoffeln nach Berlin geschickt würde. Im Dunkeln kletterten wir auf den Wagen und sind heil in Berlin angekommen. Dort nahm mich meine Oma auf den Schwarzmarkt mit, um Essen zu bekommen. Berlin war stark bombardiert und im Lager fühlten wir uns nicht wohl. Es war stark überfüllt und es kamen immer neue Flüchtlinge. Wir wurden mit dem Zug nach Schwerin ins Arsenal geschickt, danach weiter nach Crivitz. Dort angekommen, bekamen wir Unterkunft im Saal des Crivitzer Schützenhauses. Wir schliefen auf Stroh und hatten nichts weiter als Hunger und Durst. Die Wrucken, die mein Bruder und ich von den Feldern holten, haben wir mit Wonne gegessen.

Nach einer Woche wurden wir Kinder in einem grünen Haus dicht am Krankenhaus untergebracht. Endlich konnten wir auf kleinen Betten richtig schlafen und wir bekamen Essen und Trinken. Alle Kinder hatten Läuse. Mein dickes Haar wurde abrasiert. Ich heulte wie ein Schlosshund, aber ich war auch froh, dass die Läuse weg waren. Endlich bekamen wir ein Zimmer für zwei Erwachsene und vier Kinder. Die Küche hatten wir mit einer siebenköpfigen Familie aus Ostpreußen. Später hatten wir eine größere Wohnung in einem alten Crivitzer Haus, Ein paar Möbel bekamen wir von Crivitzer Familien geschenkt. Dann wurden wir auch in die Schule geschickt. Ich bin gern hingegangen und trotz meiner Glatze hatte ich Freundinnen. So langsam gewöhnten wir uns an den Crivitzer Dialekt. Plattdeutsch sprechen konnte ich nicht. Im grünen Haus (Praxis Dr. Scholz) war inzwischen ein Kindergarten eingerichtet.

Ich bin gern dort hingegangen und hatte den Wunsch, einmal Kindergärtnerin zu werden und ich wurde mit 16 Jahren als Vorschülerin eingestellt. Mein weiteres Ziel war mit 18 Jahren Erziehungshelferin, danach das Examen in Schwerin als Kindergärtnerin.

Ich lernte meinen Mann kennen und wir blieben in Crivitz, heirateten und hatten eine Familie. Mein Beruf hat mir viel Freude gebracht und ich bin dann als Rentnerin vor 25 Jahren ausgeschieden.

Mein Mann war auch Umsiedler aus Pommern und er erzählte oft meinen Kindern seine Kriegs- und Vertriebenenerlebnisse. Jetzt wurde Crivitz unsere neue Heimat. Wir waren beide Mitglieder bei der Freiwilligen Feuerwehr und waren dort gerne nach der Arbeit tätig, ebenso wie meine Kinder. Wir hatten viel Kontakt zu den damaligen Crivitzer Vereinen. Ich bin für meine lange Mitgliedschaft bei der Freiwilligen Feuerwehr ausgezeichnet und Ehrenmitglied geworden.

Trotz langer Zeit vergesse ich meine alte Heimat in Lauenburg/Pommern nicht. Mit meinem Mann sind wir oft nach Polen gefahren und haben Erinnerungen aufleben lassen. Jetzt bin ich allein mit meinen Kindern, Enkeln und Urenkel und bin Crivitzerin.

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