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Flucht, Vertreibung, Neuanfang - Ihre Geschichte : „Ich hatte aufgehört, ein Kind zu sein“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Eveline Prosenc verlor durch den Krieg den Vater, die Heimat und die Unbeschwertheit eines kleinen Mädchens

Als Eveline Prosenc als Kind das Sudetenland verlassen muss, spürt sie, dass es ein Abschied für immer ist. Es zerreißt ihr das Herz. Die heute 80-Jährige sollte ihr Maffersdorf bei Reichenberg nie wiedersehen. Schon vor vielen Jahren hat die Schwerinerin, die heute elf Urenkel hat, ihre Erinnerungen zu Papier gebracht.

„Lange hatte ich meinen Vater nicht gesehen, er war im Krieg. Jeden Tag lief ich zum Briefkasten, um zu sehen, ob ein Feldpostbrief von ihm angekommen war. Das Schönste für mich war, dass er jedes Mal ein Tier oder ein anderes Motiv darunter gemalt hatte sowie ein paar liebe Worte, ganz allein für mich. Ich liebte Vater abgöttisch und sehnte mich danach, ihn wieder bei uns zu haben. Oft hörte ich in dieser Zeit Mutter nachts weinen. Dann kroch ich zu ihr ins Bett und sie erzählte mir, wie schrecklich der Krieg sei. Sie war aber sicher, dass er nicht mehr lange dauern würde. Von da an wartete ich täglich auf das Ende des Krieges und vor allem auf Vater. Aber er kam und kam nicht. Es blieben auch seit vielen Wochen seine Briefe aus.

Es war Frühling geworden. Wir Kinder hatten schon lange keine Schule mehr, da heulten plötzlich die Sirenen. Fliegeralarm. Wir liefen in unseren Keller. Es dauerte nicht lange, dann war der Spuk vorbei. Der Bahnhof und die Schule waren getroffen worden. Ein paar Nächte später erwachte ich von einem Rattern und Dröhnen. Schnell zog ich mich an und lief mit meiner Schulfreundin hinaus. Die ganze Straße entlang fuhr Panzer an Panzer. Auf den Panzern saßen Soldaten mit schwarzen Gesichtern. Sie winkten uns fröhlich zu und lachten, dass ihre schneeweißen Zähne nur so blitzten. Mutter sagte, das seien amerikanische Soldaten. Plötzlich warf ein Soldat eine Tafel Schokolade über den Zaun. Als wir nach dem Essen wieder am Zaun erschienen, war die Straße immer noch voller Panzer, aber die Soldaten die darauf saßen, hatten ganz andere Uniformen. Sie warfen keine Süßigkeiten, lachten aber freundlich. Mutter meinte, es wären Russen. Als dann das Fußvolk die Straße bevölkerte, holten uns unsere Mütter ins Haus. Mutter sagte: „Ihr seht doch wie abgerissen und müde diese Soldaten vom Krieg sind. Sie haben kaum selbst etwas zu essen. Also setzt euch ans Fenster und guckt euch alles von oben an, es ist besser so.“

Der Krieg ist zu Ende. Mutter und ich warten immer noch auf Vater. Mutter versorgt das Baby, meine kleine Schwester, die unser Vater noch nie gesehen hat. Nun müssen wir eine weiße Binde am Arm tragen, dass wir als Deutsche schon von Weitem erkennbar sind. Vor Kriegsende haben wir im guten Einvernehmen gelebt mit den Tschechen, hatten die gleichen Sorgen und Nöte und die Erwachsenen hielten oft ein Schwätzchen miteinander. Jetzt ist alles anders. Meine Freundin, mit der ich noch die Süßigkeiten geteilt hatte, dur-fte nicht mehr mit mir sprechen und spielen.

Es ist langweilig so ohne Freunde und ohne Schule. Drum nehme ich meinen Platz am Fenster ein, wo ich die ganze Straße im Auge habe. Viele unserer Nachbarn sind schon fort. Ich bin inzwischen acht Jahre und übernehme kleine Einkäufe für meine Mutter. Früher hat es mir Spaß gemacht, heute nicht mehr. Die Deutschen, erkennbar durch die weiße Binde, werden oft widerwillig bedient.

Einmal hatte mich Mutter zum Wurstbrüheholen geschickt. Ich war auf dem Nachhauseweg und strebte mit einer Milchkanne der Neißebrücke zu. Plötzlich kam eine Horde tschechischer Jungen angerannt. Sie umzingelten mich, beschimpften und schlugen mich. Einer trat mit voller Wucht gegen meine Kanne. Im Nu war ich mit einer Fettschicht von der Wurstbrühe überzogen. Sie drängten und schubsten mich zum Brückengeländer und wollten mich hinunter in die Neiße werfen. Ich hatte grauenvolle Angst. Ich sah mich schon in acht Metern Tiefe zwischen den großen Steinen liegen, denn der Fluss führte sehr wenig Wasser. Plötzlich hörte ich einen Mann rufen. Er kam angelaufen und verjagte die Meute. Es war ein Tscheche. Ich hockte zitternd am Geländer, was ich mit aller Kraft umklammert hielt. Gott, wie war ich ihm dankbar. Sanft löste er meine Hände von der Säule und strich mir über den Kopf. Mit weichen Knien stand ich auf, bedankte mich und lief so schnell mich meine zittrigen Beine trugen nach Hause.

Dann war es auch für uns so weit. Im Zug ging es ins Ungewisse. Ich konzentrierte mich auf die schöne heimatliche Landschaft. Wollte sie mir ins Gedächtnis einprägen. Auf einmal tauchte unser Jeschken auf, sozusagen der Hausberg von Reichenberg, wo ich mit meiner Familie so gerne war. Langsam wurde er immer kleiner, bis er ganz entschwand. Mir zerriss es bald das Herz. Ich schluchzte und steckte auch die anderen an. Ich spürte, dass mir in diesem Augenblick meine Wurzeln weggerissen wurden.“ Gemeinsam mit den Großeltern landet Eveline Prosenc in Schwanheide im Kreis Hagenow. Es war eine schwierige Zeit für die Mutter, die von Kinderlähmung gehbehindert war und für zwei alte Menschen und die Kinder mit nur wenig Geld auskommen musste. Eveline Prosenc schreibt: „Sie hatte Arbeit in der Hühnerfarm gefunden. Ich hatte schon aufgehört, ein Kind zu sein. Zum Spielen und Toben hatte ich fast keine Zeit. Trotzdem ging ich sehr gern in die Schule. Dank meines Lehrers bekam ich in Boizenburg eine Lehrlingsstelle in der Verwaltung. Leider konnte ich die nicht beenden, da ich mit 17 Jahren schwanger wurde und heiratete. Es gab noch keine Kinderkrippen, wo ich mein Kind hätte hingeben können, um arbeiten zu gehen. Es begann für unsere kleine Familie eine schöne Zeit, zwar voller Einschränkungen, mit ganz wenig Geld, aber mit viel Liebe und Harmonie.“

Und ihr Vater? Was war mit ihm? Lange haben Eveline Prosenc und ihre Schwester alles Mögliche versucht, um zu erfahren, was mit ihm passiert ist. Erst viele Jahre nach dem Krieg, als sie selbst Kinder hatten, erfuhren sie offiziell von seinem Tod. Was Eveline Prosenc von ihm blieb, waren einzig seine lieben Feldpostbriefe mit den lustigen Zeichnungen.

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